1. Auflage 2012

 

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Umschlagsgestaltung und Fotos: Hans Dieter Ludwig

 

 

Camino de Santiago

 

Vortragsreihe über den

 

Jakobsweg

 

Teil IV

 

Zwischen Trabadelo und Santiago de Compostela

 

von

 

Hans Dieter Ludwig

 

 

 Dir, Gott des Friedens zugewandt,

 Lass uns den Tag erfüllen,

 Das Herz, das nun die Ruhe fand, in dir zu ruhen,

 ist eins mit deinem Willen.

 Wir treten vor dein Angesicht,

 wir gehen leise Schritte.

 Und wenn wir kreisen um dein Licht, wie Monde tun,

 sei du selbst uns´re Mitte.

 

Mit diesem Gebetstext von Jörg Zink möchte ich mit ihnen gemeinsam das Ziel meiner Reise erreichen, Santiago de Compostela, die Stadt des Apostels Jakobus des Älteren.

Die Tage vergingen wie im Flug. In Sahagún musste ich mich von Inge, Karin und Hildegard verabschieden denn deren Reise war hier beendet. Sie kehrten zurück in ihr Leben. Inga-Marie hatte uns schon in Ledigos verlassen, sie wollte noch weiter gehen und in einer anderen Herberge übernachten.

Es war ein trauriger Moment, plötzlich wieder mit sich und seinen Gedanken alleine zu sein. Ich hatte mich an die Begleitung gewöhnt auch wenn wir uns nur nach einer Tagesetappe in der Herberge trafen. Alleine das Wissen um dieses sich - täglich Treffen – war ein probates Mittel, der Einsamkeit zu entfliehen.

Nun stand ich wieder auf dem Camino mit der Erkenntnis, ohne diese mir inzwischen so vertrauten Menschen meinen Weg vollenden zu müssen. Das Bild des Abschieds hatte sich in mein Innerstes gehakt wie eine Klette an die Kleidung. Der letzte Blick zurück, das Winken und das sich voneinander Entfernen waren Bestandteil verschiedenster gedanklicher Betrachtungen in den nächsten Stunden meines Weges. Es fiel mir schwer zu akzeptieren,  was unumstößlich war. Die Einsamkeit hatte mich wieder.

 

- Ich zitiere aus meinen Aufzeichnungen -

 

„Das Gefühl, wieder allein zu sein, geht einher mit einer tiefen Traurigkeit. Die anregenden Gespräche und der damit verbundene Austausch von Gedanken werden mir fehlen. Ich vermisse die liebenswürdige Art der vier Pilgerinnen. Sie waren die Strohhalme am Rand meines Weges, an denen ich mich, wenn auch nur für kurze Zeit, festhalten konnte.

Carpe Diem – pflücke den Tag – ist die Botschaft, die sie mir hinterlassen haben. Ich werde versuchen, sie zu beherzigen.

 

- Zitat Ende -

 

Zehn Tage nach diesem schmerzhaften Abschied war ich auf dem Weg nach La Faba. Heute war ich in Begleitung eines fünfundsechzigjährigen Berliners, den ich in der letzten Herberge kennen gelernt hatte. Werner, so hieß der Peregrino, hatte von seinen Kindern zum Renteneintritt eine Reise geschenkt bekommen, die ihn nach Saint Jean Pie de Port führte. Von dort aus hatte er sich auf den Weg nach Santiago de Compostela gemacht. Wie er mir erzählte, kam für ihn dieses Geschenk so überraschend, dass er alles bis kurz vor seiner Abreise noch für einen Scherz gehalten hatte. Erst als er im Flieger saß, realisierte er, dass er sich auf der Fahrt zum größten Abenteuer seines Lebens befand. Er erzählte weiter, dass ihm auf dem Flug erst bewusst geworden ist, dass er sich innerlich so gut wie gar nicht auf diesen Weg vorbereitet hatte. Inzwischen sei der Camino für ihn nichts anderes, als eine schöne Wanderung durch die Landschaften Nordspaniens. Auf meine Frage, ob er nicht dass Gefühl haben würde, das seine Reise mehr sei als nur wandern meinte er, das er mit spirituellen Gedanken auf Grund seines Lebens fern von religiösen Dingen in der ehemaligen DDR nichts anfangen könne. Selbst das Abenteuer hätte sich nach ein paar Tagen schon in einen eintönigen Alltag gewandelt. Ihm sei oft langweilig gewesen, wenn er alleine unterwegs war und er hätte immer wieder den Kontakt zu anderen Pilgern gesucht nur um sich nicht so einsam zu fühlen.

 

- Ich zitiere aus meinen Aufzeichnungen -

 

Ich muss feststellen, dass sich meine Wahrnehmung grundlegend von seiner unterscheidet. Ich frage mich, ob seine Sicht der Dinge nicht die Bessere ist. Aber was wäre dieser Weg ohne die Gedanken, ohne die Einsichten, ohne die Wahrheiten und ohne die Erkenntnisse, die ich gewonnen habe. Wie arm wäre mein Weg ohne diese Erfahrungen, ohne dieses Erleben?

 

- Zitat Ende -

 

Dann war es soweit, wir erreichten den Beginn des steilen, 900 Höhenmeter messenden Anstieges nach O Cebreiro, auf dem etwa in der Hälfte des Weges der Ort La Faba, meinem heutigen Ziel, lag. Dort wo wir jetzt standen, trennen sich die Wege von Fußgängern und Radfahrern. Letztere wurden über die Nationalstrasse   N-IV um den steilen Anstieg herumgeleitet. In meinem Wegbegleiter wurde dieser Aufstieg als eine „Herausforderung an die Kondition“ beschrieben. Im Sprachgebrauch deutscher Pilger wird in Anlehnung an den Ort O Cebreiro die Steilpassage auch als „Oh! Krepiero“ bezeichnet.

Werner war ein gemütlicher Geher, seine Schritte langsam und ruhig. Auf der bisherigen, gemeinsamen Strecke hatte mich dass in keiner Weise gestört aber nun, da es um den Anstieg ging, musste ich meinen eigenen Schritt gehen – und der war gerade auf einer Steigung – wesendlich schneller.

Ich verabredete mit Werner, dass ich in La Faba am Abzweig zur Herberge auf ihn warten würde und stapfte los. Die 500 Höhenmeter bis La Faba hatte ich in einer Rekordzeit zurückgelegt. Es war zwar anstrengend und der Schweiß rann in Bächen über mein Gesicht, trotzdem fragte ich mich allen Ernstes, was daran so schwierig sein sollte, diesen Berg zu bezwingen. Ich fühlte mich topfit und überlegte am Abzweig zur Herberge, ob wir nicht doch noch weiter nach O Cebreiro wandern sollten, um die Nacht dort zu verbringen. Die Entscheidung wollte ich nicht alleine treffen, deshalb wartete ich auf die Ankunft von Werner. Doch nach einer halben Stunde des Wartens wurde ich etwas unruhig. „Es wird doch auf dem Weg nichts passiert sein“ dachte ich - beschloss aber, noch etwas zu warten.

Nach einer weiteren viertel Stunde des Wartens war ich mir fast sicher, dass etwas passiert sein musste, denn weit und breit war von Werner nichts zu sehen. Ich brachte meinen Rucksack zur Herberge, die keine fünfzig Meter abseits des Weges stand und machte mich danach auf die Suche nach Werner. Den gesamten Weg, den ich vorher hoch gestürmt war, lief ich jetzt in umgekehrter Richtung wieder zurück. Es dauerte nicht lange und ich erreichte den Punkt, an dem wir uns getrennt hatten. Von Werner keine Spur. Was mag mit ihm auf dem Steilpfad geschehen sein? Gedankenversunken machte ich mich wieder auf den Aufstieg zur Herberge, der ohne Gepäck erheblich einfacher zu bewältigen war.

Oben angekommen musste ich mir eingestehen, dass ich meinen Mitpilger aus irgendeinem Grund verloren hatte. Ich setzte mich noch eine Zeitlang auf die Mauer, die das Areal der Herberge einschloss in der Hoffung, dass doch noch ein Wunder geschehen würde und der verlorene Sohn irgendwann auftauchen würde.

Während ich von meinem Aussichtspunkt den Weg beobachtet, der unterhalb der Mauer vorbeiführte, hörte ich plötzlich zarte Töne, die wie ein Hauch in der Luft schwebten und sich zu einer Melodie formten. Sie kamen aus der in der Nähe der Herberge liegenden kleinen Kirche. Ein Romanischer Bau mit einem Giebelturm und einer offenen Nartex, vor dem Portal.

Ich verließ meinen Platz und ging hinüber zur Kirche. Die Melodie, die mir entgegen wehte, kannte ich, denn es war ein Lied aus Taizé, einem jener religiösen Zentren der meditativen Andachten und Gebete in der christlichen Welt. Ende der 60er Jahre durfte ich für eine Woche dort leben, beten und arbeiten. Es war für mich ein tiefes Erlebnis, dort einen ganz besonderen Menschen kennen gelernt zu haben, der seine Gedanken ganz auf Gott ausgerichtet hatte und seine Erkenntnisse in einem einzigartigen Projekt mit abertausend jungen Leuten teilte. Der Gründer dieses ökumenischen Ordens, Roger Schutz, eher bekannt als Frére Roger, wurde 2005 von einem psychisch kranken Rumänen während eines Gottesdienstes erstochen. Seine Vision eines gemeinsamen Achtens und Beachtens lebt bis Heute weiter.

Im Inneren der Kirche empfing mich, wie in jeder anderen spanischen Kirche auch, der mir inzwischen vertraute, üppige, mit viel Liebe und Hingabe aufgestellte Blumenschmuck. Ich konnte mich nicht erinnern, in den vergangenen Tagen und Wochen jemals eine spanische Kirche betreten zu haben, in der mich nicht die opulenten Blumengebinde fasziniert hätte. Nicht einmal sah ich in den Gotteshäusern je eine verwelkte Blume oder gar einen vertrockneten Blumenstrauß. Es waren, wie hier in La Faba, immer frische Blumen, die, zu Ehren Gottes, der Jungfrau Maria oder einem der vielen Heiligen, die Vasen füllten.   

Ich setzte mich in eine der Bänke und lauschte der leisen Musik. Es dauerte nur einen kurze Zeit und die Musik trat in den Hintergrund und machte Raum für andere Geräusche um mich herum.

 

- Ich zitiere aus meinen Aufzeichnungen -

 

"Es ist, als würden der Gesang der Vögel, das Zirpen der Grashüpfer und das Summen der Fliegen direkt in meinem Kopf stattfinden. Selbst der Hauch des Windes ist in mir. Meine Gedanken kommen zur Ruhe und vergehen in dieser, mich erfüllenden Melodie."

 

- Zitat Ende -

 

Dieses Gefühl in mir dauerte nur wenige, kurze Augenblicke und doch kam es mir vor, als seinen Stunden vergangen. Ich fühlte mich erholt und frisch als hätte der heutige Tag nicht stattgefunden, als sei ich gerade erwacht aus einem langen, tiefen Schlaf.

„Ius primae noctis“ ist das „Recht der ersten Nacht“. Im Mittelalter wurde dieses Recht, das im übrigen weder durch königliche Gewalt noch durch kirchliche Stände sanktioniert  war, von den Lehnsherren durchgeführt, um die Leibeigenschaft und damit die Abhängigkeit zum Gutsherren zu demonstrieren. Es bedeutete für all die Leibeigenen, dass die Hochzeitsnacht alleine dem Gerichtsherren und Fürsten zustand.

„Ius primae noctis“ war der Leitspruch der Herberge, die vom Stuttgarter Verein zur Förderung von mittelalterlichen Pilgerwegen „Ultreia“ betrieben wurde. Mit dem Wissen um dieses Recht kam mir dieser Leitspruch mehr als merkwürdig vor, doch nach der Erklärung der deutschen Hospitalera war mir klar, was damit gemeint war. Ein jeder Schwabe hatte das Recht auf die erste Nacht und damit war gemeint, eine kostenfreie Übernachtung, wenn er ein Gedicht von Schiller vortragen konnte. Nun – ein Gedicht von Schiller hätte ich vortragen können – einige Verse aus der Glocke oder auch das Gedicht vom Erlkönig, aber, ich war leider kein Schwabe. Eigentlich war die Übernachtung sowieso kostenfrei, es wurde nur um eine Spende für das am nächsten Morgen stattfindende Frühstück gebeten. Also war das Ganze wohl mehr als Gag gedacht.

Ich brachte meine Sachen unter und machte mich danach auf den Weg in den kleinen Ort in der Hoffnung, doch noch auf Werner zu treffen. Doch nach weniger als fünfzehn Minuten, länger dauerte es nicht, den Ort zu durchwandern, war klar, dass Werner verschwunden blieb. Selbst in der zweiten Herberge, die einen Steinwurf entfernt von meiner Unterkunft lag, war er nicht eingekehrt. Sicher hat er genau das gemacht, was ich mir während des Wartens auf ihn überlegt hatte, nämlich weiter nach O Cebreiro zu gehen.

Als ich zurück zur Herberge kam, erreichte Johanna gerade ihr Ziel. Ich hatte sie, wie Werner, in der letzten Unterkunft kennen gelernt. So sehr ich mich mühte  war ich nicht in der Lage, ihr Alter zu schätzen. Sicher lag das daran, dass sie durch ihre unglaubliche, aber liebenswürdige Naivität ihr wahres  Alter perfekt verschleiern konnte. Sie brachte es zum Beispiel fertig, ohne Trinkwasser von Villafranca del Bierzo aus den Camino Duro zu laufen, vor dem in jedem Reiseführer ausdrücklich gewarnt wird, weil er Aufgrund seines unwegsamen und schwierigen Geländes eine große Herausforderung für jeden Pilger  darstellt. Auch gab es auf diesem Teilstück keine Möglichkeit, sein Trinkwasser zu ergänzen. Sie kam in Trabadelo total dehydriert an und stand kurz vor einem Kreislaufzusammenbruch weil sie vergessen hatte, genügend Wasser auf diesen Weg mitzunehmen.

Und nun war sie hier und fiel mir um den Hals und Worte sprudelten aus ihr heraus, als hätte jemand die Schleusen geöffnet. Nein - ihr  konnte man nicht böse sein, sie war wie sie war und jeder Versuch, sie zu ändern, würde wahrscheinlich in einer Katastrophe enden.

Nachdem ich gemeinsam mit Johanna das Abendessen in der einzigen Bar des Ortes beendet hatte, drängte sie darauf, schnellst möglich zurück zur Herberge zu gehen denn sie würde gerne die Glocke zur Pilgermesse läuten, die um zwanzig Uhr stattfinden würde, dass jedenfalls hätte sie mit der Hospitalera verabredet.

„Typisch Johanna!“ dachte ich, und beeilte mich, ihr zu folgen.

Tatsächlich läutete kurze Zeit später Johanna die Glocke der Kirche und ich konnte sehen, dass sie glücklich war, dies tun zu dürfen und um dieses „glücklich sein“ beneidete ich sie ein wenig.

Ein Franziskanerpater zelebrierte den Wortgottesdienst. In seiner brauen Kutte mit dem Hüftstrick und dem schmucklosen großen Kreuz auf seiner Brust stand er vor der barocken Retabel wie ein Relikt aus einer anderen Zeit. Der Gottesdienst hatte durch ihn eine andere Bedeutung, eine andere Gewichtung. So war meine Aufmerksamkeit ganz und gar auf den Ablauf des Geschehens gerichtet.

Irgendwann im Verlauf des Gottesdienstes entzündete der Pater eine Kerze mit dem Hinweis, dass in dem Licht der Kerze die Gedanken eines jeden aufgehen  und als Gebet zum Himmel aufsteigen sollen. Er gab die Kerze dem ersten Pilger in der vorderen Bank mit der Bitte, doch allen anderen den Grund für seine Pilgerfahrt zu nennen.

Der erste Pilger war allem Anschein nach ein Priester. Er erzählte, dass er aus Dankbarkeit pilgern würde. Er wäre in der ehemaligen DDR aufgewachsen und durfte dort nicht seiner Berufung folgen, Priester zu werden. Erst nach der Wende hätte er die neue gewonnene Freiheit nutzen können, um diesen Beruf zu ergreifen. Er fügte hinzu, dass er allen Menschen auf dieser Welt Frieden und Freiheit wünschen würde, dafür würde er beten.

Der Nächste, eine Pilgerin, hatte eine schwere Krankheit überwunden und ging aus Dankbarkeit der Genesung, wieder ein anderer ging für seine Familie und seine Freunde. Nicht jeder hatte dazu etwas zu sagen sondern gab die Kerze einfach weiter an den Nächsten.

Und so wanderte das Licht weiter von Hand zu Hand und kam mir immer näher. Je näher es kam, umso mehr fürchtete ich den Moment, in dem ich dieses Licht  in meinen Händen halten würde. Von einem Augenblick zum Anderen  war die Trauer um meinen Freund wieder präsent. Das was ich sagen würde lag klar und deutlich vor mir, schnürte mir aber gleichzeitig die Kehle zu. Ich überlegte, die Kerze einfach weiter zu geben aber als das Licht in meinen Händen leuchtete nahm ich allen Mut zusammen und sagte:

„Ich pilgere mit meinem Freund durch Spanien. Er ist im November des letzten Jahres mit Neunundfünfzig Jahren gestorben. Ich trage ihn nach Santiago de Compostela.“

Die letzten Worte gingen unter in einem Schwall von Tränen, die  meine Stimme erstickten. Rasch gab ich die Kerze weiter um mich meiner Trauer zu ergeben. Ich glaubte, sie überwunden zu haben aber ich wurde eines Besseren belehrt. Meine Trauer um Manfred war ungebrochen groß und wühlte mein Innerstes auf, wie ein Sturm die Oberfläche eines Meeres. Es war für mich eine schmerzliche Erfahrung, sein Bild ständig in mir zu sehen und nichts an seinem Tod ändern zu können.

Erst, als die Kerze beinahe den letzten Pilger erreicht hatte, konnte ich wieder klar denken und der Messefeier folgen.

Nach einer symbolischen Fußwaschung an fünf Pilgern, die stellvertretend für alle diese Zeremonie erleben durften, wurden wir alle zum Friedensgruß an den Altar gebeten. Jeder gab dem Anderen die Hand oder umarmte sein Gegenüber mit den besten Wünschen für den weiteren Weg. Der Priester wünschte mir die Gnade Gottes, nahm mich in den Arm und sagte:

„Trag deinen Freund nach Santiago!“

Ich konnte die guten Wünsche nicht erwidern denn jedes Wort von mir hätte mich meiner Fassung beraubt. So blieb ich stumm. Ich glaube, er hat mir das nicht übel genommen.

Die Nacht in der Herberge war sehr unruhig. Eine verirrte Fledermaus sorgte für große Aufregung. Vor allen Dingen waren es die Frauen, die mit angstvollen Augen und dunklen Gedanken an Dracula den Schlafraum panisch verließen, bis ein beherzter junger Mann dem Spuk ein Ende bereitete, indem er den kleinen Störenfried mit einem Bettlaken in Richtung des offenen Fensters scheuchte. Der kleine Vampir fand auch sofort den Weg in die Freiheit der Nacht.

Doch damit nicht genug, einmal wach fanden die Frauen kein Ende, die spannendsten Gedanken miteinander auszutauschen. Es brauchte noch mehr als eine Stunde, bis so langsam Ruhe einkehrte. Aber auch danach ließen  mich die Gedanken an den vergangenen Tag nicht los und es dauerte sicher noch einmal eine Stunde, bis ich endlich eingeschlafen war. 

Das gemeinsame Frühstück am nächsten Morgen entschädigte mich für die vergangene Nacht. Mit unglaublich viel Liebe und Hingabe hatten die beiden Hospitaleras den Tisch gedeckt. Frische Blumen, frisches Brot, frischer Kaffee – das erwartete mich bisher längst nicht jeden Tag. Dementsprechend gut war die Laune aller Pilger. Im Schlaraffenland wären wir sicher nicht besser bedient worden. Nach einer gemütlichen Stunde des Frühstückens machte ich mich wieder auf den Weg gen Westen, in Richtung Santiago. Im Halbdunkel des neuen Morgens verließ ich La Faba und folgte dem Weg bergauf nach O Cebreiro. Der Anstieg war im Gegensatz zu Gestern sehr moderat. Über Farn bestandene Hänge, die man jedweden Baumbestandes beraubt hatte, erreichte ich nach nicht einmal einer Stunde die Grenze Kastiliens und der große Grenzstein, an dem ich nun stand, sagte mir, das ich endlich Galicien erreicht hatte, jene Provinz, in der mein Ziel, Santiago de Compostela, lag.

 

- Ich zitiert aus meinen Aufzeichnungen -

 

"Dann steht er da. Der galicische Fels aus meinen Träumen. Wie viele Pilger sahen in ihm schon das Ziel, Santiago, so nahe und doch noch fern. Wie viel Freude aber auch Wehmut und Trauer löste dieser Stein aus? Ich weiß nur, dass es bei mir Trauer ist, diesen meinem Weg langsam Lebewohl zu sagen. Nie mehr werde ich diesen Weg so gehen. Das Besondere des „Camino Primero“, des ersten Weges, ist seine Einzigartigkeit! Der Weg meiner Trauer, meiner Tränen aber auch meiner Freude nimmt langsam ein Ende. Was wird danach sein? Wie werden mich all meine Empfindungen, all meine Erlebnisse, alle meine Erfahrungen, all meine Liebe zu diesem Weg verändern? Die Zukunft kennt die Antwort; hier und jetzt bleibt sie mir verborgen.

 

- Zitat Ende -

 

Fast schien es auch mir, als hätte ich mein Ziel schon erreicht obwohl noch etwas mehr als einhundertsechzig Kilometer vor mir lagen. Auf diesem Grenzstein konnte ich das Wappen Galiciens ausmachen. Ein goldener Kelch mit einer Hostie auf blauem Grund eingerahmt von sieben ebenfalls goldenen Kreuzen.

Der Kelch und die Hostie erinnern an ein Wunder, das einer Legende nach im 14. Jahrh. in O Cebreiro geschehen sein soll. König Alfons VI. hatte 1072 an  genau dieser Stelle des zweithöchsten Übergangs auf dem galicischen Teil des Jacobsweges ein Kloster errichten lassen und dieses mit französischen Mönchen aus Aurillac besetzt mit dem Auftrag, die Pilger und die umliegenden Dörfer zu betreuen. Im Laufe der Geschichte des Klosters muss wohl ein Mönch dabei gewesen sein, der seine Tätigkeit nur halbherzig ausübte. Um ihn und einem frommen Bauern rankt die folgende Geschichte:

An einem kalten Wintertag, an dem über die Höhen des Cebreiro der Sturm wütete und alle Menschen hinter den Ofen trieb, machte sich ein frommer Bauer auf den Weg, die heilige Messe in der Kirche des Kloster zu hören. Er musste in diesem Wetter den gefährlichen Pfad zum Hospiz hochsteigen, obwohl er wegen eines dichten Schneetreibens seine Hand kaum vor Augen sah. Aber nichts konnte ihn aufhalten. Er stapfte voran und schnaufte und stöhnte bei jedem Schritt. Als er endlich ausgelaugt bei der Kirche ankam, spürte er kaum noch Füße und Finger. Er klopfte sich so gut es ging den Schnee von den Kleidern und trat ein ins Gotteshaus. Er fühlte sich sofort wohlig aufgenommen und alle Schwäche fiel von ihm ab. Allein die Stille des Hauses gab ihm Kraft. Er kam etwas zu spät denn die Messe hatte bereits begonnen. Er bekreuzigte sich und als er sich umschaute  sah er, dass er heute der einzige Besucher war.

Ein junger Mönch las die Messe. Das knarrende Portal ließ ihn aufhorchen und ein eisiger Luftzug strich bis zum Altar. Der Mönch, heute erstmals mit der Aufgabe der Messfeier betraut, musterte den Fremden.

„Ein armer Ackersmann?“, fragte er still in sich hinein und hob verächtlich die Augenbrauen.

„Was will der denn hier?“    

Teilnahmslos fuhr der Mönch mit der Messe fort, zu der er sich ungerechtfertigt von seinen Brüdern abgestellt fühlte. Von einem Augenblick zu Anderen wuchs sein Zorn, vor leeren Sitzreihen predigen zu müssen. Es war für ihn wie eine Strafe, die man ihm auferlegt hatte.

„Sollte sich doch ein anderer in diese klirrende Kälte stellen und den ewiggleichen Ablauf zelebrieren. Welch eine nutzlose Pflicht! Wenn dieser Bauer nicht wäre, könnte ich die Messe abkürzen und früher an den warmen Ofen zurückkehren“, dachte er.

„Ist dieses dahergelaufene Bäuerlein nur wegen eines Stückes Brot und einem Schluck Wein diesen weiten Weg heraufgekommen?“, fragte er sich.

„Ist er gar gottesfürchtiger als ich und opfert er sich als Vorbild an Frömmigkeit derart auf?“

Im Nu verfinsterte sich seine Miene.

„Unmöglich“, wisperte der Mönch und wischte die abwegigen Gedanken beiseite.

Dann geschah es, genau im Moment der Wandlung. Der ungläubige Zelebrant erstarrte vor Schreck als er sah, dass sich die Hostie auf der Patene zu rohem Fleisch verwandelte und der Wein im Kelch zu Blut. Das Blut schäumte auf und durchtränkte das Leinen der Corporale.

Die Kunde vom eucharistischen Wunder verbreitete sich wie ein Lauffeuer über den ganzen Jakobsweg und beflügelte den Gralsmythos.

Der fromme Bauer und der reumütige Mönch fanden später in schlichten Steinsärgen ihre letzte Ruhe in der Capilla del Santo Milagro, der Kapelle des heiligen Wunders. Kelch und Patene stehen heute auf einem Ehrenlatz in der Kirche auf dem Cebreiro.

Kurz bevor ich O Cebreiro erreichte, wurde ich vom Nebel regelrecht aufgesaugt. Mir wurde es in dieser nahezu undurchdringlichen Wolke empfindlich kalt denn die Temperatur näherte sich der Null-Grad-Marke. Dann tauchten die ersten Häuser des Ortes wie Schemen vor mir im Nebel auf. Sehenswert war die Architektur der Häuser die  man  Pallozas  nennt. Der  Baukörper der Gebäude war an den Ecken abgerundet und bildete im Grundriss ein Oval. Die Außenmauern waren von wenigen, winzigen Fenstern durcbrochen. Die Dächer waren strohgedeckt und kaminlos. Der Rauch der offenen Feuerstelle im Inneren der Häuser zog durch das Stroh nach außen. Ein Drittel der Nutzfläche war dem Vieh vorbehalten, die anderen zwei Drittel waren Wohnfläche, die sich bis zu vier Generationen teilten. Für das älteste Paar gab es einen durch eine Mauer vom restlichen Bereich abgetrennten Raum, in dem auch die Kleinkinder und Babys untergebracht waren. Für alle anderen Bewohner war der verbleibende Raum gleichzeitig  Küche, Wohn- und Nachtlager.

Gott sei dank lichtete sich im Ort der Nebel ein wenig, so dass ich mir das Dorf wie auch die kleine, romanische Kapelle, in der der Sage nach das Hostienwunder geschehen sein sollte, etwas genauer ansehen konnte.

Ich war gerade auf dem Weg, das Dorf zu verlassen, als mir eine schwarz vermummte Gestalt entgegenkam. Ich wollte meinen Augen nicht trauen, als ich entdeckte, wer da vor mir aufgetaucht war. Ana, die ich seit Cacabelos aus den Augen verloren hatte, hatte es geschafft, ohne das ich es bemerkte, vor mir diesen Ort zu erreichen. Ich freute mich unglaublich, sie wieder zu sehen. Ihr schien es nicht anders zu gehen denn es hatte den Anschein, als wolle sie unsere Umarmung nicht enden lassen.

 

- Ich zitiere aus meinen Aufzeichnungen -

 

"Der Weg spielt Katz und Maus mit mir! Er hat mir meinen verschollen geglaubten Schutzengel zurückgegeben! Ich bin glücklich!"

 

- Zitat Ende -

 

Die Einsamkeit auf unserem langen Weg schien auch an ihr zu nagen denn sie fragte mich, ob wir den restlichen Weg gemeinsam gehen sollen. Hätte sie die Frage nicht gestellt, hätte ich es getan. Auch ich hatte das Alleinsein satt, auch ich wollte die Gesellschaft eines Menschen. Und wer war dazu besser geeignet als Ana, die mich auf meinem gesamten Weg über begleitet hatte, wenn auch meist unsichtbar. Doch ich wusste immer, dass sie in meiner Nähe war.

So wanderten wir nun gemeinsam weiter auf dem Weg nach Santiago de Compostela und ich war glücklich mit dieser Fügung. Ich hatte jetzt jemanden an meiner Seite, mit dem ich mich austauschen konnte. Dabei waren die Worte nicht so wichtig, viel mehr zählte das Gefühl der inneren Verbundenheit.

Auf dem Weg zum eintausendzweihundertsiebzig Meter hohen San Roque, der  zweiten Passhöhe nach Cebreiro, überraschte uns die Natur mit vielen, am Wegrand wachsenden Lilien, die mit ihren intensiv blau getönten Blütenblättern so gar nicht in diese Berglandschaft passen wollten. Oben auf dem Pass schälte sich aus dem Nebel eine überlebensgroße Bronzefigur eines Pilgers, der sich mit aller Macht, seinen Hut mit einer Hand festhaltend, gegen einen imaginären Sturm stemmte.

Ganz in der Nähe dieser Plastik befand sich eine kleine Bar, in der wir unser Frühstück einnahmen. Zu meiner Überraschung sprach die Barbesitzerin ein ausgesprochen gutes Deutsch. Auf meine Frage, wieso sie so ein hervorragendes Deutsch sprechen konnte, erzählte sie mir, dass sie mit einem Deutschen verheiratet war und vier Jahre in Frankfurt gelebt hätte. Nach dem Scheitern der Ehe sei sie wieder zurück in ihre Heimat gekommen, um dann diese Bar zu eröffnen. Ich fand das alles sehr spannend denn zum ersten Mal eröffnete sich die Möglichkeit, mit Hilfe dieser Frau als Dolmetscher ein verständliches Gespräch mit Ana zu führen.

Da wir die einzigen Gäste an diesem Morgen in der Bar waren, saßen wir also zu dritt am Tisch und unterhielten uns über Gott und die Welt. Dabei erfuhr ich viele Dinge über Ana, die mir bisher verborgen geblieben waren. Nach elf Jahren Ehe geschieden, den Glauben an die Kirche verloren, hoffnungslos auf diesem Weg gestrandet und immer auf der Suche nach Antworten die ihr keiner geben konnte. Es war so, als würde ich in einen Spiegel schauen. Im Grunde unserer Seelen waren wir Wesensgleich. Vielleicht fühlten wir uns deshalb zueinander wie magisch angezogen. Mit dieser Erkenntnis wurde es still am Tisch und als wenn die Barbesitzerin ein Gespür für unsere Nöte hatte, zog sie sich lautlos zurück und überließ uns unseren Gedanken. So saßen wir noch eine Weile an diesem Tisch und versuchten einander zu verstehen. Nach einer Weile löste sich die Anspannung und wir machten uns wieder auf den Weg unserer Sprachlosigkeit denn wir gingen in den nächsten Stunden schweigend nebeneinander her.

 

- Ich zitiere aus meinen Aufzeichnungen -

 

"Das Schweigen, dem wir uns hingeben macht die Einsamkeit noch größer, als in der Zeit, in der ich alleine unterwegs war. Was geht in Ana vor? Was geht in mir vor? Mir fällt ein Text eines Liedes der Gruppe Juli ein und je mehr ich darüber nachdenke umso schlüssiger wird mir dieser Text. Er lautet:

 

 Frag nicht nach morgen

 Denn er bleibt dir verborgen

 Frag nicht was gestern war.

 

 Wir zieh´n uns´re Kreise

 Auf unserer Reise

 Wo eben noch Sonne war

 

Wir verlier´n uns im Regen

Auf endlosen Wegen

Warum lässt du mich im Stich

 

Wir zieh´n immer weiter

Denn wir sind Schattenreiter

Auf unserem Weg ins Licht

 

Wir ertrinken zu zweit in unser´n Worten

Ertrinken zu Zweit in Einsamkeit

 

Dieser Text erfüllt mich mit Traurigkeit weil er so trostlos erscheint. Wenn ich in die Augen von Ana schaue, sehe ich genau diese Trostlosigkeit und ich frage mich, wie wir diesem Gefühl entkommen können. Ich bin ratlos!"

 

- Zitat Ende -

 

Je stärker meine Trostlosigkeit wurde, umso stärker spürte ich wieder meine Schmerzen. Die Achillessehne quälte mich zwar von Anbeginn des Weges, trotzdem hatte ich das Gefühl, das sich heute der Schmerz besonders stark in den Vordergrund drängte. Zusätzlich tat mir nun auch seit ein paar Tagen das rechte Schienbein weh. Ich vermutete, dass dies durch die Schonhaltung kam, mit der ich die schmerzende Achillessehne überlisten wollte. Ich musste an Carla denken, die schon früh genau aus diesem Grund ihre Pilgerreise aufgeben musste. Nun hatte mich das gleiche Schicksal ereilt. Irgendwann bemerkte Ana, dass ich begann, stark zu hinken. Sie fragte mich, ob wir eine Pause machen sollen aber ich lehnte dankend ab mit dem Hintergedanken, an diesem Tag so schnell wie möglich unser Ziel zu erreichen. Doch nach dem Aufstieg zum Alto do Poio, dem mit 1337 Metern höchsten Punkt des Caminons in Galicien, ging fast nichts mehr. Ich musste wohl oder übel eine Pause einlegen. Eine Kirchenruine schien mir ein willkommener Anlass zu sein, hier ein wenig zu rasten.

Es war ein wenig unheimlich, in die leeren Fensterhöhlen und toten Eingänge der Kirche zu schauen. Doch meine Neugierde war stärker und so bestieg ich den gedrungenen Turm, auf dessen steingedeckten Dach ein Santiagokreuz in den Himmel wies. Die Stufen zum oberen Stockwerk bestanden aus in der Wand eingelassenen Steinplatten, die nach innen hin keinerlei Widerlager hatten. In zwei der vier Rundbogenfenster hingen noch die Glocken des Gotteshauses. Die aufgegebene Kirche zeigte mir, wie groß die Landflucht in diesem Teil Galiciens war.

 

- Ich zitiere aus meinen Aufzeichnungen -

 

"Viele kleine Weiler, durch die wir kommen, bestehen aus nur wenigen Häusern und von denen sind einige schon gar nicht mehr bewohnt. Die jungen Leute wohnen in den Städten und führen dort ihr Leben. Zurück lassen sie die Alten, die sich mehr oder weniger bereits aufgegeben haben. Es ist für mich teilweise deprimierend, in die Gesichter dieser alten Menschen zu schauen, weil ich die Resignation spüre, die sich in einigen von  ihnen breit gemacht hat. Sie können ihr Leben nicht mehr ändern, dazu fehlt nicht zuletzt das Geld, denn die Armut ist hier überall spürbar vorhanden. Diese Menschen leben in einer Sackgasse ohne Rückkehr. Sie werden hier sterben und nur ihre Häuser, oder das, was davon übrig bleibt, zeugen von der einstigen Existenz dieser Gemeinschaften. Es macht mich traurig, dies zu sehen."

 

- Zitat Ende -

 

So angeschlagen schleppte ich mich bis nach Filloval, einem der etwas größeren Orte auf dem Weg in der Hoffnung, hier eine Pension oder ein Hotel zu finden um meiner Qual ein Ende zu bereiten. Wenn es denn so war, wie in meinem Reiseführer beschrieben, dass sich in diesem Ort zumindest eine Pension befinden sollte, so konnte ich sie doch nicht finden. Uns blieb also nichts anderes übrig, als noch die verbleibenden vier Klometer bis nach Tiacastela zu gehen.

Dann endlich erreichten wir unser Ziel. Die öffentliche Herberge befand sich auf einer Wiese links am Ortsrand. Ihr gegenüber befand sich eine kleine Bar, vor der einige Stühle und Tische standen, die mit Pilgern besetzt waren. Wie groß war meine Überraschung, als ich unter den Peregrinos meinen verlorenen Mitpilger Werner sah. Nachdem wir an seinem Tisch Platz genommen hatten, schaute er mich ganz vorwurfsvoll an und fragte mich mit ernster Mine, wo ich denn vor O Cebreiro abgeblieben sei, er habe auf dem Pass lange auf mich in der Bar gewartet und er hätte sich Gedanken gemacht, ob mir irgend etwas auf dem Weg passiert wäre. Ich erzählte ihm, wie sich die Geschichte aus meiner Sicht darstellte und nachdem ich geendet hatte mussten wir beide herzhaft lachen bei der Vorstellung, dass sich jeder um den anderen Sorgen gemacht hatte. Ende gut – alles gut.

Nachdem wir unsere Gläser geleert hatten, schulterte Ana ihren Rucksack und forderte mich auf, mit ihr in den Ort hinein zu gehen. Ich deutete mit einer Geste hinüber zur öffentlichen Herberge aber Ana schüttelte den Kopf und meinte nur:

„Alberge municipal mal! Alberge Privado!“

Mit anderen Worten, wir würden in einer privaten Herberge übernachten weil die öffentliche schlecht sei. Also raffte ich mich wieder auf und dabei hatte ich das Gefühl, meine Beine seien aus Gummi und mein Rücken würde jeden Augenblick durchbrechen. Ich wollte gar nicht darüber nachdenken, wie sich meine Bewegungen in den Augen der anderen Pilger darstellten. Als wir die Bar verließen, konnte ich in meinem Rücken ihre Blicke spüren und vor meinem geistigen Auge sah ich, wie sich ihre Gesichter in grinsende Masken verwandelten. Am liebsten wäre ich in diesem Moment in den Boden gesunken. Beim Zurückschauen bemerkte ich allerdings, dass niemand lachte oder auch nur grinste. Viel mehr erhaschte ich hier und da ein mitfühlendes Gesicht. Ich stellte mir die Frage, warum meine Gedanken so negativ waren. Keiner wäre wahrscheinlich auf die Idee gekommen, mich auszulachen denn vielen von ihnen ging es sicher nicht viel besser als mir.

Als wir kurze Zeit später die private Herberge erreichten, war mir klar, was Ana gemeint hatte. Das Haus war ein gepflegter Neubau mit blauen Fenstern. Zwei Häuser weiter befand sich ein Restaurant, in dem wir auf kurzem Weg zu Abend essen konnten. Es war wirklich ein Glück, mit jemanden unterwegs zu sein, der sich auskannte.

Die Herberge war leer, niemand war da, der uns einweisen konnte und so machten wir uns auf die Suche, nach den Schlafträumen, die wir dann auch im ersten Stock fanden. Nachdem wir uns einen Raum ausgesucht hatten, belegten wir zwei Betten und  richteten uns ein. Nach dem Duschen meinte Ana, ich sollte mich ins Bett legen und mich ausruhen. Sie würde eine Apotheke suchen und mir Schmerzmittel und eine entzündungshemmende Salbe besorgen. Dankbar nahm ich ihre Hilfe an denn mein rechtes Bein fühlte sich an, als hätte jemand mein Schienbein mit einem Baseballschläger bearbeitet.

Nach einer halben Stunde war Ana wieder zurück - aus einer Tüte nahm sie eine Packung Ibuprofen 800 Tabletten und eine Tube Voltaren. Dann verschwand sie wieder um einige Minuten später mit einem Glas Wasser wieder aufzutauchen. Sie gab mir das Glas und reichte mir eine der Tabletten. Schließlich nahm sie sich meines Beines an und strich eine ordentliche Portion der Salbe auf die schmerzenden Stellen des Schienbeines  und massierte sie ein. Gleich darauf verschwand sie wieder um eine weitere halbe Stunde später wieder zu erscheinen. Sie erklärte mir, dass sie mit der Hospitalera gesprochen hätte, in dieser Herberge zwei oder drei Tage zu bleiben, bis sich die Knochenhautentzündung meines Schienbeines gebessert hätte. Dann war sie auch schon wieder verschwunden.

Ich war dankbar aber auch gleichzeitig sprachlos wegen ihrer Einmischung, die nicht auch nur den kleinsten Widerspruch zuließ. Ich war ihr quasi ausgeliefert - verkauft und verraten.

Irgendjemand rüttelte mich aus meinem Schlaf. Ana stand über mich gebeugt und meinte, es wäre Zeit zum Aufstehen, die Pilgermesse würde in einer halben Stunde beginnen. Ich machte mich also fertig und zwanzig Minuten später standen wir vor der Santiago-Kirche. In einer Nische auf halber Höhe des Turmes stand eine Figur des heiligen Apostels aus weißem Marmor.

Wir betraten die Kirche und setzten uns in eine der Bänke. Auch andere Pilger hatten den Weg hierhin gefunden. Die Messe war nicht weiter bemerkenswert bis auf die Predigt. Ich konnte zwar kein Wort verstehen aber die Art und Weise, mit der der Priester seine Stimme erschallen ließ, machte mich aufmerksam. In Ana´s Gesicht konnte ich zeitweise ungläubiges Erstaunen erkennen, manchmal ein kaum merkliches Kopfschütteln oder ein bejahendes Kopfnicken.

Nach der Messe fragte ich sie, was sie denn an dieser Predigt so sehr aus der Fassung gebracht hätte. Aber alles was Ana mir dazu  versuchte zu erklären half mir nicht wirklich weiter. Meine Fragen blieben unbeantwortet. Ich verstand nur, dass etwas Ungeheuerliches geschehen sein musste und dass ihr dies sehr nahe ging.

Ich ließ es dabei bewenden und wir machten uns gemeinsam auf den Weg zur Bar, um unser Abendmahl einzunehmen.

Es war ungewohnt, einmal ausschlafen zu können. Bisher stand ich jeden Morgen irgendwo zwischen fünf und sechs Uhr auf, um längstens eine halbe Stunde später auf meinem Weg zu sein. Heute konnte ich mich noch einmal umdrehen und in den Morgen hineinschummern. Die Pilger, die mit uns in diesem Schlafraum übernachtet hatten, waren längst schon fort. Irgendwann hörte ich in meinem Halbschlaf die Schwalben zwitschern und ich bemerkte, dass die Sonne ihre wärmenden Strahlen ins Fenster hinein scheinen ließ. Es war bereits neun Uhr, als ich mich zu  meiner Morgentoilette aufmachte. Ana schlief noch tief und fest.

Nachdem ich angezogen war, machte ich einen kleinen Erkundungsspaziergang durch den Ort. Mein Schienbein schmerzte heute Morgen längst nicht mehr so stark wie noch am Vortag. Trotzdem war ich froh, heute nicht laufen zu müssen. Es war eine gute Entscheidung, die Ana für mich getroffen hatte. 

Als ich zur Herberge zurückkam, wartete Ana bereits auf mich. Wir gingen gemeinsam hinüber zu Bar, in der wir ein ausgedehntes Frühstück einnahmen. Nach dem Frühstück bestand Ana darauf, meinem Schienbein dieselbe Prozedur wie am Vortag angedeihen zu lassen und diese alle zwei Stunden zu wiederholen. So verbrachten wir den Rest des Morgens damit, zwischen leichten Spaziergängen und fürsorglichen Behandlungen meines Schienbeins zu wechseln. Nach dem Mittagessen verordnete mir  Ana eine Siesta; also ergab ich mich widerspruchslos meinem Schicksal und schlief tatsächlich schon nach wenigen Minuten des Betthütens ein. Als ich erwachte war Ana schon längst auf den Beinen. Sie meine, ich hätte eine Profi-Siesta gemacht, weil ich sage und schreibe fast drei Stunden geschlafen hätte. Wieder wurde meinem Bein die nötige Aufmerksamkeit geschenkt um danach im Programmpunkt  „Gassi gehen“ weiter zu machen.

 

- Ich zitiere aus meinen Aufzeichnungen -

 

"Ich hatte bisher immer die Vorstellung, dass spanische Männer diejenigen sind, die das „Sagen“ zu Hause haben. Wenn aber Ana der Inbegriff einer spanischen Frau darstellt, habe ich jetzt daran meine großen Zweifel. Die Bestimmtheit, mit der sie ihre Vorstellungen in die Tat umsetzt, duldet im Grunde kein Aufbegehren. Ich sehe aber keine Veranlassung, den Vorteil den ich durch sie habe aufzugeben. Ich habe das Gefühl, mich vertrauensvoll in die Hände dieser Frau begeben zu können. Ich kann mich blind auf sie verlassen. Ich hoffe nur, dass ich mich für ihr Mitgefühl zu einem anderen Zeitpunkt irgendwie erkenntlich zeigen kann. Meinen Dank hat sie jetzt schon."

 

- Zitat Ende -

 

Der Spaziergang durch das Dorf, welches mir nun schon sehr vertraut war, nahm eine unverhoffte Wendung. Ein Peregrino kam uns schlendernd entgegen. Schon beim ersten Anblick der Person erkannte ich in ihm den Hospitalero aus Sahagún, der im Benedictinerkloster „Monasterio de Santa Cruz Benedictinas“ einen dreiwöchigen Pilgerdienst vollzogen hatte. Die Begrüßung war herzlich und Robert erzählte mir, dass er im Kloster länger geblieben wäre, als er eigentlich vorgehabt hätte. Die Nonnen hätten ihn gebeten, noch ein Eisengitter vom Rost zu befreien und einen Schutzanstrich aufzubringen. Danach sei er losgezogen und heute in Triacastela angekommen. Weiter erzählte er, dass er in der öffentlichen Herberge untergekommen sei, diese wäre aber sehr laut und nicht besonders sauber. Ich schlug ihm vor, doch zu uns in die private Herberge umzuziehen. Er meinte aber, dass es ihm  zuviel Arbeit sei, seine Sachen jetzt wieder einzupacken. Für diese eine Nacht wäre die Unterkunft schon in Ordnung. Wir verabredeten uns noch für die heutige Pilgermesse, die wie am Vortag um 19:00 Uhr stattfinden würde.

Wir trafen Robert vor der Kirche an eines der  Mausoleen gelehnt, die rund um das romanische Gebäude verteilt standen. Als er uns sah, löste er sich vom Stein und kam auf uns zu. Nach der Begrüßung gingen wir gemeinsam  ins Gotteshaus und setzten uns in die erste Bankreihe. Der gleiche Priester, der gestern die Messe gelesen hatte, tat dies auch heute. Sein Name war Augusto Losada Lopez und er war bereits 74 Jahre alt. Das jedenfalls hatte Ana mir erzählt. Irgendwie schien ihr Interesse für diesen Mann über das normale Maß hinauszugehen. Die Messe war wie die am gestrigen Tag, nur die Predigt unterschied sich von der letzten. Mir schien sie noch eindringlicher, noch betonter, noch wütender zu sein.

Nach der Predigt geschah etwas, was mir die Sprache verschlug; Ana ging zur Kommunion! Bisher hatte sie sich immer geweigert, diesen Schritt der Glaubensbekundung zu gehen, weil ihre Scheidung in ihren eigenen Augen und denen der Kirche eine Todsünde sei und sie deshalb nicht an dem Wunder der Eucharistie teilhaben durfte. Doch ab heute war scheinbar alles anders. Ich verstand ihren plötzlichen Sinneswandel nicht. Ich fragte mich, welche Veränderungen in ihr dazu führten, ihren strikten Grundsätzen untreu zu werden. Mehr noch, als der Priester die Frage an die Pilger stellte, wer mit ihm zusammen die Fürbitten vorzutragen wolle, war sie die Erste, die zum Altar ging um seiner Aufforderung nachzukommen. Die Antwort auf all meine Fragen sollte ich nach der Messe von Robert bekommen. Wir standen vor dem Kirchenportal zusammen und er erzählte, dass der Priester und seine Predigt ihn unglaublich beeindruckt hätten. Ich fragte ihn, ob er denn verstanden hätte, was der Geistliche gepredigt hätte. Es stellte sich heraus, das Robert leidlich gut spanisch sprach und er berichtete, dass das Thema der Predigt sich mit der  Intoleranz der katholischen Kirche auseinandersetzte.

Der Pastor habe mit seinem Dienstherrn das Problem, das er seiner pastoralen Aufgabe nur bei den katholisch getauften Christen nachkommen dürfte. Allen anderen Pilgern sollte er nicht zur Verfügung stehen. Er fand es ungerecht und nicht im Sinne des ökumenischen Gedankens dieses Weges, allen anderen kein geistlicher Ratgeber sein zu dürfen. Weiter hätte er über den Papst und der Kongregation für die Glaubenslehre geschimpft und ihnen ein elitäres Grunddenken vorgeworfen, welches alle Nichtkatholiken automatisch ausschließen würde. Seine Kirche hätte nicht verstanden, dass Gott allen Menschen seine Liebe schenken würde und es eine Sünde wäre, auch nur einem diese zu verweigern.

Robert erzählte weiter, das der Priester die Glaubwürdigkeit der Kirche in Frage gestellt hätte, indem er sagte, das diese zwar die Liebe in den Vordergrund ihrer Lehre stellen – in Wirklichkeit aber Zwietracht säen würde. 

Ich dachte an ein Dokument, das Josef Kardinal Ratzinger, als damaliger Direktor der Glaubenskongregation, verfasst hatte. Dieses Dokument bezog sich insbesondere auf die Aufgaben und Verpflichtungen des Theologen. In ihm heißt es unter anderem:

"Das verbriefte Recht auf Freiheit des Glaubens rechtfertigt nicht das Herleiten eines Rechts auf Abweichungen. Das Recht auf Glaubensfreiheit hat nicht die Freiheit in Bezug auf die Wahrheit zum Inhalt, sondern die freie Bestimmung eines Menschen, in Übereinstimmung mit seinen moralischen Verpflichtungen, die Wahrheit zu akzeptieren.

Zitat Ende."

Mit anderen Worten: Man ist natürlich frei, die Lehren der Kirche zu akzeptieren, nicht aber sie zu hinterfragen. Demnach kann die kirchliche Freiheit nur in Unter-werfung zum Ausdruck kommen.

Gut – dieser Text stand zwar nicht in direktem Zusammenhang mit der Not dieses Pfarrers, er ist  aber Beleg für die starre und unzeitgemäße Haltung der Amtskirche die sich bis in die heutige Zeit fortsetzt.

Ich musste Robert beipflichten. Es war beeindruckend, dass ein katholischer Geistlicher in vollem Bewusstsein der Wirkung seiner Worte, sein eigenes Grab schaufeln würde, sollte eine offizielle Seite diese zu Gehör bekommen. Es wäre um die seelsorgerische Aufgabe des Delinquenten geschehen. Er würde sicher auf der Stelle suspendiert und in die Wüste geschickt. Die Inquisition in Form der Glaubenskongregation würde schon dafür Sorge tragen.

Nun verstand ich die Reaktion von Ana. Ich glaube, dieser Mann am Altar hat mit seinen Worten direkt in ihr Herz getroffen und mit einer Handbewegung all ihre Bedenken über Bord geworfen. Je länger ich darüber nachdachte, umso mehr wurde mir klar, das ich wieder einem jener kleinen Wunder teilhaftig wurde, welches sich in Ana an diesem Tag vollzog.

Da die Schmerzen dank der intensiven Pflege von Ana sich in Wohlwollen aufgelöst hatten, konnten wir am nächsten Morgen unseren Weg fortsetzen. Nachdem wir nach einem gemütlichen Frühstück unsere Rechnung beglichen hatten, machten wir uns auf den Weg. Da wir ab Triacastela die Wahl hatten, auf zwei verschiedenen Wegen nach Sarria zu gelangen, entschied Ana, über Samos zu gehen. Wir verloren zwar einen  weiteren Tag, hatten aber den Vorteil, an diesem Tag nur Zehn Kilometer laufen zu müssen; was mir vor allen Dingen zu Gute kam. Ausserdem erschloss sich uns die Möglichkeit, das, nach Aussage Ana´s, wunderschöne Kloster San Julián, zu besichtigen.

Wir wandten uns also nach links und folgten dem Lauf des Rio Sarria, der in der Schlucht unterhalb unseres Weges plätscherte und gurgelte. Bald schon ging es  langsam aber stetig bergauf. Wir verließen nach kurzer Zeit den Asphalt der Landstraße und fogten der Ruta Sendeirista, die uns durch eine wilde und nahezu unberührte Natur führte. Auch hier wanderten wir durch jene winzigen Weiler, die weit weg jedweder zivilisatorischen Errungenschaften ihren Dornrösschenschlaf hielten. Nicht einmal Fernsehempfang war hier zwischen den Höhen der Ausläufer der Cordillera Cantabrica, dem atlantischen Randgebirges Nordspaniens, möglich. Nur die größeren Gemeinden verfügten über Umsetzer, die die Täler mit Fernseh- und Rundfunk versorgten. San Cristovo do Real bestand aus drei oder vier Häusern, einem Lavadero, einem offenen Waschhaus, und einem kleinem Gotteshaus, in dessen Giebelturm zwei Bogenfester die Glocken aufnahmen. Fast gespenstisch mutete es mir an, durch dieses Dorf zu gehen, in dem das Rauschen des Rio Sarria das einzige Geräusch war, das zu hören war. Und obwohl in diesem Flecken sicher noch Menschen lebten, strahlt er eine Aura von absoluter Leblosigkeit aus. Ich ertappte mich dabei, dass ich fast flehendlich darauf hoffte, endlich ein Geräusch zu vernehmen oder irgendeinen anderen Hinweis zu erhalten, dass hier noch Menschen atmeten. Diese Aura verstärkte sich noch um einiges, als wir den am Ortsausgang liegenden Friedhof passierten. Mir lief eine Gänsehaut über den Rücken und ich war froh, das Dorf endlich verlassen zu können.

Nach einigen hundert Metern begegneten wir einem alten Mann, der auf einem Stock gestützt in der gleichen Richtung wie wir unterwegs war. Als wir ihn erreichten, unterhielt sich Ana eine ganze Zeit mit ihm. Er war schätzungsweise siebzig oder fünfundsiebzig Jahre alt und strahlte jene traurige Freundlichkeit aus, die mir auch schon früher bei den Menschen aufgefallen war, die hier so Weltvergessen lebten. Ana erzählte mir später, dass tatsächlich in dem Weiler, den wir vorher durchquert hatten, nur noch drei alte Menschen lebten. Die Versorgung dieser Außenposten der Zivilisation wurde von einem Überlandladen sichergestellt, der einmal wöchentlich die winzigen Weiler abfuhr und die Bewohner mit dem Nötigsten versorgte.  

Vorbei an einer alten Wassermühle, die ebenfalls im Niemandsland lag, erreichten wir Renche, ein etwa größeres Dorf, das mich geruchsmäßig unglaublich an meinen Heimatort erinnerte, wie er früher einmal war. In der Luft lag der Duft von frischem Kuhdung und den unverwechselbaren Ausdünstungen von Misthaufen, die vor den Stallungen der Höfe aufgehäuft waren. Dadurch, das die Kuhherden, wie einstmals auch bei uns üblich, über die Dorfstraße zu den Weiden getrieben wurden, war diese über und über mit Fladen bedeckt. Wir mussten schon genauer aufpassen, wohin wir unsere Schritte lenkten, um nicht in diese Hinterlassenschaften zu treten oder schlimmer noch, auf ihnen auszurutschen.

Die Pflege durch Ana erwies sich als ein Segen. Mein Schienbein war genesen und so konnte ich frei und ohne Schmerzen wandern. Die schöne Landschaft tat ihr übriges dazu und so erreichten wir relativ schnell Samos. Die Herberge des Klosters war noch geschlossen und so hatten wir Zeit, zuerst einmal in Ruhe in einer Bar gegenüber der Klosterpforte einen Milchkaffee zu genießen. Da wir unser heutiges Frühstück schon so zeitig erledigt hatten, meldete sich auch der Hunger und so bestellten wir zum Kaffee noch ein Bocadillo. Ein Bocadillo ist im eigentlichen Sinn ein belegtes Brötchen, doch was uns da auf dem Tablett des Kellners entgegenschaukelte war monströs. Die Dame hinter der Theke hatte einfach ein großes Baguette halbiert und aufgeschnitten. Der Belag war so dick aufgetragen, dass ich mir Sorgen darüber machte, wie das wohl in meinen Mund, geschweige denn in meinen Magen passen sollte. Geschmeckt hat es trotzdem.

Kurz nachdem wir unsere Malzeit beendet hatten, öffnete die Herberge ihr Pforte. Der Schlafraum war im eher mit einem Wartesaal eines Bahnhofes zu vergleichen. Ein lang gestreckter, weiß getünchter Raum mit einem Tonnengewölbe, dessen Wände mit Fresken verziert waren, die Pilger in traditionellen Gewändern zeigten. Es gab weder Küche noch Aufenthaltsraum und die angrenzenden Waschräume erinnerten mich an Sanitäreinrichtungen, wie sie in deutschen Bundeswehrkasernen üblich waren. Trotz alle dem fühlte ich mich in dieser Herberge wohl denn der Hospitalero brachte es fertig, durch seine Freundlichkeit und Fröhlichkeit dieser Herberge so etwas wie Atmosphäre zu geben.

Nach dem Duschen machten wir uns sofort auf, den Ort zu erkunden denn für die Besichtigung des Klosters war es noch zu früh. Die Führung durch die Klosteranlage begann um siebzehn Uhr. Bis dahin hatten wir noch genügend Zeit, den Ort zu erkunden. Bei dieser Erkundung konnten wir sehen, das an diesem Samstag anscheinend etwas besonders in dieser Gemeinde gefeiert werden soll denn am Rand des Dorfes befand sich ein großer Platz, der mit Fähnchen und Girlanden geschmückt war und auf dem mehrere Verkaufsstände aufgebaut wurden. Auch ein Bühnenwagen stand am Rand dieses Platzes. Ana erkundigte sich bei einem der Arbeiter nach dem Grund des Festes und sie erfuhr von ihm, das wir durch Zufall genau an dem Tag in Samos weilten, an dem das Fest zu Ehren des heiligen Benedikt, dem Ordensgründer des Klosters, gefeiert werden sollte. Leider würden wir diese Fiesta nicht mitfeiern können denn ich hatte gelesen, dass in Spanien die Feste in den meisten Fällen erst kurz vor Mitternacht beginnen würden, viel zu spät also für uns, da in der Herberge um zweiundzwanzig Uhr die Tür geschlossen und das Licht ausgehen würde. „Schade“ dachte ich "gerne hätte ich so ein Fest auch einmal mitgefeiert!"

Als wir kurz vor siebzehn Uhr den Seiteneingang des Klosters erreichten, stand davor schon eine Gruppe älterer Herrschaften, die scheinbar mit einem Reisebus unterwegs waren, um das Kloster zu besichtigen. Nur wenige Pilger hatten sich eingefunden. Nachdem wir den Eintritt für die Führung bezahlt hatten wurden wir von einer jungen Spanierin in Empfang genommen und ins Inner geleitet. Die Führung begann im Kreuzgang der Anlage. Ich kam aus dem Staunen nicht mehr heraus. Nun hatte ich schon einige Kreuzgänge auf meiner Wanderung bewundern dürfen, aber keiner war vergleichbar mit diesem. Die Gewölbedecken des teiloffenen Ganges bestanden aus Sternengewölben, dessen Schlusssteine mit dem Zeichen der Muschel und den Abbildern der Apostel sowie der vier Evangelisten verziert waren. Das Besondere aber waren die Wandgemälde, die die gesamte Fläche der  Innenmauern des Kreuzganges bedeckten. Sie zeigten unter anderem Szenen aus der Apokalypse, dem Weltgericht und Szenen aus der Klostergeschichte. Die Bilder waren mit einer solch überzeugenden Eindringlichkeit gemalt, das es einem Betrachter Angst und Bange werden konnte, wenn er sich der Botschaft des Malers öffnete. Ich hatte Mühe, mich von diesen Bildern zu lösen denn irgendwie nahmen sie mich gefangen in ihrer Düsternheit. Als die Gruppe schon längst nicht mehr zu sehen war, stand ich immer noch fasziniert und nachdenklich vor den Bildern. Erst als Ana zurückkam, um nachzusehen, wo den bleiben würde, konnte ich mich davon lösen. Im Eilschritt gingen wir hinter der Gruppe her, die längst schon in der Klosterkirche weilte.

Die Kirche selbst war älter als der Kreuzgang. Der Bau war eine Kreuzbasilika mit einer tonnenförmigen Kassettendecke. Über der Vierung wölbte sich eine Kuppel, die an ihrer Basis von acht Rundfenstern durchbrochen war. Die Retabel des Hochaltares bestand aus eher klassizistischen Elementen wie zum Beispiel einem Sprenggiebel, der auf hohen, griechischen Säulen, eine Darstellung der Dreifaltigkeit überspannte. An der rechten Seite des Altares befand sich eine Statue des heiligen Benedikt auf einem Sockel, der mit wunderschönen Blumensträußen geschmückt war. Ich fand meinen Apostel etwas bescheidener in einer Seitennische der Basilika. Er allein war auf meiner Reise mein Trost, meine Hoffnung und mein Ziel. Ihm gehörte meine ganze Aufmerksamkeit denn er war der Mittler zwischen meinen Zweifeln und dem Glauben an den einen Gott, der mir verloren gegangen war.

Bei der Rückkehr in die Herberge erfuhren wir vom Hospitalero, das heute auf Grund des großen Festes die Pforte des Schlafraumes die ganze Nacht über offen sein würde, so dass jeder, der wollte, an der Fiesta teilnehmen konnte.

Es waren mit Ana und mir nur sechs Pilger, die sich dieses Fest nicht entgehen lassen wollten. Wir beide hatten nach der Besichtigung des Klosters ein paar Stunden „vorgeschlafen“, so dass wir die Fiesta ohne Reue mitfeiern, und am nächsten Morgen doch noch einigermaßen frisch unseren Weg fortsetzen konnten. So tanzten wir ausgelassen mit etwas steifen Beinen durch die Nacht und freuten uns mit den Einwohnern des Ortes über diese Abwechslung auf unserem Weg nach Santiago de Compostela. Gegen halb vier Uhr in der Nacht fielen wir todmüde aber glücklich ins Bett.

Der nächst Morgen war unerbittlich. Um sechs Uhr wurden wir geweckt und ich verließ nur äußerst ungern mein warmes Bett. Aber es half nichts, denn wir hatten heute etwas mehr als zwanzig Kilometer vor uns.

Auch am darauf folgenden Tag steckte diese durchzechte Nacht noch in unseren Knochen. Wir hatten mittlerweile Sarria passiert und waren auf dem Weg nach Gonzar. Sarria war ein wichtiger Meilenstein auf dem Camino denn von hier aus waren es noch genau einhundertdreizehn Kilometer bis Santiago, also etwa die Entfernung die man mindestens zu Fuß zurücklegen muss, um in den Besitz der Compostela, dem schriftlichen Nachweis der Pilgerfahrt, zu gelangen. Dieser schriftliche Nachweis hat in Spanien selbst bei jungen Leuten einen hohen Stellenwert, denn er erhöht die Chance, einen der wenigen Ausbildungsplätze zu ergattern, die auf dem Arbeitsmarkt angeboten werden.  So wandern jedes Jahr tausende Kopien der Compostela auf die Schreibtische der Personalchefs von Ausbildungsbetrieben, um deren Entscheidungen positiv zu beeinflussen. Bei einer Jugendarbeitslosigkeit von fast vierzig Prozent ein verständliches Unterfangen.

Entsprechend groß war der Andrang von Pilgern auf diesen letzten einhundert Kilometern. (Bis zum Ende des  Jahres 2008 sollten es immerhin weit mehr als 45.000 Pilger - hauptsächlich Spanier - werden, die sich von diesem kleinen Nest aus auf den Weg zum Apostel machen würden.)

In einer kleinen Bar, vor der einige Tische standen, fanden wir Gelegenheit, zu frühstücken. Einer der Tische war noch frei und wir nahmen an ihm Platz. Wir hatten uns noch nicht ganz hingesetzt, als die Eingangstür der Bar geöffnet wurde und ein Schwall von Peregrinos sich ins Freie ergoss. Beinahe hätte ich laut gelacht, so komisch war dass, was ich da sah. Vorneweg ein dicker Spanier geschmückt mit einem traditionellen Pilgerhut, der zusätzlich noch mit einem opulenten Strauß Blumen verziert war. Er polterte auf die Straße dicht gefolgt von anderen Frauen und Männern, die ähnlich bunt und markant gekleidet waren. Die Gruppe sammelte sich laut schwatzend  vor der Bar auf der Straße und tat ganz so, als sei sie allein auf dieser Welt. Einige der Damen schnallten sich ihre gold- und silberfarbenen Gutschi-Rucksäckchen auf den Rücken. Es hätte mich nicht gewundert, wenn sich die Eine oder Andere  mit High-Heels auf den Weg gemacht hätte. Andere hatten gar kein Gepäck dabei.

Aber auch die Männer waren nicht viel besser ausgestattet, nur das bei ihnen die kleinen Schulrucksäcke, die sie sich auf den Rücken schmissen, noch lächerlicher aussahen als die bei den Pilgerinnen.  Ich fragte mich allen Ernstes, warum solche krakeelenden „Circusclowns“ pilgern gingen.

Als ich Ana sagte, was ich über die Gruppe dachte, belehret sie mich eines Besseren. Sie erklärte mir, dass jeder auf seine ganz spezielle  Art pilgern würde. Jeder, der auf diesem Weg unterwegs war und sei er noch so skurril, verdiente Respekt von seinen Mitpilgern. Mit einem Schlag war mir dass Lachen vergangen. Sie hatte Recht! Wieso maßte ich mir an, über diese Menschen zu urteilen? Über mich hatte auch noch niemand gelacht, jedenfalls nicht offensichtlich und ich hatte weiß Gott auch meine Marotten und Sonderheiten. Jetzt schämte ich mich fürchterlich und ich spürte, wie ich errötete. Die Situation berührte mich peinlicher als mir lieb war. Ich schwor mir in diesem Moment, nie wieder eine so unüberlegte Äußerung zu tun. Zukünftig würde ich zuerst einmal nachdenken, bevor ich mich noch einmal so einem solchen Bullshit hinreißen lasse würde

Ana gab  mir zu verstehen, dass sie sich ums Frühstück kümmern wollte. Ich war froh, dass sie mir Zeit gab, wieder eine normale Gesichtsfarbe anzunehmen. Sie zeigte mir gegenüber das Taktgefühl, das ich habe vermissen lassen.

Einige Stunden später erreichten wir den Belesar Stausee, der vom Rio Miño gespeist wird. In früheren Zeiten, etwa im 6. Jahrhundert, waren es noch zwei Orte, die durch eine von den Römern erbaute Brücke, verbunden waren; linksseitig San Pedro, rechtsseitig San Xoán. Im Pilgerführer Liber Sancti Jacobi wurden die beiden Ortschaften bereits als nur ein Ort, nämlich „Pons Minea“ erwähnt und spätesten 792 beurkundet, wurde daraus Portumarini. Da nur wenige Brücken den Rio Miño überspannten, wurde Portomarin, wie der Ort heute heißt, ein obligatorischer Durchgangspunkt für die Jakobspilger. Im 10. und 11. Jahrhundert prosperierte der Ort und entfaltete seinen größten Glanz. Das war auch dadurch sichtbar, dass gleich drei Ritterorden hier ansässig waren nämlich die Santiago-Ritter, die Tempelritter und die Johanniter.

Bevor der Rio Miño zu einem Stausee aufgestaut wurde, wurde der Ort umgesiedelt und oberhalb der Wasserlinie wieder neu aufgebaut. Bei geringem Wasserstand kann man heute noch die Kirchturmspitze des alten Ortes sehen. Teile der alten Römerbrücke und die Wehrkirche wurde Stein für Stein abgetragen und an neuer Stelle wieder zusammengefügt. 

Beim Anblick des Wassers regte sich in mir der Wunsch, kopfüber in dieses kühle Nass abzutauchen und spätestens beim Überqueren der Brücke konnte mich nichts mehr davon abhalten, diesen Gedanken in die Tat umzusetzen. Als ich Ana erklärte, dass ich, sobald wir das andere Ufer erreichen würden, in diesem See schwimmen gehen wollte, war sie regelrecht entsetzt von dem Gedanken. Ich verstand ihre Aufregung überhaupt nicht. Sie meinte, es wäre verboten, in diesem See zu baden. Aber ich ließ nicht locker und meinte, ich könnte ja jemanden fragen, ob es erlaubt wäre, hier zu schwimmen. Auf der rechten Seite der Brücke sah ich einige kleine Segelboote des Typs „Optimist“ liegen, die scheinbar zu einer Segelschule gehörten, die sich genau gegenüber der Liegestelle befand. Kinder bereiteten sich allem Anschein darauf vor, in Kürze diese Boote auch zu „entern“ denn jedes von ihnen war mit einer Rettungsweste bekleidet. Um Ana zu beruhigen bat ich sie, dort bei der Segelschule doch zu fragen, ob das Schwimmen in diesem See erlaubt wäre. Schon während Ana auf dem Weg zu dieser kleinen Marina war, kleidete ich mich bis auf die Unterhose aus und prüfte schon einmal die Temperatur des Wassers, wartete aber mit dem ersehnten Bad allein schon aus Höflichkeit geduldig auf ihr OK. Es dauerte nicht lange und Ana kam zurück und signalisierte mir, dass niemand etwas gegen mein Vorhaben  einzuwenden hätte. Das Bad in diesem See kostete uns eine volle Stunde. Damit war unser schöner Plan, heute noch bis Hospital da Cruz zu gehen, gescheitert. Es blieb uns also nichts weiter übrig, als uns hier in Portomarin eine Herberge zu suchen.

Nachdem wir unser Quartier, einem Schlafsaal, in dem mehr als einhundertfünfzig Pilger Platz fanden, bezogen hatten, kam Ana auf die Idee, am Ufer des Sees ein kleines Picknick zu machen. Dazu brauchten wir nur ein wenig Brot, Käse, etwas Obst und eine Flasche Wein. Zum Nachtisch vielleicht noch etwas Süßes. Das war´s dann auch schon. Auf dem Camino wird man bescheiden.

Als wir die Innenstadt erreichten, um für unser Picknick die nötigen Dinge einzukaufen, änderten sich angesichts des schönen, von Arkaden umgebenen Platzes, unsere Pläne. Anscheinend war heute nicht der Tag für Pläne. Es wäre eine Sünde gewesen, nicht in einer der Bars zu sitzen und dem Treiben um uns herum zuzusehen. Wir suchten uns also einen netten Platz unter den Arkaden, und genossen die besondere Stimmung des späten Nachmittages.

So verging die Zeit wie im Flug und, nachdem wir ein wenig gegessen hatten, wollten wir uns gerade aufmachen, die schöne Wehrkirche, San Nicólas, zu besichtigen, als Ana neben mir plötzlich einen spitzen Schrei ausstieß und immer wieder den Namen "Sergio! Sergio!" ausrief. Zuerst verstand ich nicht, was sie meinte, doch dann sah ich ihn auch, diesen kleinen, drahtigen, alten Mann mit seinem silbergrauen Haar, der mir die Pforte zum Camino weit aufstieß, damit ich endlich das sehen konnte, was mir bis dahin verborgen war. Nun begegneten wir uns auf diesem weiten Weg zum zweiten Mal. Mein Wunsch hatte sich erfüllt, Sergio noch einmal zu sehen und plötzlich wusste ich auch, warum am diesem Tag nichts so war, wie wir es geplant hatten. Es musste eine höhere Fügung sein, die in das Geschehen eingriff und uns immer wieder auf die richtigen Gedanken brachte. Der Zeitverlust beim Schwimmen, das nicht gemachte Picknick. Alles passte in dieses Kalkül.

Ich hatte Tränen in den Augen, als wir uns umarmten. Sergio erzählte uns, dass er bereits auf dem Rückweg sei und von Saint Jean Pie de Port aus nach Hause fahren würde. Er hätte sich auch auf dem ganzen Weg gefragt, ob ich mein Ziel erreichen und den Camino zu Ende bringen würde. Er fand es gut zu sehen, dass ich noch auf meiner Pilgerfahrt war.

Diesen Abend in Portomarin werde ich in meinem Leben nicht vergessen. Als wir uns verabschiedeten, wusste ich noch nicht, dass es nicht das letzte Mal sein würde, dass uns dieser Weg wieder zusammenführt. Aber dies ist eine ganz andere Geschichte.

Die Flut der Pilger nahm immer mehr zu. Ich hatte den Eindruck, mich, nach all der Einsamkeit des zurück liegenden Weges, auf einem Kirmesplatz zu befinden. Laut ging es zu, bunt war es und vor allen Dingen in den Herbergen wurde es eng. Zweimal mussten wir unsere Pläne bezüglich der Unterkünfte ändern, weil die bevorzugten Herbergen belegt waren. Das alles kostete uns viel Energie, da die Strecken, die wir gehen mussten, immer länger wurden, als von uns geplant. Es hatte natürlich auch den Vorteil, dass wir so Santiago schnell näher kamen.

Und so standen wir wenige Tage später, an einem sonnigen Nachmittag, auf dem Monte do Gozo, dem Berg der Freude. Von hier aus konnten die Pilger des Mittelalters die Kathedrale von Santiago de Compostela sehen, ihrem Ziel. Heute war dieses Ziel nur noch zu erahnen, da die Stadt sich so weit ausgebreitet hatte, das die direkte Sicht auf das Gotteshaus verbaut war. Lediglich den Uhrenturm der Kirche, den Torre de Reloy, konnte man mit viel Fantasie erahnen. Doch wo war meine Freude, fragte ich mich.

 

- Ich zitiere aus meinen Aufzeichnungen -

 

"Santiago liegt vor mir. Der Blick auf die Stadt macht mich traurig und eine große Enttäuschung breitet sich in mir aus. Ist mein Weg wirklich morgen schon zu Ende? Wer hat diesem Berg seinen Namen gegeben? Monte do Gozo, Berg der Freude! Ich empfinde keine Freude, viel eher den Wunsch, diesen Weg niemals enden zu lassen. Ich würde am Liebsten auf dem Absatz kehrt machen und wieder zurück zu meinem Anfang gehen, um von dort aus meine Pilgerreise neu zu beginnen, eine Pilgerreise, die niemals endet. Vielleicht ist mein Leben insgesamt ein Pilgerreise und mir fehlt nur die Einsicht, die Dinge unter diesem Aspekt zu betrachten."

 

- Zitat Ende -

 

Mit dem nächsten Morgen begann ein ganz besonderer Tag. Meine Traurigkeit hatte sich nun doch in Freude gewandelt und ich war begierig darauf, endlich die Kathedrale zu sehen.

Die letzten viereinhalb Kilometer durch die Stadt, die nur wenige hundert Meter unterhalb des Hügels begann, gingen wir schweigend nebeneinander her. Jeder hing seinen Gedanken nach, die sich bei mir um Erwartung, Neugierde und der bangen Frage nach dem „Und dann?“ bewegten. Die Straßen waren noch ruhig und es hatte den Anschein, dass die Stadt noch schlief, während vereinzelt Pilger ihrem Ziel zustrebten. Nur eine Handvoll Peregrinos hatten in der letzten Herberge übernachtet. Die meisten der Ankömmlinge waren nach einem kurzen Aufenthalt auf dem Monte do Gozo direkt wieder aufgebrochen, um ihre Pilgerreise zu beenden.

Wir erreichten nach knapp einer Stunde den Rand der Altstadt, in deren Zentrum sich das Gotteshaus befand. Ein imaginärs Tor, die Porta do Camino, das bei Neubaumaßnahmen einer Umgehungsstraße abgerissen werden musste, war gleichfalls der Einlass in eine andere Zeit. Vorbei an einem Pilgerbrunnen betraten wir, wie schon die Pilger des Mittelalters, den Monumentalbereich von Santiago de Compostela.

Die Fassaden der mittelalterlichen Gebäude waren hoch und ließen die Gassen dazwischen wie Schluchten erscheinen. Die Schritte hallten wider von den Mauern der Häuser und wie von selbst wurde mein Schritt fester, meine Haltung straffer. Ich wuchs mit jedem Schritt in diese Stadt. Vorbei an einem Denkmal von Cervantes überschritten wir einen Platz nach rechts und nur Minuten später erreichten wir den Praza de Imaculada.  Links erhob sich die Rückseite der Kathedrale, in der sich der Eingang, der Portikus Azabacheria, das Paradiestor befand, von dem aus die Pilger traditionsgemäß die Kirche betraten. Dieser Portikus war geschmückt mit den Symbolen der Schöpfung und der Ursünde. Ana fasste mich bei der Hand und zog mich nach links die Stufen einer Treppe hinab und nach einem Richtungswechsel nach Rechts hatten wir einen freien Blick auf den Praza de la Quintana. Eine gewaltige Treppe führte direkt auf diesen Platz, an dem das Heilige Tor lag. Dieses Tor, auch genannt Puerta Santo, wird nur in Jubiläumsjahren und in Zeiten des Heiligen Jahres geöffnet und gewährt beim Durchschreiten dem reuigen Pilger einen vollkommenen Ablass seiner Sünden. Das Heilige Jahr wird immer dann gefeiert, wenn der Namenstag des Jakobs, der 25. Juli, auf einen Sonntag fällt.

Als ich jetzt auf dieser Treppe stand, den Torre de Reloy, den Uhrenturm der Kathedrale und die Puerta Santo vor mir, brach in mir ein Chaos von Gefühlen aus. Wochenlang war ich diesem einem Ziel gefolgt, das Grab des Apostels zu erreichen und nun, da ich mein Ziel erreicht hatte, wusste ich nicht, ob hier wirklich mein Ziel lag. Tränen liefen über meine Wangen. Hatte ich eins auf diesem Weg gelernt, so war es das, dass es oft gut und befreiend war, einfach nur zu weinen. So halfen auch hier die Tränen, mich wieder zu beruhigen. Ana ließ mich allein auf dieser Treppe zurück und schlenderte über den Platz. Wie immer hatte sie ein sicheres Gespür dafür, zur richtigen Zeit das Richtige zu tun.

Als Ana nach einiger Zeit zurückkehrte, forderte sie mich auf, ihr zu folgen. Wir gingen den gleichen Weg, den wir zuvor gekommen waren wieder zurück, überquerten den Platz und durchschritten eine Unterführung. Hinter dieser Unterführung bat sie mich, meine Augen zu schließen. Die Bitte fand ich etwas ungewöhnlich doch folgte ich ihr ohne zu zögern. Sie fasste meine Hand und führte mich eine ziemliche Strecke weit, immer wieder darauf achtend, dass ich meine Augen auch wirklich geschlossen hielt, über ein grobes Pflaster.

Dann sagte sie: „Stopp“, drehte mich um 180 Grad und bat mich, meine Augen zu öffnen. Ich hatte schon viele Fotos der Westfassade der Jakobuskathedrale gesehen, aber sie waren nichts im Vergleich mit dem Anblick, den ich nun erleben durfte. Die beiden mächtigen barocken Türme, die Obradoirofassade mit der Jakobusfigur hoch über der monumentalen Treppe, die zum Portico de la Gloria führte, all das war überwältigend schön zu schauen. So standen wir vor dieser Fassade und ich wäre wohl noch lange so stehen geblieben, wenn Ana nicht gemeint hätte, endlich doch die Kathedrale von innen zu besichtigen.

Wir betraten die Kathedrale nach alter Pilgertradition durch das Azabacheriator. Vom Eingang her hatte ich einen schönen Blick durch das Querhaus, in dessen Vierung der Altarraum zu erkennen war. Die Kathedrale konnte ihre romanischen Wurzeln nicht verbergen. Das tonnenförmige Gewölbe spannte sich hoch wie ein Himmel über den Raum. Zwei Bankreihen getrennt durch einen Mittelgang füllte die Fläche zwischen den Wänden. Außer uns befand sich niemand in dem großen Raum der Kirche.

Wir gingen langsam zur Mitte des Gebäudes und nahmen Platz im Langhaus, dessen Fläche ebenfalls mit einer doppelten Bankreihe ausgestattet war. Von hier aus hatten wir einen perfekten Blick auf die Altarkapelle hinter dem Altarraum. Inmitten eines goldglänzenden Hochaltares stand die Büste des Jokobus. Er hielt einen Pilgerstab in Händen, der mit einer Muschel geschmückt war. Hinter seinem Haupt leuchtete ein goldener Nimbus und seine Schultern bedeckte ein aus versilbertem Blech geschlagener Umhang, der mit Schmucksteinen bedeckt war. Über dem Ganzen schwebte ein auf Säulen ruhender Baldachin, auf dem eine Darstellung des Apostels als Matamorus zu sehen war.

So saßen wir länger als eine halbe Stunde in dieser Bank und jeder von uns hing seinen Gedanken nach. Auch dieses Mal übernahm Ana wieder die Initiative. Sie deutete mir an, den Rucksack in der Bank zu lassen und ihr zu folgen. Ich ging  ihr nach und sie leitete mich zu einem kleinen Eingang seitlich der Altarkapelle. Stufen führten hinauf hinter die Figur des Heiligen. Als Ana den oberen Absatz der Treppe erreicht und hinter der Figur des Jakobus stand, legte sie ihre Arme auf den Rücken und die Schultern der Büste und küsste den Umhang. Danach forderte sie mich auf, es ihr gleichzutun. Als ich den Heiligen umarmte, dachte ich an meinen Freund Manfred und daran, dass wir diesen Gang gemeinsam machen wollten. In diesem Augenblick hätte ich gerne eine Zeitmaschine gehabt, um alles Geschehene rückgängig zu machen.

Auf der anderen Seite führten die Stufen wieder hinab in den Kirchenraum. Ich folgte Ana zu einem anderen schmalen Durchgang, hinter dem sich ebenfalls Stufen befanden, die  diesmal hinunter führten unter die Altarkapelle, in eine Art Krypta . Inmitten eines kleinen Raumes stand eine Gebetsbank, von der man aus durch ein Gitter hindurch auf einen Schrein schauen konnte, der aus getriebenem Silber bestand. Darüber schwebte ein silberner Stern. In diesem Schrein wurden die sterblichen Überreste des Apostels und seiner beiden Schüler Theodorus und Atanasius aufbewahrt. Anders als in anderen Pilgerorten, wie zum Beispiel Rom oder Köln, war hier in Santiago de Compostela die Begegnung mit den Reliquien, zu denen ich gepilgert war,  sehr viel enger und intensiver. Ja, mehr noch, diese einsame Bank vor der Grabesgruft schuf eine Atmosphäre, die ich sogar als intim bezeichnen würde. Nach einem kurzen Gebet verließen wir die Krypta über eine Treppe auf der anderen Seite des Raumes wieder.

Als wir unsere Plätze auf der Bank wieder eingenommen hatten, musste ich feststellen, dass sich mittlerweile die Bänke doch gefüllt hatten, zwar noch spärlich aber immerhin waren wir nicht mehr alleine in diesem großen Raum. Ich schaute mich um und entdeckte einige bekannte Gesichter von Pilgern, denen ich auf meinem Weg begegnet war.

Eine Zeit lang später gesellte sich  auch Manuel zu uns, der Aussteiger aus München, allerdings ohne seine drei Freunde. Auf meine Frage nach ihnen antwortete er, dass Jeanin schon hinter Leon ihre Pilgerreise abbrechen musste und nach Hause gefahren sei. Mit Albert und Bianca hätte er sich entzweit und beide verlassen. Nun, da er hier allein in dieser Bank sitzen würde, hätte er „Sehnsucht nach seiner Familie“. Nach meinem Einwurf, das er seine Familie ja wohl in wenigen Tagen, wenn er nach Hause kommt, wieder sehen würde antwortete er mir unter Tränen, dass er diese Familie nicht meinte sondern seine drei Freunde, die mit ihm gemeinsam einen großen Teil des Camino gegangen waren. Jetzt verstand ich was er meinte und legte tröstend meine Arme um ihn.

Die Pilgermesse begann. Eine Ordensschwester sang gemeinsam mit den Pilgern Taizélieder während der Bischof mit seinen Conzelebranten in Zweierreihen die Kirche durch den Mittelgang des Langhauses betrat. Es war eine feierliche  Prozession von insgesamt mehr als zehn Priestern, die langsamen Schrittes zum Altarraum zogen. Zwei Geistliche kannte ich bereits, den einen von Estella und Villamajor de Monjardin her und den anderen von San Marco, der kleinen Kapelle auf dem Monte do Gozo.

Die Begrüßungsrede war sehr lang und ich verstand nur einzelne  Passagen. Danach begann eine Aufzählung der Pilger und ihrer Nationalität, die an diesem Tag in Santiago angekommen waren. Es folgte die Verlesung der Orte, von denen aus die Peregrinos ihre Pilgerfahrt begannen. Darunter befanden sich nur  zwei, die vom Somport aus gestartet waren und diese beiden waren Ana und ich.

Ich saß in meiner Bank und war inzwischen mit meinen Gedanken auf dem Weg, der hinter mir lag. Ich dachte an all die Schmerzen, die ich ertragen hatte; ich dachte an die Menschen, die ich kennen lernen durfte und an die Landschaften, durch die ich dem Camino gefolgt bin. Die Bilder, die sich damit verbanden, waren noch so deutlich, so real, als hätte ich sie noch vor wenigen Augenblicken direkt vor mir gehabt. Ein Satz von Johann Wolfgang von Goethe kam in meinen Gedanken hoch: „Eine Landschaft, die man nicht durchwandert hat, hat man nicht gesehen.“ Wie wahr!

Vor dem Schlusssegen wurde der Butafumeiro mit Weihrauch gefüllt. Dieses riesige Weihrauchgefäß war mittels eines dicken Seiles mit einer besonderen Mechanik verbunden, die sich hoch oben in der Vierungskuppel befand. Gleich fünf Männer, die Tirabalueiros, wurden benötigt, um diesem Becken den nötigen Schwung zu verleihen, damit es im Querhaus über eine Strecke von ungefähr sechzig Metern schwingen konnte. Im Mittelalter „parfümierte“ man so die Kirche, um den Schweißgeruch der Pilger zu überdecken.

Nach dem Schlusssegen spielte die Orgel und der Auszug der Priester beendete die Messe.

Draußen vor der Kathedrale drängten sich jetzt die Pilger und Touristen. Die Stadt hatte nun einen ganz anderen Charakter. Heute Morgen noch war sie Menschenleer und still; jetzt laut und überfüllt von staunendem Volk. Es war nicht meine Welt und ich fühlte mich fehl am Platz.

Wir machten uns auf zur Herberge, um uns ein Bett zu sichern.

Eigentlich hatte ich vor, noch bis zum Namenstag des Apostels in der Stadt zu bleiben. Da aber Ana schon am nächsten Morgen mit dem Zug zurück nach Vitoria fahren wollte, hatte ich mich entschlossen, schon früher als geplant nach Finisterre, dem Ende der Welt, aufzubrechen. Alleine hätte ich es in dieser schönen, aber lauten Stadt, nicht ausgehalten.

So verbrachten wir, nachdem wir uns Straßentauglich gemacht hatten, die Zeit die uns blieb damit, dem Treiben um uns herum zuzusehen, die Kathedrale zu besichtigen, unseren Hunger und Durst zu stillen und der Musik zu lauschen, die überall in den Straßen zu hören war. Wir schauten den Gauklern zu, die mit ihren Späßen die Leute zum Lachen brachten und wurden dabei unbemerkt immer nachdenklicher und trauriger. Schließlich, die Nacht war bereits über Santiago eingebrochen, redeten wir vom Abschiednehmen. So lange hatten wir dieses Thema vor uns her geschoben, doch nun drängten die Worte heraus, die wir nicht aussprechen wollten. Fast zwei Monate lang waren wir uns immer wieder begegnet. Oft sahen wir uns Tagelang nicht, dann hatten wir oft die gleichen Ziele, waren in den gleichen Herbergen. Und nun war diese Zeit unweigerlich vorbei. Was blieb war eine große Leere und Bitternis.

Schon beim Aufwachen am nächsten Morgen hatte ich ein schlechtes Gefühl in der Magengegend. Nur widerwillig packte ich meine Sachen. Auch Ana war nicht sehr gesprächig. Wir hatten verabredet, gemeinsam zu frühstücken und danach noch einmal in die Kathedrale zu gehen um Abschied zu nehmen; Abschied vom Apostel und Abschied voneinander. Das Frühstück wollte nicht recht schmecken und meine Laune wurde immer schlechter. Erst die Ruhe in der fast menschenleeren Kirche brachte auch etwas Ruhe in unsere Herzen. So saßen wie wortlos nebeneinander und schauten auf den Hochaltar zu Ehren des Heiligen.

Wir verließen, wie am Vortag, die Kirche durch den Portico de las Platerias, der auf den gleichnamigen Platz hinausführte. Auch hier war eine breite Treppe angelegt, die die gesamte Breite des Platzes einnahm. Vor dieser Treppe befand sich die Fuente de los Caballos, der Pferdebrunnen. Das plätschern des Wassers war bis zur Treppe zu hören, auf der wir nun saßen. Wir versprachen einander, den Kontakt aufrecht zu erhalten und uns dann und wann einen Brief oder eine E-Mail zu senden. Dann war es soweit. Wir mussten Abschied nehmen. Eine letzte Umarmung beendete unseren gemeinsamen Weg. Nachdem wir uns gegenseitig die Tränen getrocknet hatten, nahm Ana ihren Rucksack auf und ging in Richtung des Bahnhofes. Ich sah ihr nach, wie sie durch die Menschenmenge hindurch immer kleiner wurde und schließlich bei der nächsten Straßenbiegung verschwand.

Gott sei dank hatte ich nicht sehr viel Zeit, intensiv über meinen Abschiedsschmerz nachzudenken, denn ich hatte ja bis Negreira noch dreiundzwanzig Kilometer vor mir. So machte auch ich mich auf den Weg. Nach gut einer Stunde hatte ich die Stadt hinter mir gelassen und erklomm einen Hügel, von dem aus ich einen letzten Blick auf die Kathedrale werfen konnte. Der Camino hatte mich wieder. Ich genoss die Ruhe des Waldes und den frischen, intensiven Geruch, der Eukalyptusbäume, die meinen Weg säumten. Plötzlich war Manfred wieder ganz nah bei mir. Ich hatte geglaubt, ihn in Santiago gelassen zu haben aber ich hatte mich getäuscht, er war immer noch in mir. Ich erinnerte mich an ein Lied, an sein Lieblingslied. Der Text ging folgendermaßen:

 

Komm mein Alter, mach die Gläser nochmal voll
Und lass uns trinken auf die Zeit
Wo wir noch wild und voller Träume waren
Die Tage bunt, die Nächte breit

 

Es war egal, in welchem Bett man nachts schlief
Die Nacht war sowieso nicht lang
Wir sind getrampt von Köln bis Paris
Und total versackt in Amsterdam

 

Sag jetzt nicht, das sei sentimental
Und außerdem schon lange her
Wenn wir wollen, dann geht das noch mal
Heut’ Nacht ziehen wir los bis ans Meer…

 

Komm mein Alter, raff’ dich nochmal auf
Da draußen weht ein heißer Wind
Lass uns losziehen, vielleicht zum letzten Mal
Bis wir beide angekommen sind

 

Bis ans Meer – lass uns weitergehen
Bis ans Meer – ich will den Himmel sehen

 

Und meine Schritte wurden raumgreifender und sie fielen mir mit einem Mal leichter. Mir wurde irgendwie froh ums Herz, denn ich hatte wieder ein neues Ziel, das ich mit Manfred erreichen wollte. Vielleicht würden sich dort endlich unsere Wege trennen, dort -wo die Welt "zu Ende" ist!?

Die 93,5 Km bis zum Kap Finisterre legte ich in drei Tagen zurück. Nun stand ich hoch über dem Atlantik und schaute hinaus aufs Meer. Hinter mir lagen alles in allem mehr als tausend Kilometer, die allesamt auf dieses eine Ziel ausgerichtet waren, meine Trauer zu besiegen. Doch jetzt erst wurde mir klar, das es nie darum ging, irgendetwas zu besiegen sondern einfach nur darum, die Einsicht zu erlangen, in allem einen tieferen, oft verborgenen, Sinn zu sehen. Es war ernüchternd, hier am Ende der Welt zu dieser Erkenntnis zu gelangen. Gleichzeitig wurde mir bewusst, das Hier und Jetzt mein Weg erst begann. Wohin er mich führen würde, blieb im Dunkel der Zukunft verborgen.

Da ich ein paar Tage in Fisterra bleiben wollte, hatte ich mir ein Zimmer in einer Pension gemietet. Es war ein schöner Sonnenuntergang, den ich vor ein paar Stunden auf dem Cabo erleben durfte. Ich saß noch stundenlang auf den Felsen und lauschte der Brandung, die wütend und tosend gegen die Klippen schlug.

Erst nach Mitternacht erreichte ich meine Pension. Mein Zimmer lag direkt unter dem Dach und ich hörte die Möwen schreien, die auf dem First des Hauses die Nacht verbrachten. Es waren laute, eindringliche Schreie. Sie waren es, die mich zu einem Gedicht inspirierten, an dem ich die ganze Nacht lang schrieb. Mit den ersten Sonnenstrahlen brachte ich die letzte Zeile zu Papier. Es lautete wie folgt:

 

Möwen schreien in der Nacht

der Weg, mein Weg ist vollbracht

die Sonne liegt dem Meer zu Füßen

bereit, das Ende zu begrüßen

ein letzter Kuss dahingehaucht

die Wolken rot in Blut getaucht

umarmt die Finsternis den Tag

 

Die Gedanken sehen weit zurück

auf jenen Tag, der fast entrückt

der erste Schritt auf diesen Pfaden

voll Zuversicht die Zukunft wagen

kein Zweifel jetzt die Seel berührt

der Hoffnung voll, das Leben spürt

der Freiheit erster Flügelschlag

 

Wo tiefe Narben im Gemüt

verhindern das die Liebe blüht

wo Fesseln meine Seele binden

sich schlangengleich nach innen winden

reißt machtvoll jetzt des Weges Kraft

den Geist aus der Gefangenschaft

bricht aus dem Innern Frag um Frag

 

Ultreïa – Ultreïa schreit es mich an

Ultreïa – Ultreïa lauf weiter voran

wirf ab die Blockaden, der Weg ist noch weit

mach Pilger dich endlich zum Lernen bereit

in Tränen der Freude, des Glücks und des Leids

öffnen sich Grenzen des Raums und der Zeit

allein der Camino dies alles vermag

 

Vier Tage lang öffnete der Himmel seine Schleusen. In der zurückliegenden Zeit hatte ich nicht ein einziges Mal Regen während meiner Wanderung. Und nun wollte es gar nicht mehr aufhören zu regnen. Ich wollte unbedingt noch bis Muxia gehen, doch bei dem Wetter fehlte mir die Motivation, die 32 Kilometer in Angriff zu nehmen. Der fünfte Tag brachte dann den ersehnten Wetterwechsel. Doch worauf hatte ich mich da eingelassen. Der Weg bis nach Muxia war kaum markiert und die Pfade waren alles andere als gut begehbar. Zeitweise orientierte ich mich nur nach der groben Richtung in der Hoffnung, irgendwann auf ein Zeichen zu treffen, das mir verriet, dass ich auf dem rechten Weg war. Hinter Lires musste ich sogar durch einen kleinen Fluss waten, der mir das Weiterkommen vereiteln wollte. Doch schließlich erreichte ich Muxia bei strahlendem Wetter. Das Heiligtum Muxia, das Santuario de Nuestra Señor de la Barka, gründet sich auf eine Legende, die folgendes erzählt:

Jakobus saß vollkommen enttäuscht am Felsenstrand von Muxia und haderte mit dem Ergebnis seiner Mission, das Christentum nach Spanien zu bringen. Erfolglos hatte er versucht, den Menschen die neue Religion der Liebe und der Hoffnung nahe zu bringen. Plötzlich erschien ihm Maria auf einer steinernen Barke und ermutigte ihn, nicht mit seinen Bemühungen nachzulassen, die Menschen zum rechten Glauben zu bekehren. Nach dieser Aufmunterung löste sich die Gestalt Mariens wie ein Nebel auf und die Barke zerschellte am Ufer. Seit dieser Zeit liegen drei große Steine an dieser Stelle. Sie markieren den Bug, das Heck und das Ruder der Barke. Bei besonders starkem Sturm und hohem Seegang soll man sehen können, wie sich das Ruder, dieser tonnenschwere Stein, durch die Kraft des Wassers bewegt.

Zwei Tage später war ich wieder in Santiago de Compostela. Den Rückweg dorthin habe ich mit dem Bus bewältigt – ein vollkommen neues Reiseerlebnis. Mein erster Gang führte mich in die Kathedrale. Einer Eingebung folgend wusste ich mit einem Mal, wo ich meinen Freund, den ich immer noch in mir trug, zurücklassen konnte. Dieser Ort war die Büste des Jakobus, die dem Habitus meines Freundes sehr nahe kam. Dort konnte ich ihn ablegen und in meinen Gedanken jederzeit besuchen. Ich war glücklich, diesen Platz für ihn gefunden zu haben.

Danach lief ich ziellos durch die Stadt und suchte nach meinen ersten Empfindungen, die ich beim Betreten der Stadt des Apostels so deutlich gespürt hatte. Doch ich fand sie nicht mehr.

 

- In meinen Aufzeichnungen steht dazu folgendes -

 

"Die Stadt liegt wie eine fremde Welt vor mir. Auf den Plätzen, auf denen ich noch vor wenigen Tagen mit mir bekannten Gesichtern gelacht und geweint habe, in den Gassen, in denen sich mir vertraute Menschen vor Freude in den Armen lagen, ist es leer geworden. Nicht von Menschen sondern von nahe stehendem, schon gesehenem. Ich bin ein Fremdkörper in dieser Zeit. All die Menschen, die jetzt in dieser Stadt weilen gehören nicht mehr zu meinem Weg. Sie bilden eine andere, mir nicht zugängliche Welt. Das einzige, das uns noch eint ist der Camino, dieser Weg, der uns alle an diesen Ort geführt hat; auf den wir uns eingelassen haben und der uns getragen hat, hin, bis nach Santiago de Compostela, zum heiligen Apostel Jakobus. Ich gehe wehmütig durch die Strassen und erkenne all die Orte wieder, an denen wir, Ana und ich, gesessen sind, Kaffee getrunken haben, dem Treiben um uns herum zugesehen, der Musik gelauscht haben. Die Ausgelassenheit des ersten Tages,  mit der wir durch die Stadt zogen, lässt sich nicht mehr zurück bringen. Der Wind, der durch die Strassen weht, hat den Zauber jenes Tages mit sich fort getragen um ihn in der Weite des zurückliegenden Weges wie ein Füllhorn auf all die anderen Pilger aus zu gießen, die die Begegnung mit dieser Stadt und ihrem Heiligen noch vor sich haben. Ich gehöre schon nicht mehr hier her!"

 

- Zitat Ende -

 

Wenn dieser Weg mir eins gegeben hat so ist es die Gewissheit, dass wir uns in einem Äther bewegen, der beseelt ist. Mit jedem Atemzug den wir tun, atmen wir einen Teil dieser Seele und schöpfen daraus unsere Kraft zum Leben. Am Ende unseres Seins, mit dem letzten Ausatmen, fließt diese Kraft wieder zurück zu ihrem Ursprung um in anderen wieder erneut zu wirken und sich zu entwickeln. Nur so kann ich mir all das erklären, was mit mir geschehen ist und sicher noch geschehen wird. Diese Erkenntnis ist mein Credo, mein Glaubens-bekenntnis. Sicher werde ich noch häufig zweifeln und (ver)zweifeln aber meine Wahrnehmung hat sich deutlich verändert und mich in eine neue Dimension des Denkens, des (Nach)denkens gebracht. Ich bin neugierig auf die Zukunft.

Eine Mitpilgerin schenkte mir,  nachdem bereits wieder zu Hause war, folgende Zeilen von Wilfried Schuhmacher, die, im nachhinein betrachtet, mich wie ein roter Faden auf meinem Weg begleitet haben. Sie lauteten:

 

 

Jedes Mal, wenn ich um mich schaue,

sehe ich viele Engel,

die meinen Weg kreuzen –

Engel mit Menschengesichtern,

Menschen mit Engelgesichtern,

die mich glauben lassen.

 

 

Streckenübersicht Teil IV:

 

 Trabadelo

 - Ambasmestas

 - Vega de Valcarce

 - Ruitlán

 La Faba                                  15,1 km

 - O Cebreiro

 - Hospital de Condesa

 - Fonfria

 Triacastela                            28,0 km

 Samos                                     10,1 km

 - Sarria

 Barbadelo                             17,5 km

 - Ferreiros

 Portomarin                           18,8 km

 - Gonzar

 - Hospital da Cruz

 - Ventas de Narón

 - Ligonde

 Palas de Rei                         25,5 km

 - Casanova

 - Melide

 - Ribadiso

Arzúa                                        30,3 km

- Santa Irene

- Pedrouzo

Monte do Gozo                     35,2 km

Santiago de Compostela  4,5 km

                             *

 Santiago de Compostela

 Negreira                                23,0 km

 - Vilaseriao

 Olveiroa                                34,3 km

 - Cee

 - Corcubión

 Fisterra                                 32,7 km

 - Kap Finisterre (Cabo)              3,5 km

                             *

 Fisterra

 - Lires

 Muxia                                   32,0 km