1. Auflage 2012

 

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Umschlagsgestaltung und Fotos: Hans Dieter Ludwig

 

 

Camino de Santiago

 

Vortragsreihe über den

 

Jakobsweg

 

Teil III

 

Zwischen

 

Tosantos und Carrión de los Gondes

 

von

 

Hans Dieter Ludwig

 

 

 

In einem Text von Leon Filipe heißt es:

 

Niemand ging gestern,

 niemand geht heute,

 niemand wird morgen gehen

 zum Gott

 auf demselben Weg

 den ich gehe.

 Gott hat immer

 für jeden Menschen

 einen neuen Sonnenstrahl

 und einen neuen Weg.

 

Die Nacht war kurz – zu kurz. Als uns Detlef gegen sechs Uhr weckte, fehlten mir gefühlte zehn Stunden Schlaf. Es tröstete mich etwas, dass es allen anderen auch nicht besser ging. Noch bevor ich meinen Rucksack gepackt hatte, roch es im ganzen Haus bereits nach Kaffee. Nach dem Motto: „Viele Hände helfen schnell“ war in wenigen Minuten der Tisch gedeckt und alle nahmen an der großen Tafel Platz. Ich blickte in lachende Gesichter und die Stimmung um mich herum war ausgelassen und entspannt. Das Band der Freundschaft, das uns alle verband war deutlich zu spüren.         

Nach dem Frühstück galt es, Abschied zu nehmen. Ich war der Erste, der die Herberge verließ. Ana begleitete mich nach draußen und nach einer Umarmung drückte sie mir einen kleinen Eibenzweig in die Hand. Ich wunderte mich ein wenig über dieses Geschenk, verstand ich doch den Symbolismus dieser Gabe nicht. Nachdem ich das Zweiglein zwischen die Seiten meines Reiseführers gesteckt hatte, gab ich ihr noch einen Kuss auf die Stirn und blickt einem neuen Tag entgegen, der seine Geheimnisse für mich noch versteckt hielt.

Der Weg führte mich steil bergauf auf einer Piste, die mit bis zu faustgroßen Steinen bedeckt war. Das Gehen wurde schon zu Beginn des Tages zu einer Qual. Ich musste höllisch aufpassen, auf dem unebenen Untergrund nicht umzuschlagen und mir dabei die Knöchel zu vertreten. Gott sei dank wurde der Weg besser, als ich den Anstieg geschafft hatte.

Schon kurze Zeit später erreichte ich Vilambistia, einem jener winzigen Orte am Camino, die vor allen Dingen darunter litten, wie leblos zu wirken. Der Grund hierfür war einfach. Die jungen Leute verließen diese Dörfer, um sich in den Städten und Industrieregionen anzusiedeln, weil es nur dort für sie Arbeit und damit ein Auskommen gab. Inmitten des Ortes auf einem kleinen Platz stand ein achteckiger Brunnen, aus dem Wasser plätscherte. Ich schöpfte einen Schluck davon mit der hohlen Hand. Das Wasser schmeckte frisch und rann kühl durch meine Kehle. Ich goss das Leitungswasser, das ich in Tosantos in meine Trinkflasche gefüllt hatte, auf dem Boden aus und ersetzte es durch das köstliche Brunnenwasser. Es war für mich so wie ein kleines Wunder, dass ich mittlerweile einen  Geschmacksunterschied von Wasser unterschiedlicher Quellen herausschmecken konnte. Das lag sicher daran, dass ich, seit dem ich auf dem Camino unterwegs war, nicht mehr rauchte.

Die Landschaft um mich herum war geprägt von Feldern, die sich wie ein Flickenteppich ausbreiteten. Sanfte Hügel und das Wogen der Getreidehalme vermittelten mir den Eindruck, als befände ich mich in einem kleinen Boot, das langsam auf den Wellen eines Meeres auf und ab dümpelte.

Über Espinosa del Camino erreichte ich nach knapp zwei Stunden Villafranca Montes de Oca. Der Namenteil „Montes“ deutete schon darauf hin, dass dieser Ort an einem Berg oder Gebirge liegen musste. Tatsächlich begann hier der Aufstieg auf die etwa 1160m hohen Montes de Oca, den Gänsebergen.

Kurz bevor ich den Ort verlassen wollte, begegneten mir die zwei jungen Spanier Antonio und Ruben, die ich bereits in Arrés kennen gelernt hatte. Mit einem großen Hallo lagen wir uns in den Armen. Leider waren auch hier wieder die fehlenden Sprachkenntnisse ein Hinderungsgrund, die beiden zu fragen, wie es ihnen auf ihrem Weg ergangen war. Eigentlich wähnte ich die Beiden weit vor mir auf dem Camino – aber irgendetwas hatte sie scheinbar aufgehalten. Auch jetzt waren sie in der verkehren Richtung unterwegs, schließlich jedoch erklärte es sich damit, dass sie noch zur Bank wollten, um sich für die kommende Zeit mit Bargeld einzudecken, denn bis Burgos gab es ab hier keinen Geldautomaten mehr. Die Verabschiedung war herzlich und mit einem „Buen Camino“ gingen wir wieder unserer Wege.

Der Aufstieg auf die Gänseberge war knapp aber heftig. Oben angekommen machten mir meine Füße wieder Sorgen. In Tosantos musste ich feststellen, dass mir mein Gewebeband ausgegangen war und ich versäumt hatte, mir rechtzeitig neues zu besorgen, um mir damit meine Füße zu tapen. Wie sich jetzt herausstellte, eine böse Unterlassungssünde. Drei neue Blasen auf meinen Zehen waren das Ergebnis.

Ein Denkmal, an dem ich meine Zwangspause gemacht hatte, erinnerte an die Ermordeten des Bürgerkrieges in Spanien. Die Aufschrift auf der Stele ließ in mir wieder diese Wut entstehen, die nicht aufhören wollte, sich immer wieder in den Vordergrund zu spielen. Die Worte lauteten übersetzt:

 

„Ihr Tod war nicht umsonst - aber Ihre Ermordung“

 

- Ich zitiere aus meinen Aufzeichnungen -

 

„Parallelen zu heutigen Politikern drängen sich mir auf.  Sie bedienen sich der gleichen, nur subtileren Methoden, um andere Mundtod zu machen, sie zu diffamieren, zu ignorieren, zu verleumden, sie mit Gesetzen ordnungsgemäß und legal ins Unrecht zu setzen; alles Werkzeuge der modernen Machthaber, die es immer noch schaffen, Menschen in einen elenden Krieg zu stürzen, ohne selber daraus Konsequenzen fürchten zu müssen. Verantwortungsloses und korruptes Gesindel, vom Volke gewählt und legitimiert.

 

- Zitat Ende -

 

Ich stapfte, im Inneren aufgewühlt, davon und dachte: „Warum mache ich mir Gedanken über diese Hohlköpfe die ich nicht gewählt habe?“

An den nun folgenden Weg konnte ich mich, nachdem ich ihn gegangen war, nur bruchstückhaft erinnern. Vor mir lag eine etwa zwanzig Meter breite, schnurgerade gezogene Brandschneise, über deren Mitte der Weg führte. Laut meinem Wegbegleiter sollte diese Schneise neun Kilometer in die gleiche Richtung führen. Es war, im Gegensatz zu den Tagen, an denen  ich bisher unter-wegs war, sehr warm. Die Sonne strahlte von einem wolkenlosen, blauen Himmel herab, als wollte sie mir sagen, dass ich doch alles von der heiteren Seite aus betrachten sollte. Aber mir war nicht danach zu Mute. Schritt für Schritt ging ich über den schattenlosen, von Fichten gesäumten Weg und irgendwann muss mich meine Wahrnehmung verlassen haben, denn als ich aus dieser Trance erwachte, war ich bereits wieder auf dem Abstieg von den Montes de Oca.

Der Grund für meine Rückkehr aus dem „Nichts“ war ein Radfahrer, der in einem beängstigend hohen Tempo an mir vorbei, den abschüssigen Weg hinunterfuhr. Eine böse Vorahnung machte sich in mir breit und tatsächlich, der Biker war noch keine zweihundert Meter weit von mir entfernt, als sich ein schrecklicher Unfall ereignete. Das Fahrrad machte einen plötzlichen Schlenker zur Seite und der Fahrer verlor die Kontrolle über sein Bike. In hohem Bogen flog der Mann gefolgt von seinem Rad durch die Luft, überschlug sich mehrmals in beängstigender Höhe und landete nach einem heftigen Aufschlag auf dem Weg, in einem Graben, der sich rechts neben der Piste befand. Das Fahrrad flog in entgegengesetzter Richtung, samt Gepäck, zwischen die Bäume. Als ich die Unfallstelle passierte, kümmerten sich bereits seine Mitfahrer, die kurze Zeit vorher an mir vorbeifuhren, um den Verletzten. Ich warf nur einen kurzen Blick auf den Verunglückten, doch dass reichte aus, um festzustellen, dass dieser Unfall nicht glimpflich abgegangen sein konnte. Der Verunfallte lag mit dem Rücken auf kopf-großen, kantigen Steinen, mit denen der Graben ausge-kleidet war. Trotz meines nur kurzen Blickes auf den Unglücklichen, konnte ich sehen, dass er zu keiner Bewegung mehr fähig war. Das war der zweite Unfall, den ich auf meinem Weg erlebte. Nur dieser hier war sicher viel schwerer als der Erste. Dies bestätigte sich nach kurzer Zeit schon. Ich war vielleicht gerade sieben oder acht Minuten vom Unfallort entfernt, als mir zwei Quads in hohem Tempo entgegen kamen. Als sie an mir vorbei fuhren, konnte ich sehen, dass einer der Fahrer mit einer Weste des „Roten Kreuzes“ bekleidet war. Es erstaunte mich, wie schnell die Nothelfer hier vor Ort waren.

Ich erreichte San Juan de Ortega. Direkt vor der gleichnamigen Klosteranlage lag eine Fuente, an der sich gleich vier Frauen bedienten. Man sah ihnen an, wie sehr sie sich nach dem kühlen Nass gesehnt hatten, gab es doch auf dem ganzen Weg über die Montes de Oca nicht eine einzige Möglichkeit, Wasser nachzufüllen – und das bei dieser Hitze.

Im Gegensatz zu ihren Wasserflaschen war meine noch halb voll. Ich hatte viel zu wenig getrunken, stellte ich fest. Ich ersetzte das lauwarme Wasser in meiner Trinkflasche durch das kühle, frische Wasser der Quelle. Dann ging ich zielstrebig hinüber zu einer Bar, die ich bereits bei meiner Ankunft erspäht hatte. Vor der Bar fand ich einen freien Tisch, an den ich mich setzen konnte. Im Schatten des Sonnenschirmes entledigte ich mich zuallererst meiner Schuhe. Es war eine Wohltat, den Füssen den Druck zu nehmen. Dann holte ich mir eine eiskalte Cola und trank die ersten Schlucke mit großem Genuss.

Nun hatte ich etwas Zeit, über die letzten Stunden nachzudenken. Was war auf dem Weg über die Brandschneise mit mir geschehen? Wieso hatte ich keinerlei Erinnerungen an diesen Weg? Fragen, die sich absolut nicht zu einer plausiblen Antwort zusammenfügen wollten. Ähnliches hatte ich auf dem Camino schon einmal erlebt. Zwischen Eunate und Obanos geschah mit mir Vergleichbares. Damals hatte ich vermutet, dass ich einfach das Denken eingestellt hatte; dass sich alles in mir nur noch im Unterbewusstsein, quasi auf instinktgesteuerter Ebene abspielte. Aber konnte ich das Denken wirklich einfach einstellen? Konnte  ich die Grenze zwischen bewusstem und unbewusstem Erleben im Wachzustand auflösen? So sehr ich mich bemühte, es wollte mir nicht gelingen, eine Erklärung zu finden, die mich überzeugte.

Ein Hubschrauber überflog das Kloster und riss mich aus diesem sinnlosen Grübeln. Das Geräusch der Rotoren verriet mir, dass der Helikopter nicht weit von der Unfallstelle gelandet sein musste. Also lag ich mit meinen Vermutungen nicht so falsch, dass dieser Unfall schwerwiegender Natur war.

Eigentlich wollte ich mir noch das Kloster ansehen, doch nach diesem Unfall hatte ich dazu keine Lust mehr. Ich brauchte wieder Bewegung, die mich von diesem unschönen Erlebnis ablenken sollte.

Also wanderte ich weiter auf einem einsamen Wirtschaftsweg. Die Landschaft um mich herum war so ganz anders, als vorher. Hatte mich das Gehen auf der langweiligen und eintönigen Schneise zuvor noch in einen Zustand der Empfindungslosigkeit versetzt, so hatte ich jetzt das Gefühl, das die Natur um mich herum nun alles Vorherige ungeschehen machen wollte.

 

- Ich zitiere aus meinen Aufzeichnungen -

 

„Der Duft des Grases schmeichelt meiner Nase und das leise Konzert der Insekten liebkost mein Gehör. Meine Augen können sich nicht satt sehen an dem Grün des Grases, dem Rot, dem Gelb und dem Blau der Blumen. Ich schwebe wie auf einer Wolke von Freiheit und Frieden.“

 

- Zitat Ende -

 

Alles Unschöne und Schlechte schien wie in weite Ferne gerückt. Eben noch war ich bedrückt, nun fast euphorisch gestimmt. Ein Wechselbad der Gefühle.

Ursprünglich wollte ich nur bis Agés gehen doch dann beschloss ich ganz spontan, in der Herberge des nächsten Ortes zu übernachten, einfach nur deshalb, dieses Wohlbefinden, in das ich eingetaucht war, länger auszukosten.

Atapuerca, das war der Ort, in dem ich die Nacht verbringen wollte, konnte mit einer spektakulären Besonderheit aufwarten. In der Nähe dieses Dorfes wurden in mehreren Karsthöhlen hunderte fossiler Knochen entdeckt. Ihr Alter sollte etwa 800.000 Jahre betragen und zu einer Gattung von Hominiden gehören, die vor den Neandertalern gelebt haben sollen. Auf Grund der Fundstelle der neuen Art „Homo antecessor“ wurde dieses unscheinbare Nest auf die Liste des Weltkulturerbes gesetzt.

Als ich Atapuerca am nächsten Morgen in Richtung Burgos verließ, war es noch stockdunkel. In der vergangenen Nacht konnte ich kaum schlafen, denn meine Ungeduld, mit dem Erreichen von Burgos die wohl schönste Kathedrale auf dem Jakobsweg zu sehen, war sehr groß. Ich folgte der Landstraße und war guter Dinge. Doch nachdem ich etwa 20 Minuten lang auf der dunklen Straße unterwegs war, überkam mich der Zweifel, in der richtigen Richtung unterwegs zu sein. Je weiter ich ging, umso mehr nahmen meine Zweifel zu. Aus beschwingtem Gehen wurde mehr und mehr ein zögerliches Gehen. Normaler Weise war der Camino spätestens nach 200 Metern mit einem Pfeil, oder einer Concha, einer Jakobsmuschel, gekennzeichnet. Seitdem ich unterwegs war, konnte ich trotz Kopflampe keine einzige Markierung ausmachen.

Dann hörte ich in einiger Entfernung das Geheul von Hunden, wahrscheinlich Hütehunde, die irgendeinen Schafspferch bewachten. Je länger dieses Heulen andauerte, umso unsicherer wurde ich und aus Unsicherheit wurde schließlich Angst. Ich blieb stehen und beschloss, wieder zurück in den sicheren Ort zu gehen. Ich war nahe dabei, den Rückweg laufend zurückzulegen und ich musste mich schon sehr zusammennehmen, diesen Fluchtreflex zu ignorieren. Das Hundegeheul wollte nicht enden und jedes Mal kam es mir vor, als wäre dieses grässliche Geräusch näher und näher gekommen. Mit aufgestellten Nackenhaaren erreichte ich den Brunnen am Dorfrand, an dem ich noch vor einer guten halben Stunde vorbeigegangen war. Als ich den Speer in Händen des Urmenschen sah, der den Brunnen zierte, war ich schon fast gewillt, ihm diese Jagdwaffe aus der Hand zu reißen um mich, wenn nötig, verteidigen zu können. Aber verteidigen gegen wen? Ich schallt mich einen Narren. Wie konnte ich mich als erwachsener Mensch so gehen lassen?

Der gelbe Pfeil, der Fletcha amarilla, den ich übersehen hatte, befand sich auf dem Unterbau des Brunnens und zeigte an, dass ich hier hätte nach links abbiegen müssen. Wäre ich im Hellen losgegangen, wäre er mir sicher aufgefallen. Nun war es immer noch dunkel und mir blieb nichts anderes übrig, als meinen Weg, dieses mal in der richtigen Richtung, wieder aufzunehmen.

Eben glaubte ich noch, dass sich meine Angst gelegt hätte, so wurde ich fünfzehn Minuten später eines Besseren belehrt. Mittlerweile war aus dem Weg ein Pfad geworden, der sich steil ansteigend, durch einen Wald schlängelte. Zu allem Überdruss begann es neblig zu werden und wieder zehn Minuten später konnte ich meine Hand kaum noch vor den Augen erkennen. Zu allem Überfluss hörte ich wieder dieses Hundegeheul, doch nun viel näher und deutlicher. Ja - sogar das Hecheln eines Hundes ganz in meiner Nähe konnte ich hören. Ich schaute nach links und nach rechts in den undurchdringlichen Nebel und meinte Schemen zu sehen, die sich mal auf mich zu, mal von mir fort bewegten. Schatten verfolgten mich und erzeugten in mir eine Angst, die ich in dieser Intensität noch nie in meinem Leben verspürt hatte. Sie nahm mir die Luft zum Atmen.

Als ich ganz kurz davor stand, in wilder Panik mit meinen Stöcken um mich zu schlagen, schälte sich aus dem Nebel wie ein Fingerzeig ein riesiges Holzkreuz heraus. Was nun geschah ist mir bis heute ein Rätsel.    

Wie von Geisterhand verscheucht, verschwand meine Angst von einem Moment auf den Anderen. Ich setzte mich, nachdem ich das Kreuz erreicht hatte, auf den Steinhaufen, in dem es stand und versuchte zu verstehen, was da mit mir geschehen war. War es das Symbol des Kreuzes, das mir die Angst nahm oder steckte mehr dahinter, als ich mir vorstellen konnte? Es war für mich in diesem Augenblick ein Mysterium.

Jetzt, da ich wieder im Vollbesitz meiner Sinne war, bemerkte ich erst, dass ich vom Angstschweiß vollkommen durchnässt war. Ich hatte mir also diese Angst nicht nur eingebildet, sondern körperlich real wahrgenommen.

Ich brauchte eine Zeit, um mich von diesem Abenteuer zu erholen. Die Morgendämmerung, die von Osten her die Nebelwand durchleuchtete, erhellte die Umgebung und während ich noch auf dem Steinhaufen saß, bemerkte ich in der Nähe einen großen Steinkreis. Eigentlich waren es viele Steinkreise, einer größer als der Nächstfolgende. Im Durchmesser mochte dieses Werk, das sicher von vielen hundert Pilgern erstellt worden war, gute zwanzig bis fünfundzwanzig Meter breit sein. Mit jedem Stein, den ein Pilger in einen der Kreise gelegt hatte, befreite er sich von einer Last. So jedenfalls beschreiben es viele, die Gleiches getan haben. Auf dem Weg, den  ich  bis hierhin zurückgelegt hatte, gab es viele Steine, die zu Steinhaufen oder Steinmännchen aufgestapelt wurden. Jeder Stein eine abgelegte Last, eine bereute Sünde, ein Vorsatz, sich zu verändern, ein Wunsch zu einem besseren Leben.

Im äußeren Kreis fehlten noch eine Menge Steine, ihn zu schließen. Ich legte einen Stein dazu als Sinnbild für meine Angst, die ich hier zurückgelassen hatte.

Der Nebel lichtete sich mit zunehmender Helligkeit der aufgehenden Sonne, in die ich jetzt hineinwanderte. Kurze Zeit später war der Nebel verschwunden und ein schöner Tag erwartete mich.

Ich folgte der Empfehlung von José Luis, Burgos nicht durch das Industriegebiet, sondern am Flughafen vorbei durch die  Grünanlage der Stadt, die sich kilometerlang am Rio Arlanzón entlang zog, zu betreten. Wie ich feststellen konnte, war das ein guter Rat denn die parkähnliche Anlage der Stadt war wirklich wunderschön. Eine halbhohe Mauer trennte das Ufer des Flusses vom übrigen Teil des Parkes, in dem sich baumbestandene Flächen mit gepflegten Wiesen abwechselten. Nachdem ich bereits seit mehr als einer halben Stunde durch diesen Park ging, wurde ich langsam ungeduldig. Ich war begierig darauf, endlich die Türme der Kathedrale zu sehen. Doch es dauerte noch einmal mehr als ein halbe Stunde, bis ich einen ersten Blick darauf werfen konnte. Das, was ich dann sah, übertraf all meine Erwartungen. Majestätisch erhoben sich die beiden weißen, filigranen Türme des Gotteshauses in den strahlend blauen Himmel. Mein Herz schlug schneller und ich beschleunigte meinen Schritt. Weitere kleine Türme schoben sich in mein Blickfeld und ließen die Größe des gesamten Gebäudes erahnen.

Ich hatte den Eindruck, in eine andere Zeit einzutauchen als ich eine Brücke erreichte, die den Rio Arlanzón wie eine Festung überspannte. Jeder ihrer mächtigen Pfeiler, die sich dem kleinen Fluss entgegenzustemmen schienen, trug einen Ritter aus der Zeit, in der Spanien noch von den Mauren besetzt war. Auf der linken Straßenseite waren es muslemische Recken, auf der rechten Straßenseite christliche Paladine. Einer der Sarazenen hielt den Schlüssel der Stadt in Händen, den er dem Anführer des christlichen Heeres symbolisch zum Zeichen der Kapitulation übergab. Auf der anderen Flussseite stand ein Reiterstandbild, welches den Helden der Reconquista, El Cid, mit wehendem Umhang und einem wie zum Angriff nach vorne gerichtetem Schwert zeigte.

Nicht minder mächtig war die nächste Brücke. Wenn auch ohne Standbilder so war sie doch genau so beeindruckend wie die vorherige.

Als ich auf ihr stand, schaute ich direkt auf ein großes Stadttor, dem Arco de Santa Maria. Das mit Zinnen und Türmchen geschmückte Tor zeigte Darstellungen von christlichen und maurischen Adeligen, die überlebensgroß in Ädikulen, mit Säulen und Giebel geschmückte  Nischen, standen. Als ich das Tor durchschritten hatte, betrat ich einen großen Platz, von dem aus ich auf die Südseite der Kathedrale schaute. Über der Vierung der Kathedrale erhob sich der achteckige Turm der Capilla de los Condestables. Die acht schlanken Fialen, verwandelten das wuchtige Oktogon in ein fast schwerelos wirkendes Kunstwerk. Ich betrat die Kirche durch das Sarmental-Portal, das mit einem wunderschönen Tympanon geschmückt war, in dessen Mitte Christus in einer Darstellung des jüngsten Gerichts thront. Umgeben war er von den vier schreibenden Evangelisten, und deren Symbole, Adler, Löwe, Engel und Stier. Im breiten Türsturz waren die zwölf Apostel sitzend abgebildet.

War das Gebäude von außen schon grandios zu nennen, fehlten mir die Worte bei dem Versuch, dass Innere der Kathedrale zu beschreiben. Die Pracht und Kunstfertigkeit, mit der jede, noch so kleine Ecke der Kirche geschmückt war, verschlug mir den Atem. Alleine sechszehn Kapellen umsäumten den Chor, das Zentrum der Anlage. Er war als eigenständiger Bereich eingefasst von einem monumentalen Eisengitter, dem Lettner, der das Chorgestühl vom übrigen Raum trennte. Eine prachtvolle, barocke, Retabel vervollständigte das Bild von Pomp und Glorie. Über dem Ganzen schwebte fast wie ein steinerner Himmel die 48 Meter hohe Gewölbedecke mit einem gläsernen Stern in der Mitte.

Vorbei an der „Escalera de Dorada“, der goldenen Treppe, betrat ich die Capilla de los Condestables. Der Achteckige Raum, der nachträglich in das Gebäude integriert wurde, dient als Grabeskapelle für Petro Fernándes de Velasco und seiner Gattin Mencia. Ihre marmornen Körper lagen auf einem riesigen Sarkophag in mitten des Raumes.

Ich erinnerte mich wieder an den Satz des Gebetes vor Najera:

 „Dies zu sehen ist Genuss!“. Ja – es war wirklich ein Genuss, diese Kirche zu sehen.

Ich verließ die Kathedrale, nachdem ich noch den Kreuzgang des angrenzenden Klosters besucht hatte, durch eines der drei Westportale. Von der davor liegenden Plaza Santa Maria aus, konnte ich einen ungehinderten Blick auf die Westfassade werfen. Die beiden 88 Meter hohen Türme vermittelten ebenfalls einen Hauch von Leichtigkeit, denn das Maßwerk, aus dem die achteckigen Spitzen bestanden, ließ dem Auge die Möglichkeit, fast ungehindert durch sie hindurch zu sehen. Zwischen den Türmen wuchs die Fassade auf 55 Meter an und wurde dominiert von einer Fensterrose, die eine Besonderheit aufwies. Durch Geldmangel geriet das Bauvorhaben der Westfassade, die im Übrigen von einem Kölner Baumeister, genannt Juan de Colonia - also Johannes von Köln - erbaut wurde, in Schwierigkeiten. Die jüdische Gemeinde von Burgos stiftete daraufhin die Fassade mit der Auflage, in die Fensterrose den Davidstern einzufügen. Dies zum Thema Toleranz, mit der sich die katholische Kirche ja oftmals so schwer tut.

Es wurde Zeit, mir einen Platz in der kleinen Herberge in der Nähe der Kathedrale zu sichern. Santiago y Sancta Catalina, so hieß die Herberge, wurde von Burgeser Geschäftsleuten gesponsert. Sie war sehr klein und bot nur achtzehn Pilgern eine Unterkunft. Ihr einziger, bescheiden eingerichteter Raum, lag über einer kleinen Kapelle, in der abends ein Pilgergottesdienst angeboten wurde. Da ich heute Morgen so früh auf den Beinen war, war ich wieder einmal der erste Gast in der Herberge.

Mein Plan war, die verbleibende Zeit bis zur Nachtruhe mit der Besichtigung von Burgos zu verbringen. Doch als ich nach dem Duschen wieder auf der Straße stand, hatte ich eigentlich gar keine Lust mehr, mir die Stadt anzusehen. Ich versorgte mich noch mit einigen wichtigen Kleinigkeiten wie Gewebeband und einer schmerzmildernden Salbe und setzte mich nach dem Einkauf auf die Plaza del Rey San Fernando, und schaute mir das Treiben auf diesem Platz an. Touristen, Einheimische, Kinder, junge und alte Leute, Pilger mit Rucksäcken. Ein scheinbares Chaos an Bewegung und doch hatte jeder von diesen Menschen irgendein Ziel, dem er versuchte näher zu kommen. Lange saß ich auf einer Bank und schaute mir dieses pulsierende Geschehen an. Selbst als es anfing zu regnen verließ ich meinen Platz nicht, sondern versuchte zu erraten, wohin einzelne Menschen sich vor dem Regen in Sicherheit bringen würden. Schließlich saß ich ganz alleine im Regen auf meinem Platz auf der Bank.

Es war ein warmer Regen, dessen Wassertropfen über mein Gesicht liefen. Der Boden begann zu dampfen und es roch nach früher. Es war dieser typische, frische Geruch nach feuchter Erde, der mich an meine Kindheit erinnerte. In kurzer Hose und knöchelhohen Schuhen saß ich auf dem Randstein der Straße vor unserem Haus und spielte zusammen mit meinem Freund Murmeln. 

Es wunderte schon gar nicht mehr, wie sich die Grenzen der Zeit verwischten. Manchmal waren es nur wenige Jahre, manchmal Jahrzehnte, die mit einem Augenblick auf den Anderen wieder zum Leben erwachten. Ich begriff langsam, dass nichts von dem, was ich in meinem Leben je erlebt hatte, aus meinem  Gedächtnis getilgt war. Im Gegenteil. Immer öfter kamen Erlebnisse an die Oberfläche meiner Gedanken, die ich glaubte, längst vergessen zu habe. Alleine die Gewissheit, alles noch in mir zu tragen, war mir eine Art Trost, glaubte ich doch bisher, dass mir gerade die kleinen und unscheinbaren, aber schönen,  Momente meines Lebens abhanden gekommen seien.

Gleich drei Priester zelebrierten die Pilgermesse. Ihnen war eins gemeinsam. Sie waren alle drei sicher weit über achtzig Jahre alt. Aber das Besondere an ihnen war nicht ihr Alter, sondern ihre Ausstrahlung. Ich hatte das Gefühl, dass diese alten Männer nicht in ihrem Bestreben nachgelassen hatten, das, was sie verkörperten, auch zu leben. Sie wirkten für mich wie Sucher nach der Vollkommenheit der Hingabe zur größten Liebe und tiefsten Demut, die einem Menschen überhaupt möglich war und die Jesus ihnen beispielhaft mit seinem Leben vorgelebt hatte. Ich glaubte ihnen ihren Glauben und dies zu spüren war für mich ein guter Abschluss für diesen ereignisreichen Tag.

Soeben hatte ich die gemeindliche Herberge passiert, die ziemlich weit außerhalb von Burgos im Park El Paral lag. Ich war noch nicht weit von ihr entfernt, als ich hörte, wie jemand  meinen Namen rief. Zuerst glaubte ich, mich verhört zu haben, doch dann rief die Stimme ein zweites Mal meinen Namen. Ich blieb stehen und schaute mich nach dem Rufenden um. An einem offenen Fenster der barackenartigen Hütte stand tatsächlich Ana und winkte mir zu. Dann verschwand sie aus dem Fensterrahmen um wenige Sekunden später im Hof der Herberge aufzutauchen. Es schien ihr nichts auszumachen, dass sie noch den Schlafanzug trug, in dem sie die Nacht verbracht hatte. Nach einer freundschaftlichen Umarmung fragte ich sie, ob es ihr gut ginge. Sie gab mir zu verstehen, dass sie hier in der Herberge eine schlechte Nacht verbracht hatte. Einige Pilger hätten bis tief in die Nacht hinein lärmend  an einem Lagerfeuer gesessen und dabei einige Flaschen Wein konsumiert. Sie hätte kein Auge zu getan und wäre jetzt todmüde. Auf meine Frage, bis wohin sie heute noch zu gehen  beabsichtigte, sagte sie, das sie aufgrund des fehlenden Schlafes nicht weit gehen möchte, sondern bei der nächsten sich bietenden Gelegenheit eine Herberge aufsuchen würde, um den fehlenden Schlaf nachzuholen. Nach dieser Aussage brauchte ich meine nächste Frage, ob sie mit mir nicht gemeinsam ein Stück des Wegs gehen wolle, erst gar nicht zu stellen. Ich war ein wenig enttäuscht darüber, dass immer dann, wenn es augen-scheinlich war, eine günstige Gelegenheit zu haben, endlich ein paar Kilometer mit ihr gemeinsam zu gehen,  sie etwas plante, was nicht in mein Kalkül passte. Es sollte halt nicht sein.

Die knapp 22 Kilometer bis Hornillos del Camino hatte ich in sehr kurzer Zeit zurückgelegt. So schnell war ich bis jetzt noch nie unterwegs gewesen. Nur etwas mehr als 3 Stunden brauchte ich für die Strecke. Dementsprechend früh war ich bei der Herberge, die natürlich noch geschlossen war. Nun hatte ich viel Zeit, darüber nachzudenken, was zwei junge Leute fast in mir ausgelöst hätten, als sie mir auf Weg kurz vor Hornillos begegneten.

Ich ging durch eine weite Landschaft, die ein Vorgeschmack auf die Meseta, der Hochebene zwischen Burgos und Léon, war. Die besagten jungen Leute kamen mir, ausgerüstet mit Rucksack und Wanderstab, entgegen. Ich blieb stehen und sprach die beiden auf Englisch an. Ich fragte sie, ob sie nicht in der falschen Richtung unterwegs wären, denn Santiago würde doch wohl in der entgegen gesetzten Richtung liegen. Darauf antwortete der junge Mann mir, dass sie aus Santiago kommen würden und nach Jerusalem unterwegs seinen.  Ich war so überrascht von dieser Antwort, dass ich kaum Worte fand, darauf zu antworten. Zu phantastisch war der Gedanke, diesen Weg zu gehen. Ja mehr noch. Als ich den beiden eine gute Reise wünschte, wurde mein Wunsch riesengroß, auf dem Absatz kehrt zu machen und mit ihnen nach Jerusalem, der Wiege unseres Glaubens, zu pilgern. Schon seit vielen Jahren scheiterte unsere Reiseplanung nach Israel und Palästina daran, dass immer dann, wenn wir den Flug buchen wollten, Unruhen im gelobten Land den Aufenthalt dort unkalkulierbar und unsicher machten. Die Ersatzreisen, die wir dann unternahmen, führten uns in den Libanon, nach Syrien oder nach Ägypten, nicht aber in das Land unserer Träume. Und diese Beiden gingen einfach dorthin, ungeachtet der möglichen Gründe, eine solche Reise nicht anzutreten. Ich beneidete sie um ihre Intention.

So saß ich auf der Bank vor der winzigen Bar in Hornillos und sinnierte mit meiner Cola in der Hand darüber, dass ich erst nach 17:00 Uhr in der kleinen Tienda, an der ich auf meinem Weg ins Dorf vorbeigekommen war, einkaufen würde. Ich war mit meinem Gedanken noch nicht ganz zu Ende gekommen, als eine Pilgerin auf mich zukam, die eben erst den Ort erreicht hatte. Ich erkannte in ihr eine Frau, die ebenfalls in der Herberge von Burgos übernachtet hatte. Sie stoppte genau vor mir, nahm den Rucksack ab, öffnete ihn und entnahm ihm eine Plastiktüte. Sie überreichte mir die Tüte mit folgenden Worten:

„Hier bringe ich dir deine Unterhose und dein T-Shirt, die du in Burgos vergessen hast.“

Ich öffnete die Tüte und schaute hinein. Sofort er-kannte ich an der Farbe der Unterhose und des T-Shirts, das beide Sachen nicht von mir waren. Ich bedankte mich bei ihr für ihre Mühe und sagte, dass ich es sehr nett finden würde, dass sie die Sachen bis hierhin geschleppt hätte, aber - sie würden mir leider nicht gehören.

Ich glaube, mit allem hätte sie gerechnet, aber nicht damit. Ihr Gesicht, eben noch triumphierend und stolz, machte keinen Hehl daraus, wie sehr enttäuscht sie war. Ich tröstete sie damit, dass ich die beiden Kleidungsstücke in den Fundus der Herberge legen würde und das irgendjemand, irgendwann zu schätzen wüsste, dort eins der beiden Sachen zu finden.

Es war halb zwei, als ich auf die Uhr schaute.

„Die Siesta beginnt erst um vierzehn Uhr“, dachte ich, „also habe ich noch eine halbe Stunde Zeit, meinen Einkauf früher als geplant zu erledigen.“

Mit der Tüte unter dem Arm, ging ich auf der Straße, über die ich den Ort betreten hatte, zurück zum Anfang des Dorfes. Vor der kleinen Tienda stand ein junger, vielleicht 20jähriger Mann, der, als er mich erblickte sofort auf mich zukam und mich auf Englisch fragte, ob ich versehentlich in Burgos seine Unterhose und sein T-Shirt eingepackt hätte? Beinahe hätte ich lauthals losgelacht. Ich nahm mein Päckchen unter dem Arm hervor und reichte es ihm mit den Worten:

„Take that!“

Ich hatte selten ein so verdutztes Gesicht gesehen, wie in diesem Moment das des jungen Neuseeländers.

Das wirklich besondere an dieser Geschichte war, das die Wahrscheinlichkeit, das der Inhalt dieser Tüte tatsächlich seinen Besitzer wieder fand, gegen Null ging. Was musste dazu alles passieren?

Nun – zuerst einmal musste sich jemand finden, der die Sachen an sich nahm. Zweite Voraussetzung – es musste dieser Jemand im gleichen Ort übernachten wollen wie ich. Die dritte Voraussetzung war, dass ich meinen Vorsatz, erst nach siebzehn Uhr einzukaufen, ändern musste. Da dass Zeitfenster meines Einkaufes sehr klein war, bestenfalls zehn Minuten, musste der Besitzer der Sachen schon ein genaues Timing einhalten, um mich dort zu treffen. Also mindestens vier Dinge mussten zusammen passen, damit letztendlich die Kleidung ihrem Besitzer wieder zurückgegeben werden konnte. Je länger ich darüber nachdachte, umso unwahrscheinlicher wurde mir der Gedanke, dass das alles Zufall war. Ich hatte das Gefühl, ein Spielball eines durchdachten Planes zu sein. In meiner Vorstellung sah ich jemanden an einem Platz sitzen, von dem er eine gute Übersicht über die Erde hatte. In seiner Hand hielt er einen Joystick, mit dem er alles auf dieser Erde wie Figuren nach Belieben hin und her schieben konnte. Irgendjemand formulierte folgenden Satz der mir jetzt viel schlüssiger vorkam:

„Der Zufall ist die Maske des Schicksals, wenn es nicht erkannt werden will!“

Wie viele Dinge auf meinem Weg waren wirklich Zufälle? War es Zufall, dass ich auf Sergio traf, der mir den Weg ebnete? War es wirklich Zufall das, als meine Seele nach einem Trost suchte, jemand da war wie Felizitas, die mich tröstete? War es Zufall das, als ich durch schreckliche Erinnerungen in eine tiefe Depression fiel, jemand da war wie Ana, die mich aufrichtete? Ich glaubte nicht mehr an Zufälle! Irgendjemand meinte es gut mit mir, er hatte sich nur noch nicht zu Erkennen gegeben.

Es hatte sich in Hornillos eine große Zahl von Pilgern versammelt. Der Platz in der Herberge reichte nicht aus, um allen Peregrinos ein Bett für die Nacht zu bieten. Viele mussten in der nahen Turnhalle auf dem Boden übernachten. Aber auch das nahm man in Kauf, solange man ein Dach über dem Kopf hatte.

Zuerst war ich froh, ein Bett mein Eigen zu nennen, doch in der Nacht hätte ich gerne mein Bett mit einem Platz in der Sporthalle getauscht. Einer der Pilger hatte fürchterliche Blähungen und verpestete die Luft derart, dass es einem den Atem verschlug. Um vier Uhr Nachts packte ich meine Sachen und verließ die Herberge. Schon wieder ging ich im Dunkeln durch die Gegend. Aber ich ging den Weg ohne Angst. Da der Camino über eine weite Ebene führte, dauerte es auch nicht all zu lange, bis die Morgendämmerung die Umgebung in ein zartes Licht tauchte. Im Zwielicht des jungen Morgens erschien mir das Kreuzzeichen am Wegrand wie eine Botschaft. Zum ersten Mal seit langer Zeit versuchte ich, ein Gebet zu sprechen doch wollten mir die rechten Worte nicht über die Lippen kommen. Ich schaute auf das Kreuz und dachte an die Zeit meiner Kindheit. Meine Mutter sprach mit mir jeden Abend, wenn ich im Bett lag, ein Nachtgebet und es brachte mir Trost zu wissen, dass jemand über mich wachte. Was war mit mir geschehen, dass ich mich so weit vom Glauben meiner Großeltern und Eltern entfernt hatte? Was hatte dazu geführt, das ich nicht mehr glauben konnte?

In den nächsten Stunden wanderte ich durch eine vollkommen einsame, wunderschöne, Landschaft. Nicht ein Wesen begegnete mir. Jemand schenkte mir Zeit, in der ich ungestört über unendlich viele Dinge nachdenken konnte.

Kurz vor Castrojeriz erreichte ich auf meinem Weg die Klosterruine San Antón. Ich versuchte mir vorzustellen, wie die Anlage ausgesehen haben mag, als noch die Mönche  dieses Klosters die Pilger mit Verpflegung versorgten. Die Pilgerstraße führte mitten durch das Kloster und verlief genau zwischen Klosterkirche und Refektorium. In der Mauer des Refektoriums konnte man noch die Öffnungen für die Ausgabe des Essens erkennen, welches den vorbeiziehenden Pilgern gereicht wurde. In einer der Mauern war ein Wappen zu erkennen, das von einem Adler geschmückt wurde, dessen Fänge auf dem „Tau“, dem Zeichen der Templer, standen. Zu gerne hätte ich eine Zeitreise gemacht nur um zu erleben, was sich hier im Mittelalter abgespielt haben mag.

Ein Hirte, der seine Schafherde aus Castrojeritz hinausführte, war der erste Mensch, der mir heute begegnete. Die Hunde beäugten mich misstrauisch und ließen keinen Zweifel daran, dass sie ihre Herde gegen jeden verteidigen würden, der auf die Idee kommen würde, sich an einem der Schafe zu vergreifen. Ich ließ die Herde, die ohne Eile und Hektik ihrem Hirten folgte, an mir vorbeiziehen.

 

- Ich zitiere aus meinen Aufzeichnungen -

 

 Ich sehe die Schafe an mir vorbeiziehen und denke an den Psalm vom guten Hirten.

„Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln. Er weidet mich auf grünen Auen und führet mich zu frischen Wassern.“

Es hat den Anschein, als sei dieser Psalm mein Leittext auf meinem Weg zum Apostel.

„Muss ich auch wandern in finsteremTal, ich fürchte kein Unheil; denn du bist bei mir …“

Alles deckt sich mit dem, was ich erlebt habe. Könnte ich nur glauben; dann würde sicher vieles leichter sein. Doch meine Zweifel fressen mich auf.

 

- Zitat Ende -

 

Nachdem ich das Dorf verlassen hatte, lag vor mir, in einer Entfernung von etwa zwei Kilometern, eine Bergflanke, die den gesamten Horizont beherrschte. Hinter diesem Tafelberg  lag die weite Ebene der Meseta, die sich etwa 200 Kilometer weit, zwischen Burgos und Léon erstreckte. Ich war begierig darauf, diese Ebene zu sehen. Als ich den steilen Aufstieg fast geschafft hatte, schaute ich zurück auf den Weg, auf dem ich eben noch unterwegs war. Ich war beeindruckt vom Bild der Landschaft, die sich mir zeigte.

War ich eben noch beeindruckt von der Schönheit des zurückliegenden Weges, so war ich, nachdem ich den Scheitelpunkt der Höhe überschritten hatte, sprachlos über das, was jetzt vor mir lag. Soweit meine Augen blickten, breitete sich die Ebene der Meseta vor mir aus. Von meinem erhöhten Standort aus wirkte das Land wie ein gelb, weiß, braun, grünes Puzzle. Der Horizont verschmolz im wahrsten Sinne mit dem wolkenlos blauen Himmel.

Um mich herum hatte sich die Vegetation grundlegend geändert. Thymian, Lavendel, Mauerpfeffer, Salbei, Dost und viele andere Kräuter bildeten einen dichten Teppich. Der Duft, der in der Luft lag war betörend. Kleine Eidechsen huschten vor mir über den Weg. Ich war überwältigt von dem was ich sah und fühlte.

Die Höhe, die ich vorher mühsam erklommen hatte, stieg ich auf der anderen Seite nun wieder hinab. Ich lief hinaus auf die imaginäre Mitte der Ebene und irgendwann war ich wie berauscht von dem Gefühl der Einsamkeit. Ich befreite mich von meinem Rucksack, legte mich abseits des Weges rücklings ins Gras und schaute in den endlosen Himmel.

Ich muss wohl eingeschlafen sein denn als ich irgendwann auf die Uhr schaute, erschrak ich gewaltig darüber, wie viel Zeit inzwischen vergangen war. Ich musste mich sputen, wollte ich noch einen Platz in der nächsten Herberge, in der ich unbedingt übernachten wollte, ergattern.

San Nicolas war ehemals eine kleine Kirche des Malteserordens aus dem 13. Jhd., die von der italienischen Jakobusbruderschaft in Perugia zu einem Refugio umgebaut worden war. Von weitem schon sah ich, dass ich nicht der Erste Pilger war, der sein Ziel erreicht hatte. Zwei Frauen waren auf einer Wiese hinter der Kirche damit beschäftigt, ihre frisch gewaschene Kleidung  an eine Leine zu hängen. Als ich das Refugio erreichte, war die Freude groß. Eine der beiden Peregrinas war Hildegard, die mir zuletzt in Azofra begegnet war. Das war eine Woche her - doch es kam mir viel länger vor. Nach einer herzlichen Begrüßung stellte sie mir Astrid vor, eine etwa vierzigjährige Deutsche. Es gab natürlich vieles zu erzählen und ich erfuhr unter anderem von Hildegard, dass sie in vier Tagen nach Hause reisen würde, ihre Zeit auf dem Camino sei um.

Dann widmete ich mich meiner Wäsche, die dringend einer Grundreinigung unterzogen werden musste. Einige große Waschschüsseln, eher schon Waschtonnen, die in der Nähe einer Handpumpe standen, waren wie dazu geeignet, mein Vorhaben in die Tat umzusetzen. Im Nu war das Wasser der Zisterne hochgepumpt und die Tonne gefüllt. Da meine Füße von der langen Wanderung, immerhin 32 Kilometer, wie Feuer brannten, kam ich auf den Gedanken, zuerst meinen Gehwerkzeugen eine Abkühlung zu gönnen. Ich stellte mich also in die Tonne und genoss das angenehme Gefühl der Linderung. Doch nicht lange, denn das Wasser war so kalt, dass sich schon nach wenigen Minuten mein Füße anfühlten, als stünden sie in einem Eisschrank. Mit dem gleichen Wasser wusch ich dann meine Wäsche. Kurze Zeit später hing meine Kleidung auf der Leine und flatterte im lauen Wind der Meseta. 

Die italienische Jakobusbruderschaft hatte der Herberge den Charakter einer Kirche gelassen. Die große seitliche Eingangstür war, außer einem winzigkleinen, romanischen Fenster im Altarraum, die einzige Lichtquelle die es gab. Es gab in diesem Gebäude keinen elektrischen Strom. Eine große Tafel beherrschte die linke Seite des Raumes, während rechts unter einer Empore vier doppelstöckige Betten standen, die durch einen Paravent vor neugierigen Blicken geschützt wurden. Der Boden war mit Natursteinen gefliest und links vor dem Altar befand sich in einer Seitennische, die mit einem Vorhang zugehängt war, eine winzige Küche mit einem Gasofen. Die Philosophie der Herberge war ähnlich wie die in Tosantos oder Gañon. Gemeinschaft erleben durch gemeinsames Handeln war die Prämisse dieses Hauses. Doch gab es in San Nicolás eine Besonderheit.

Kurz vor dem Essen luden uns die beiden Hospitaleras ein, im Altarraum Platz zu nehmen. Als alle saßen, bekleideten sich die beiden Damen mit dunkelbraunen Capes, auf denen, neben der Abbildung eines roten Sanitagokreuzes, auch je zwei Jakobsmuscheln befestigt waren. Dann sprach eine der beiden ein Gebet in italienischer Sprache, während die andere mit einer kleinen Waschschüssel vor dem ersten Pilger kniete, um ihm den rechten Fuß zu waschen. Nachdem sie den Fuß abgetrocknet hatte, schloss sie die Zeremonie durch einen Kuss auf den Fußrücken ab. So ging es Reihum bis zum letzten Pilger.

- Ich zitiere aus meinen Aufzeichnungen -

 

„Die Zeremonie berührt mich seltsam und ich denke an das Abendmahl, bei dem Jesus seinen Jüngern nach dem Mahl die Füße wusch. Offenbar hatte sich damals niemand gefunden, der diesen niedrigsten aller Sklavendienste tun wollte und so erniedrigte sich Jesus der Herr, dem alles in die Hände gegeben ist, der gleichen Wesens mit Gott und selbst Gott ist,  nach dem Mahl, indem er seinen Jüngern die Füße wusch. Eine Demonstration der tiefen Nächstenliebe.

 Wie weit hat sich unsere Gesellschaft, die so stolz auf ihre sozialen Errungenschaften ist, von diesem Gedanken der Nächstenliebe entfernt? Wie schnell weisen wir Hilfesuchende ab, indem wir uns nur allzu gern auf unseren Staat berufen, der mit seinen Gesetzten helfen soll?  Dabei vergessen wir, dass Wir der Staat sind! Kein System kann auf Dauer der Zeit mit Intoleranz, Teilnahmslosigkeit und Depression überleben. Es wird sich selbst überholen und in seiner Gleichgültigkeit verrotten.“

 

- Zitat Ende -

 

Die Nacht senkte sich über die Meseta. Die Hospitaleras entzündeten Kerzen, deren flackernder Schein die Herberge nur spärlich beleuchtet. Die ersten Pilger lagen bereit auf ihren Betten und machten sich für die Nacht bereit. Auch ich legte mich ins Bett und ließ in meinen Gedanken den Tag an mir vorüberziehen. Es war ein schöner, bemerkenswerter Tag, den ich erleben durfte.

Als die letzte Kerze erlosch, und alle sich zur Ruhe begeben hatten, wurde mir bewusst, wie dunkel es in der Herberge war. Durch die fehlenden Fenster breitete sich die Dunkelheit wie ein schwarzes Tuch über uns aus. Es war ungewohnt, in einer solchen Schwärze zu liegen. So dauerte es auch relativ lange, bis die Müdigkeit meine Augenlieder schwer machten. In dem Augenblick, in dem ich fast in den Schlaft hinüber gegangen war, geschah folgendes:   

Wie von Geisterhand öffnete sich die Eingangstür gespenstig, unter knarren und ächzen, ganz langsam einen Spalt weit. Ein Lichtstrahl, wanderte über den Boden zur Wand. Dann war Stille. Ein zweites Mal bewegte sich die Tür mit dem gleichen schaurigen Geräuschen und der Lichtstrahl wurde größer. Wieder war Stille. Es war aber nicht nur die Stille die eintrat, als die Tür sich nicht mehr bewegte, sondern auch alle anderen Geräusche schienen wie ausgelöscht, wie abgeschnitten zu sein. Ich hörte kein atmen mehr, niemand bewegte sich, keine Decke raschelte, nicht ein einziger Laut war zu hören. Ich starrte wie gebannt auf den Lichtstrahl und wartete darauf, dass sich ein Schatten darin abzeichnen würde. Doch nichts geschah. So verging Minute um Minute, ohne dass sich irgendetwas veränderte. Nachdem ich eine geraume Zeit darauf gewartet hatte, dass doch noch etwas passieren würde, wurde mir die Sache zu bunt. Entschlossen stand ich auf, um dem vermeintlichen Störenfried entgegen zu treten. Doch die Entschlossenheit endete bereits nach dem zweiten Schritt. Zögerlich schaute ich vorsichtig um den Paravent herum. Solange ich auch schaute, es war da niemand, dem ich hätte entgegentreten können. Also ging ich zur Tür um sie zu schließen.

Als ich einen Blick nach draußen riskierte, wurde mir bewusst, wie hell es eigentlich vor der Kirche war, obwohl sich im Umkreis kilometerweit nicht eine einzige Straßenlaterne oder eine andere künstliche Lichtquelle befand. Ich wagte einen Schritt vor die Tür und war sofort begeistert. Ich konnte mich nicht erinnern, jemals einen solchen Sternenhimmel erlebt zu haben, wie den, der sich über mir ausbreitete.  Das Band der Milchstraße zog sich über das Firmament in einer Deutlichkeit, wie ich sie noch nie gesehen hatte.  Es war wie eine Offenbarung, dieses Naturschauspiel zu erleben. So lag ich schließlich und endlich weit länger als eine Stunde auf der Bank vor der Herberge, und schaute in diesen grenzenlosen Himmel.

Ein Morgengebet war das Signal zum Aufbruch am nächsten Morgen. Ein Gruppenfoto war das Letzte, das die Gemeinsamkeit dokumentierte. Danach ging jeder seiner Wege. Die nächsten Tage verliefen ruhig und harmonisch. Es ergab sich, dass Hildegard und Inga Marie, die ebenfalls in San Nicolás übernachtet hatte, in den gleichen Herbergen auftauchten, in denen ich nächtigte. In Población de Campos gesellten sich noch Inge und Karin, zwei Pilgerinnen aus Krefeld, zu uns. So wuchsen wir in wenigen Tagen zu einer verschworenen Gemeinschaft zusammen. Wenn sich die Gelegenheit ergab, gingen wir gemeinsam einkaufen und kochten zusammen. Vor allen Dingen aber waren es die Gespräche, die wir miteinander führten, die mir immer in Erinnerung bleiben werden. Ganz besonders hatte es mir Hildegard angetan, die einen so ganz anderen Standpunkt vertrat wie ich. Sie war von ihrem Glauben vollkommen überzeugt und ich hatte den Eindruck, als würde sie auch danach leben. Jedenfalls brachte sie mich dazu, meine Ansichten und Meinungen einmal aus einer ganz anderen Sicht zu betrachten. Dadurch wurden viele Gedanken in mir klarer und deutlicher und, als hätte sich der gordische Knoten gelöst, wurde meine Wut gedämpfter und meine Trauer leichter. Bei einem der Gespräche, die ich mit ihr führte, versuchte sie mir zu erklären, dass nichts auf dieser Welt ohne einen Sinn, ohne Plan, ablaufen würde. Alles wäre vorherbestimmt und folge einer höheren Macht. Wenn ich ihr zuhörte, war alles so einfach und klar und ich fragte mich, wieso nur in mir diese ständigen Zweifel aufkeimten. Vielleicht musste ich nur glauben wollen.

So wanderten wir gemeinsam, und doch jeder für sich, weiter durch die Hochebene der Meseta, die sich in einer Höhe von 800 m ausdehnte. Die Landschaft wurde karg und leer. Nur wenige niedrige Büsche standen hier und dort einsam am Rand von nicht enden wollenden Feldern. Mit der Veränderung der Landschaft änderte sich auch das Aussehen der Dörfer. Die Häuser bestanden zum Großteil aus Lehm und vermittelten dem Betrachter ein Gefühl von Zerbrechlichkeit und Vergänglichkeit.  Was besonders ins Auge fiel, waren die vielen Lehmruinen. Dort, wo Häuser aufgegeben wurden, hatten Wind und Regen ein leichtes Spiel mit der Baumasse. In kurzer Zeit sanken die Mauern in sich zusammen und zurück blieben ein Haufen Lehm, Ziegel und Balken. Ich fühlte mich in eine ganz andere Zeit versetzt, in eine Zeit, in der die Menschen noch von der unmittelbaren Natur lebten, indem nur Baumaterialien verwendet wurden, die in der näheren Umgebung zu finden waren. Den Menschen, die hier lebten waren noch Fertigkeiten zu Eigen, die wir längst vergessen haben.

Carrion de los Gondes war das nächste Ziel. Der Name der Stadt leitet sich ab vom Grafengeschlecht der Gómez. Zwei Vertreter dieser Familie, Diego und Fer-nandeo Gómez erlangten allerdings eine zweifelhafte Berühmtheit. Der Legende nach, die im Heldenepos „Cantar del Mio Cid“ niedergeschrieben war, wurden die beiden Grafen als feige und hinterlistig charakterisiert. Sie sollen, gegen den Willen von El Cid, dessen Töchter Elvira und Sol geheiratet - und ihre Frauen danach misshandelt und verlassen haben. Aus Rache tötete El Cid seine Schwiegersöhne in einem „Gerichtkampf“. Seine Töchter verheiratete er dann mit den Königen von Aragonien und Navarra. Geschichte? Sage? Märchen? Ob erfunden oder wahrhaftig – wer weiß!

Es dauerte nicht lange, da trafen auch Hildegard, Inge, Karin und Inga-Marie in der Stadt ein. Wir setzten uns in ein Café am Rande der Hauptstraße und schauten dem Treiben um uns herum zu. Dabei ergab sich folgendes Erlebnis, welches wieder einmal meine Meinung bestärkte, dass nichts dem Zufall überlassen war.

Eine junge Pilgerin ging  gerade an unserem Beobachtungsplatz vorbei, als sie in deutscher Sprache von einem jungen Pilger angesprochen wurde.

„Hi, sag mal, vermisst Du nichts?

Etwas pikiert blieb die junge Frau stehen und wandte sich dem Sprecher zu.

„Ja allerdings“, sagte sie, „mir wurden vor drei Tagen meine Stöcke gestohlen! Wieso fragst du?“

„Weil ich deine Stöcke seit drei Tagen mit mir herumtrage, in der Hoffnung, dir auf dem Weg noch einmal zu begegnen!“ entgegnete der Peregrino.

Das Gesicht der jungen Frau zeigte deutlich Verständnislosigkeit und Sekunden später sprudelte aus ihrem Mund die Frage:

„Wieso trägst du meine Stöcke?“

Wir mussten laut lachen, zu komisch war die ganze Situation. Gott sei dank bemerkte das keiner von den beiden. Stattdessen meinte der Gefragte fast lakonisch:

„Weil du sie einfach stehen gelassen hast!“

Wie die Unterhaltung sich dann noch entwickelte, bekam ich nicht mehr mit, denn die Beiden schlenderten weiter in den Ort hinein. Diese Geschichte zeigte aber wieder einmal, dass Dinge auf diesem Weg geschehen, die nahezu unmöglich erscheinen und doch passieren.

Wir hatten uns in der kirchlichen Herberge des Ortes einquartiert und machten uns nach dem Duschen zur Ortsbesichtigung auf. Ganz besonders freute ich mich auf die Besichtigung des Klosters San Zoilo.

Dieses Kloster wurde von einem Nachfahren des Grafengeschlechts Beni-Goméz, Diaz Goméz und seiner Ehefrau Teresa gestiftet und in deren Auftrag erbaut. Die Investitionen machten sich rasch bezahlt, denn die Pilgerströme folgten dem sicheren Weg. Gab es neben der weichen Bettstatt auch noch die Möglichkeit, etwas für sein Seelenheil zu tun – umso besser. Carrión wurde zu einer reichen Stadt in der sogar Reichstage und Synoden abgehalten wurden. Im Pilgerführer „Liber Sancti Jacobi“ wird die Stadt als „...reich an Brot und Wein…“ beschrieben. Die verschiedensten Handwerker lebten von den Pilgern, denn diese bescherten ihnen reichlich Arbeit. Kurzum – alles war zum Wohle der aufstrebenden Stadt bestens bestellt.

Dann standen wir vor der gewaltigen Fassade des Klosters San Zoilo. In früheren Zeiten befand sich hier eine klösterliche Siedlung mit dem Namen San Juan Bautista und gehörte zum Priorat von Nájera. Mit der Übernahme der Reliquien von Felix Cordoba Zoilo sowie den sterblichen Überresten von Bischof Agapius änderte  sich im Jahre 1070 der Name des Klosters in San Zoilo.

Felix Cordoba Zoilo war ein gottesgläubiger Christ, der während der Christenverfolgung unter Kaiser Diokletian verhaftet und gefoltert wurde, indem man ihm bei lebendigem Leibe die Nieren entfernte. Anschließend wurde ihm der Kopf abgeschlagen.

Erst unter Kaiser Konstantin wurde den Christen im Jahr 313 mit dem Mailänder Edikt die freie Ausübung ihrer Religion gestattet und alle beschlagnahmten Güter zurückgegeben. San Zoilo wird  heute noch als Märtyrer verehrt.

Nachdem wir den Eintritt bezahlt hatten, machten wir uns auf, die Klosteranlage zu besichtigen. Durch einen spärlich beleuchteten Gang, der, um den darunter liegenden Fußboden zu schonen, mit einem roten Filz ausgelegt war, erreichten wir die Kirche des Klosters, die der heiligen Magdalena gewidmet war. Durch ein romanisches Portal betraten wir einen Nartex, eine Vorhalle, in der eine große Anzahl von Sepulcros, das sind Steinsarkophage, standen. Viele von den Grabstätten waren mit marmornen Figuren geschmückt, die die Personen darstellten, die in ihnen bestattet waren. Natürlich blieb diese Art der Beisetzung, dem Allerheiligsten nahe zu sein, nur Personen vorbehalten, die in ihrem Leben wohlhabend und einflussreich waren. Ein Normalsterblicher hätte hier keinen Platz gefunden.

Ein schmiedeeisernes Gitter trennte den Nartex vom eigentlichen Kirchenraum. Der einstmalige romanische Stil der Kirche, war nur noch in der Architektur zu erahnen. Die Wände waren verputzt und mit Ornamenten barocker Prägung versehen. Dazu passte die goldene Retabel, die den Altar zu einem prachtstrotzendem Gebilde machte. Ich war ein wenig enttäuscht, hatte ich doch eine in romanischem Stil belassene Kirche erwartet.

Ich wurde kurze Zeit später aber wieder versöhnt mit der Architektur. Beim Betreten des Kreuzganges fühlte ich mich direkt in die Zeit des Mittelalters versetzt. Einen so vollkommen erhaltenen, gotischen Kreuzgang, hatte ich, nach der Enttäuschung vorher, nicht mehr erwartet. Er war perfekt. Trotz einer verwirrenden Vielfalt bildeten die Kreuzrippen des Gewölbes eine in sich geschlossene Harmonie. Die Schlusssteine waren mit Portraits der Apostel und anderer Heiligen geschmückt.

Die Gewölbeflächen waren mit Ornamenten, die aus dem Stein geschlagen waren, verziert. Jedes der Säulen-kapitelle war mit anderen Motiven versehen. Der Innenhof war spartanisch strukturiert und strahle eine meditative Kraft aus. Allein dies zu sehen war ein Erlebnis.

Wir waren auf dem Rückweg zum Ausgang, als ich an einer angelehnten Tür vorbeiging. Meine Neugierde war geweckt und ich konnte nicht widerstehen, trotz Verbotsschild die Tür weiter zu öffnen. Dahinter befand sich ein spärlich beleuchteter Raum. Auf der linken Seite stand ein deckenhoher Eichenschrank mit großen Schranktüren, auf denen allerlei Schnitzwerk zu sehen war. Auf der Kopfseite stand ein halbhoher Schrank mit breiten, aber nicht sehr hohen Schubladen. Mir wurde klar, dass ich in der Sakristei der Kirche stand, denn in diesen Schubladen wurden sicherlich die Messgewänder aufbewahrt. Ich ging einige Schritte in den Raum hinein, um mir die Schnitzereien auf den Schranktüren näher anzuschauen. Dabei bemerkte ich auf der rechts liegenden Wand ein Kreuz, mit einer lebensgroßen Darstellung von Jesus. Nicht die Tatsache, das der Korpus so groß war, ließ mich erschaudern, sondern wie er aussah. Der Körper wirkte lebensecht, als wäre er aus einer menschlichen Haut gemacht; die echten Haare, die in Strähnen vom Kopf hingen; die Finger der Hände die so wirkten, als hätten sie sich noch vor wenigen Minuten bewegt; das mit Blut besudelte Lendentuch. Es war unheimlich. Ein solches Kreuz hatte ich noch nie in meinem Leben gesehen. Fast in Panik verließ ich so schnell wie ich konnte den Raum. Dass ich irgendwie noch ein Foto zustande brachte, konnte ich kaum glauben.

Als wir schon längst das Kloster verlassen und bereits wieder in der Stadt waren, geisterte in mir immer noch das Bild dieses Kreuzes. Ich konnte den Anblick einfach nicht vergessen.

Nachdem wir in einem Restaurant zu Abend gegessen hatten, machten wir uns auf den Weg zurück zur Herberge. Dort wartete noch eine schöne Überraschung auf uns.

Es war Brauch in dieser Herberge, dass die Ordensschwestern den Tag gemeinsam mit den Pilgern ausklingen ließen und dies im wahrsten Sinne des Wortes. Um neunzehn Uhr versammelten sich alle, die Lust hatten, im Foyer der Herberge, um dort gemeinsam mit den Nonnen und Novizinnen zu singen. Diese begleiteten den  Gesang mit einer Gitarre und einer Trommel. Ich bemerkte, dass, je länger der gemeinsame Gesang dauerte, viele Pilger ihre Zurückhaltung aufgaben und mit Freude eigene Lieder zum Besten gaben. Dabei wurde viel gelacht und gealbert.

Nach einer kurzweiligen Stunde verabschiedeten sich die Nonnen, nicht ohne jedem Pilger ihren Segen zu geben. Dabei verschenkten sie kleine, buntbemalte Papiersterne als Andenken an diesen Tag. Der Segen lautete:

 

Bendice, Madre, a los que caminan por la vida.

Segne, Mutter, alle auf ihrem Weg des Lebens.

 

 

Streckenübersicht Teil III:

 

Tosantos

     Villambistia

     Espinosa del Camino

     Villafranca Montes de Oca

     San Juan de Ortega

     Agés

 Atapuerca                                   23,8 Km

     Orbaneja de Riopico

 Burgos                                      21,9 Km

     Tardajos

     Rabé de la Calzada

 Hornillos del Camino        21,4 Km

     Hontanas

     San Antón

     Castrojeriz

 San Nicolás                            30,3 Km

     Itero de la Vega

     Boadilla del Camino

     Frómista

 Población de Campos       20,2 Km

     Villarmentero

     Villalcázar de Sirga

Carrión de los Gondes     16,2 Km