1. Auflage 2012

 

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Umschlagsgestaltung und Fotos: Hans Dieter Ludwig

 

 

 

 

Camino de Santiago

 

Vortragsreihe über den

 

Jakobsweg

 

Teil II

 

Zwischen Lorca und Tosantos

 

von

 

Hans Dieter Ludwig

 

 

In einem Gedicht von Reiner Maria Rielke heißt es:

 

Ich war zerstreut; an Widersacher

in Stücken war verteilt mein Ich.

O Gott, mich lachten alle Lacher

und alle Trinker tranken mich.

 

Diese Zeilen beschreiben genau meine innere Zerrissenheit, die mich in den folgenden Wochen begleiten sollte. Ich hatte das Gefühl, einen riesigen Schrank voller Schubladen mit mir herum zu tragen, in die ich ein Leben lang all meine Gedanken und Erlebnisse  hineingelegt hatte, die mir unangenehmen und lästig waren, um sie für immer darin zu verstecken. Mit jedem neuen Tag, den ich nun auf dem Camino verbrachte, öffneten sich nach und nach diese „Schubladen“, von denen ich dachte, dass sie für immer aus meinem Kopf getilgt seien.

Ich beginne dort, wo ich bei meinem ersten Vortrag endete – in Lorca, dem Ort, wo ich zum ersten Mal alleine auf meinem Weg zum Apostel Jakobus unterwegs war.

Mein Zimmergenosse war schon früh auf den Beinen. Ich hörte, wie er leise seine Sachen packte und den Raum verließ. Ich schaute auf meine Uhr und sah, dass es erst 5:00 Uhr war. Eindeutig zu früh, dachte ich, es kann doch keinen rechten Spaß machen, im Dunkeln durch die Landschaft zu stolpern. Ich drehte mich noch einmal auf die Seite, um noch eine Stunde zu schlummern. Doch an diesem Morgen ließ mir der Weg keine Ruhe. Immer wieder hörte ich auf der Straße Pilger, die, mit ihren Stöcken die Schritte messend, unter meinem Fenster vorbeigingen, um auf ihrer Pilgerfahrt mit diesem Weg eins zu werden, mit ihm gleichsam zu verschmelzen. Sie würden ihn verfluchen und sie würden ihn lieben – so wie ich jetzt begonnen hatte, meinen Weg zu lieben. Er forderte bisher von mir alles was ich ihm geben konnte und noch mehr. Er führte mich an meine Grenzen, physisch, wie auch psychisch. Aber er gab mir auch alles was notwendig war, mich immer wieder neu aufzubauen, um dieser Herausforderung gerecht zu werden. Ich war schon jetzt dankbar, so viele liebe Menschen kennen gelernt zu haben. Jeder hatte mir auf seine Art etwas auf den Weg mitgegeben. Hoffnung, Kraft, Besinnung, Freundschaft, Denkanstöße, Toleranz, Respekt und noch vieles mehr – all die besonderen Werte für ein gutes Leben.

Eine Unruhe erfasste mich, der ich nicht widerstehen konnte. Der Rucksack war schnell gepackt und nach der Morgentoilette verließ ich zum ersten Mal alleine die Herberge. Es war noch ziemlich dunkel, doch die Morgendämmerung hatte schon eingesetzt; ich konnte den Weg gut erkennen und so machte ich mich auf, in der Hoffnung, Santiago zu erreichen.

Die Sonne ging auf. Die sanften Hänge wurden in ein goldenes Licht getaucht. Wie ein Gemälde lag der Weg vor mir. Die Mohnblumen in den Getreidefeldern glühten auf vor dem Grün der Eichenwälder im Hintergrund.

In Mitten von Olivenbäumen stand eine alte Kapelle an meinem Weg. Wie viele Pilger haben sich hier wohl im Laufe der Jahrhunderte Kraft für die Wallfahrt geholt.

 

- Ich zitiere aus meinen Aufzeichnungen: -

 

Obwohl mir mein Gott abhanden gekommen ist glaube ich, dass ein Gebet Kraft geben kann. Ich glaube daran, dass Jesus gelebt hat – er ist für mich greifbar, real. Allerdings anders, als die christliche Lehre es beschreibt, denke ich, dass Jesus ein sehr politischer Mensch war. Er wurde geboren in eine Zeit der Gewalt. Die römischen Truppen waren Besatzungstruppen. Das Leid des besetzten und unterdrückten Volkes war  für die Menschen tägliche Wahrheit. Die Römer regierten mit Mord und Folter. Die Missachtung des Lebens war immer und überall spürbar. Dann kam jemand, der über  Sanftmut, Gerechtigkeit, Barmherzigkeit, reinem Herzen, Pazifismus und Leidensbereitschaft redete.

„Liebet eure Feinde und betet für die, die euch verfolgen“

„Wenn man dich auf die rechte Wange schlägt, so halte auch die linke hin“.

Was für ein Schlag ins Gesicht der Unterdrücker! Das war Rebellion gegen die Obrigkeit, ja sogar gegen den Imperator in Rom selbst. Aber nicht nur das; indem er in seiner Bergpredigt die Tora zitierte und seine Thesen ergänzend hinzufügte indem er sagte: „Ich aber sage euch…“ machte er sich auch unter den Juden keine Freunde. Dieser Mann musste unschädlich gemacht werden bevor sein Vorbild Schule machte; - doch zu spät. Seine Saat ging auf.

Selbst der Tod von Jesus konnte diesem neu entstan-denen Bewusstsein kein Ende setzen; im Gegenteil. Seine Kreuzigung war die Erfüllung seines Lebens und gleichzeitig die Initialzündung  zur Geburt einer neuen Weltanschauung, die Geburt einer neuen Religion. Sie wuchs Anfangs langsam und heimlich. Und einige hundert Jahre später war sie bereits weltumspannend und begeisterte Millionen.

Doch im Schatten dieser Begeisterung wuchsen die Machtgeilen und Despoten. Sie schwangen sich auf, die Gläubigen willfährig zu machen. Ihre Botschaft war unmissverständlich und lautete: „Macht, Macht und nochmals Macht“ Daran hat sich leider bis Heute nichts geändert.

Wieder bin ich von Zweifel erfüllt. In mir schwelt eine Wut auf alle, die die Gutgläubigkeit  und Unwissenheit der Menschen ausnutzen. Die Staatsgewalt und der Klerus spielen ein Spiel mit dem Volk nach dem Motto: „Halt du sie arm, ich halt sie dumm.“ Ob Jesus sich sein Vermächtnis so  vorgestellt hatte, als er zu Petrus sagte: „Du bist der Fels auf dem ich meine Kirche baue“? Ich kann es mir nicht vorstellen.

 

-Zitat Ende -

 

Ich wanderte weiter mit dem Kopf voll wirrer Gedanken. Die Frage nach der einen, unübertroffenen Macht – Gott - ließ mich nicht los.

Um auf andere Gedanken zu kommen begann ich zu singen. Zuerst zaghaft doch dann lauthals. Es hörte mich ja niemand, ich war alleine auf weiter Flur.

Dann kam Estella unvermittelt ins Blickfeld. Ein spanisches Sprichwort heißt: „No se ve Estella, asta llegar a ella“ Übersetzt heißt dies in etwa: „Man sieht Estella der Berge wegen erst dann, wenn man schon dort ist.“

Estella la bella – Estella die Schöne. Mein erster Eindruck dieser kleinen Stadt war eine Inschrift an einem Pilgerbrunnen:

„Buen Pan, excelente Aqua y Vino, Carne y Pescado, llena de todo felicidat?“

Übersetzt etwa: „Gutes Brot, exzellentes Wasser und Wein, Fleisch und Fisch, was braucht es mehr um glücklich zu sein.“

Das war mal eine Einladung, die mir Freude und Appetit machte.

Unweit des Brunnens stand eine Kirche, die aber nur zu Ausstellungszwecken benutzt wurde. Iglesia de Santo Sepulcro. Auffällig war das tief gestaffelte Portal der Kirche. Eindrucksvoll das Tympanon über dem Eingang. Im unteren Bereich befand sich eine Darstellung des Abendmals; im oberen die Kreuzigungsszene. Der mittlere Bereich war mir nicht ganz klar. Vielleicht war es eine Darstellung des ewigen Gerichts, in dem die Guten in den Himmel aufgenommen und die Bösen vom Höllenschlund verschluckt werden.

Wieder kochte in mir die Wut hoch. Welche Angst hat man den einfachen Menschen des Mittelalters mit solchen Bildern gemacht. Welches Bild von Gott wurde den Gläubigen gezeigt? Ist Gott wirklich der Rächer, der Inquisitor?

Angst schüren, das war die Devise der Kardinäle und Bischöfe die es sich gut gehen ließen auf ihren Herrschaftssitzen und Burgen.

Ich dachte an einen Text, den ich irgendwo einmal gelesen habe:

 

 ...

 Manche Leute hören den Seelenvogel oft,

 manche hören ihn selten

 und manche hören ihn

 nur einmal in ihrem Leben.

 Deshalb ist es gut, wenn wir

 auf den Seelenvogel horchen

 der tief, tief in uns ist...

 ...

 Wenn der Vogel

 Die Schublade „Wut“ aufmacht,

 ist der Mensch wütend

 und wenn der Vogel

 die Schublade nicht mehr zuschließt,

 hört der Mensch nicht auf, wütend zu sein

                                     (Michael Snunit/Na´ama Golomb) aus dem Hebäischen von Mirjam Pressler

 

Hatte ich Heute diese Schublade „Wut“ geöffnet?

Ich fand meinen Apostel unter den zwölf großen Figuren, die rechts und links neben dem Portal im oberen Bereich der Wand in Nischen standen. Ausgestattet mit dem Pilgerhut und der Muschel. Sein Stab war ihm abhanden gekommen. Vielleicht hatte er ihn an einen Pilger verschenkt. Ich musste schmunzeln. 

Ein Pilger, der mir schon in Lorca aufgefallen war, setzte sich auf eine Bank abseits der Kirche und drehte sich in aller Ruhe eine Zigarette. Seine Gelassenheit, die er zur Schau stellte, machte mich neidig. Ich wäre auch gerne so gelassen, so cool, so überlegen, so weit weg von den niederen Dingen auf dieser Welt. Alleine seine überlegten, langsamen aber zielgerichteten Bewegungen waren für mich eine Provokation. Hätte ich nur ein Quäntchen, ein Hauch, von dieser Abgeklärtheit. Stattdessen war ich mit mir und allem um mich herum unzufrieden, ja es machte mich wütend, so zu sein wie ich war.

Ich wandte mich ab und wanderte etwas verbissen weiter. Ich ging auf der Sirga Peregrinal, der Pilgerstraße, weiter in die Stadt hinein. Die Straße war fast menschenleer, nur fünf Pilger gingen vor mir und ihre Schritte hallten wider zwischen den Häusern, die sich an beiden Seiten aufreihten. Ein Platz öffnete sich vor mir und gab den Blick frei auf einen Brunnen. Das Plätschern des Wassers stimmte mich etwas versöhnlicher. Die schlechte Laune war fast verrauscht. Dann hörte ich Kirchengesang von irgendwo her. Ich lauschte der Melodie und folgte ihr auf den Stufen einer endlos langen Treppe, die zu einer zweiten Kirche hinaufführte. Die Tür des Portals stand offen und ich trat ein in den Kirchenraum. Der Gottesdienst war schon fast vorüber denn der Priester war bereits bei der Wandlung. Ich nahm meinen Rucksack ab und suchte mir einen freien Platz. Die Messe war gut besucht. Auch einige Pilger sah ich in den Reihen der Besucher.

Dann geschah etwas mit mir, von dem ich nicht wusste, wie ich damit umgehen sollte. Eine eigentümliche Stimmung erfasste mich die ich nicht erklären konnte. Es war der erste Gottesdienst auf meiner Pilgerfahrt, an dem ich teilnahm. Vielleicht war das der Grund. Wieder diese wirren Gedanken in meinem Kopf, die mich nervten und nicht losließen. Auf dem Weg zur Kommunion dann konnte ich meine Tränen nicht zurückhalten. Was war mit mir los? Ich kam nicht mehr zur Ruhe. Irgendetwas drängte aus mir heraus und ich wusste nicht, wie ich dem begegnen sollte.

Nachdem die Messe beendet war, blieb ich noch in der Kirche sitzen. Als fast alle das Gotteshaus verlassen hatten, kam eine ältere Frau auf mich zu und gab mir einen Gebetszettel. Sie drückte meine Hand, sah mich kurz an und ging wortlos.

 

Gott, der du deinen Diener Abraham aus der Stadt Ur in Chaldäa errettet und ihn auf seinen Wanderungen beschützt hast, der du der Begleiter des hebräischen Volkes durch die Wüste warst, wir bitten dich, dass du diesen deinen Diener beschützen mögest, der aus Liebe zu deinem Namen nach Santiago pilgert.

 

Der Text auf diesem Zettel war ein Gebet einer alten Schrift aus dem 11.Jhd.. Konnte es sein, dass sie mir Mut machen wollte. Wollte sie mich trösten? Das erstaunlichste aber war, das der Text in deutscher Sprache verfasst war denn auf dem Regal, das ich kurze Zeit später bei der Besichtigung der Kirche fand, lagen die gleichen Zettel aber in den unterschiedlichsten Sprachen geschrieben. Auf Italienisch, Spanisch, Englisch, Französisch, Polnisch ja sogar auf Tschechisch  war das Gebet verfaßt. Woher wusste sie, dass ich Deutscher bin? War es Zufall, dass sie mir den Zettel in der richtigen Sprache gab?

Ich verließ die Kirche noch verwirrter als zuvor. Ich hatte keinen Blick mehr für die Schönheit der Stadt. Stattdessen ging ich schnellen Schrittes dem Camino folgend, der mich aus der Stadt herausführte.

An einem Kreisverkehr stand, angelehnt an einen halbhohen Pfeiler, der mit einer Concha, einer stilisierten Jakobsmuschel versehen war, ein vergessener Wanderstab. Wem fehlte dieser Stab auf seinem Weg oder für wen war er gedacht? Wer sollte sich auf ihn stützen? Sollte er mich daran erinnern, dass es auf dieser Welt viele Menschen gibt, die der Unterstützung bedürfen, die unter dem Joch von Krankheit und Armut leiden, die unterdrückt sind oder auf der Flucht vor Gewalt und Unmenschlichkeit.

Zu viele Gedanken! Ich kam ja nicht einmal mit mir selbst ins Reine. Wie soll ich dann noch über die Probleme der Welt nachdenken.

Wieder mochte ich mich in diesem Augenblick nicht sonderlich.

Eine halbe Ewigkeit später und doch nur zweieinhalb Kilometer hinter Estella erreichte ich die Bodega Irache. Die Weinkellerei wurde früher vom Kloster Santa María la Real de Irache betrieben.

An der Stirnseite des Gebäudes befand sich eine ganz besondere Quelle mit zwei Zapfhähnen. Aus dem einen Auslauf floss nach dem Öffnen Wasser und aus dem Anderen Rotwein. Manfred, mein verstorbener Freund, erzählte davon an dem Abend, an dem wir unsere Reise planten. Er hatte hier schon mit seiner Frau gesessen und sich einen ordentlichen Schluck Wein aus dieser Quelle gegönnt.

Könnte Manfred mich von seinem Himmel aus sehen, würde er sicherlich sagen:

„Trink einen Schluck Wein auf meine Gesundheit! Vino Tinto, si Señor, un poco!“

Er ist bei mir, er war nie weg; - er fehlt mir!

Nachdenklich saß ich eine Zeit lang etwas verloren auf einer Bank in der Nähe der Bodega. Was hätte ich darum gegeben, ein paar Worte mit Manfred reden zu können.

Dann versuchte ich Renate, Manfreds Frau, anzurufen, es meldete sich nur der Anrufbeantworter. Nach einem kurzen Gruß legte ich auf.

Ich trank keinen Wein aus der Quelle sondern füllte meine Trinkflasche mit Wasser und machte mich wieder auf meinen Weg, den ich, gemeinsam mit meinem Freund im Herzen, ging.

Vorbei an der Klosteranlage, in der heute ein Hotel untergebracht ist, wanderte ich in Richtung Villamayor de Monjardin, meinem heutigen Ziel. Bald schon sah ich in der Ferne den Berg, der dem Ort seinen Namen gab, den Monjardin. Die Burg, Mons Garcini, auf dem Gipfel des Berges war im Mittelalter ein wichtiges Bollwerk gegen die Invasion der Mauren.  

Kurz hinter einer überbauten Quelle, der Fuente de los moros, der Maurenquelle, wuchs unvermittelt vor mir der Kirchturm von San Andres de Apostol förmlich aus dem Boden. Villamayor de Monjardin war bald erreicht und direkt am Anfang des Dorfes wurde ich durch leise Taizémusik auf die kleine Herberge, eigentlich mehr ein Refugio, schräg gegenüber der Kirche, aufmerksam. Vor ihr standen ein paar rote Tische und Stühle. Sonnenschirme spendeten Schatten. Ich öffnete die halboffene Tür der Herberge ganz und schaute in einen kleinen Raum, in dessen Mitte ein gedeckter Tisch stand. Kaffeeduft und der Duft von Räucherstäbchen stieg mir in die Nase. Dann wurde ich von einer deutsch sprechenden Hospitalera begrüßt, nein - nicht begrüßt, eher herzlich Willkommen geheißen. Ihr offenes Lächeln strahlte mich an und ich dachte:

„Hier bleibe ich!“

Ich lernte Felicitas kennen und schloss sie direkt in mein Herz. Sie forderte mich auf, an dem kleinen Tisch Platz zu nehmen. Ich sah mich um und musste gestehen, dass dieses Refugio an Einfachheit nicht zu überbieten war.

Eine Küchenzeile, deren resopaloberflächigen Unterschränke aus einem anderen Jahrhundert zu kommen schienen, stand direkt an der weiß getünchten Spanwand neben der Eingangstür. Sie wurde, gleichsam als Zugeständnis an die Moderne, von einer Microwelle und einer Kaffeemaschine geziert. Ein Kühlschrank, der sicher schon bessere Zeiten gesehen hatte, vervollständigte das Bild. Trotz alledem sprach mich dieser spartanisch eingerichtete Raum an. Ich fühlte mich einfach nur wohl.

Eine zweite Hospitalera betrat den Raum. Sie begrüßte mich in englischer Sprache genau so liebenswürdig wie zuvor Felicitas. Felicitas erzählte mir, dass ihre „Kollegin“ aus Canada komme und an einem Buch über den Camino arbeiten würde. Sie wolle durch die Arbeit als Hospitalera Erfahrungen über das Pilgerwesen und die Motivation des Pilgerns im Besonderen sammeln, um diese dann in ihrem Buch zu verwerten.

Nachdem Felicitas mir eine Tasse Kaffee eingeschenkt hatte, fragte sie mich nach meiner Motivation für diese Pilgerschaft und ich erzählte ihr meine ganze Geschichte. Bis zum Schluss hörte sie mir geduldig zu, um mich dann in ihre Arme zu nehmen. Sie fand Worte des Trostes, die mir gut taten. Ich fühlte mich bei ihr geborgen.

Wieder hatte ich das Glück, einem Menschen zu begegnen, der mir das Gefühl gab, wahrgenommen zu werden ohne dass dieser seine Wahrnehmung bewertete. Ich konnte mich fallen lassen in der Gewissheit, nie verletzt zu werden.

Da ich der erste und derzeit einzige Gast der Herberge war, konnte ich mir mein Bett aussuchen. Weil nur drei Etagenbetten in einem fensterlosen Raum zur Auswahl standen, wurde ich damit nicht überfordert. Alle anderen Plätze waren Matratzenlager.

Nachdem ich geduscht hatte fragte mich Felicitas, ob ich an der Pilgermesse teilnehmen würde. Wenn ich es recht überdenke war es eigentlich keine Frage sondern eher eine wie selbstverständlich hervorgebrachte Feststellung, die keine ablehnende Antwort duldete.

Wir gingen also hinüber zum Gotteshaus und nahmen in einer der Bänke Platz. Wenige Minuten später gesellte sich eine junge Frau zu uns, die sofort mit Felicitas eine leise Unterhaltung begann. Ich konnte leider nicht verstehen, was die Beiden zu tuscheln hatten.

Mittlerweile war der Raum mit Menschen gefüllt. Auch andere Pilger hatten den Weg in die Kirche gefunden. Der gleiche Pfarrer, wie noch wenige Stunden zuvor in Estella, zelebrierte die Messe. Nach der Predigt bat der Pfarrer alle Pilger nach vorne vor den Altar. Der Priester fragte alle nach ihrer Nationalität um dann, zur Überraschung aller, jedem in seiner Sprache Gottes Segen auszusprechen.

An diesem Tag ging ich zum zweiten Mal zur Kommunion doch dieses Mal viel entspannter und freier. 

Nach der Messe wollte ich mich erheben um die Kirche zu verlassen, doch Felicitas hielt mich zurück mit der Bemerkung: „Es gibt noch eine kleine Überraschung!“ Sie bat auch noch andere Pilger, zu bleiben und nach einer kurzen Zeit gesellte sich auch der Priester, der sich inzwischen umgezogen hatte, dazu.

Dann erhob sich die junge Frau, mit der Felicitas vor dem Gottesdienst so geheimnisvoll gesprochen hatte, von ihrem Platz und stellte sich in den Mittelgang. Mit einer wunderschönen Altstimme, die mir eine Gänsehaut auf die Arme und den Rücken zauberte, begann sie in einer slowenischen Sprache zu singen. Der Gesang war so ergreifend, das ich die Augen schloss, um noch intensiver die Stimmung aufzufangen, die gleichwohl auch alle anderen Anwesenden erfasst hatte. Der Klang ihrer Stimme schwang sich auf und der Widerhall von den Kirchenwänden wandelte ihren Gesang in eine sphärische Musik, die überirdisch schien.

Welch ein glücklicher Mann war ich, das erleben zu dürfen. 

Die junge Frau hieß Judith und kam aus Ungarn. Sie war Hospitalera in einer Herberge in Estella und hatte an diesem denkwürdigen Tag das Ende ihres Aufenthaltes in Spanien erreicht. Sie war nach Monjardin gekommen, um sich von Felicitas zu verabschieden. Felicitas erzählte mir später, dass sie  sich schon länger von Aufenthalten in Spanien kannten.

Wieder zurück in der Herberge, verriet mir Felicitas, dass Judith die Gabe hätte, alleine durch das Auflegen der Hand Schmerzen zu mildern. Auf meine Frage, ob Judith nicht auch bei mir versuchen könnte, meine Schmerzen zu vertreiben lachte Felicitas nur und sagte: „Frag sie!“

Es war für mich eine große Überwindung, Judith, die im Übrigen über gute Deutschkenntnisse verfügte, zu fragen, ob sie auch meine Schmerzen mildern könne. Nicht weil ich nicht den Mut dazu gefunden hätte sondern weil ich über das Wunderheilen, Handauflegen, Wahrsagen und ähnlichen „Klamauk“ immer gelacht habe. Ich konnte es nicht fassen! Ich, der real denkende Mensch, ließ mich auf das Abenteuer Spiritismus, den ich immer vehement abgelehnt hatte, ein. Ich ließ es geschehen!

Judith sprach mit mir während der „Behandlung“ mit ihrer ruhigen und melodiösen Stimme und schon nach einer kurzen Zeit nahm ich den Raum um mich herum nicht mehr war. Ihre Hände verursachten auf meiner Haut ein angenehm warmes Gefühl und meine Gedanken eroberten einen Raum von unermesslicher Größe und Ruhe. Ich hatte das Gefühl, nicht mehr in meinem Körper zu sein.

In der folgenden Nacht konnte ich nicht schlafen. Meine Gedanken kreisten um das heute Erlebte und zwangen mich anzuerkennen, das meine Gewissheit, alles erklären zu können, einem elementaren Irrtum aufgesessen war. Was auf diesem Weg bisher mit mir geschehen war, passte ganz und gar nicht in meine heile Welt der Selbstkontrolle. Ich musste lernen zu Begreifen, das es einen Kosmos von Dingen gab, die ich weder kontrollieren, noch erklären konnte.

In der Nacht regnete es. Die Wassertropfen trommelten auf das Flachdach und irgendwann fanden einige davon den Weg ins Innere der Herberge. Zuerst unregelmäßig, doch dann in einem konstanten Rhythmus, fielen sie irgendwo in einem Nebenraum auf den Boden. Das gleichförmige Tropfen hüllte meine Gedanken zunehmend ein und irgendwann blendete der Schlaf alle Geräusche um mich herum aus.

Es fiel mir schwer, am nächsten Morgen die Herberge zu verlassen. Felicitas weckte uns alle um 6:00 Uhr mit den leisen Tönen der gregorianischen Gesänge der Mönche von Silos. Der Kaffeeduft versprach ein schönes Frühstück und aktivierte die Lebensgeister. Nachdem alle Pilger die Morgentoilette hinter sich  gebracht und ihre Rucksäcke gepackt hatten, wurde im Vorraum ein gemeinsames Frühstück eingenommen.

Ich sah die anderen Pilger und blickte in Gesichter, die mir verrieten, dass viele von ihnen bereits in Gedanken auf dem Weg waren. Was mag in ihnen vorgegangen sein? Unter anderen war da auch Inga-Marie aus Dänemark, die mir schon ein paar Mal auf dem Weg begegnet war. Bisher war sie allerdings immer in Begleitung einer anderen Frau. Dieses Mal war sie alleine. Ich fragte sie, wo denn ihre Mitpilgerin abgeblieben sei. Dabei erfuhr ich von ihr, dass sie mit ihrer Schwester unterwegs war, die aber arge Probleme mit den Füßen und der Hüfte bekommen hatte.  Sie sei schon vorausgefahren nach Logroño, wo sie beide sich wieder treffen wollten.

Dann hieß es, Abschied nehmen. Ich umarmte Felicitas und sagte ihr, dass ich gerne bei ihr geblieben wäre und ich würde mich melden sobald ich wieder zu Hause sei. Noch beim Hinausgehen dachte ich, hoffentlich halten die guten Vorsätze und geraten nicht in Vergessen-heit.

Der Weg nach Torres del Rio war wenig ereignisreich. Einzig die Landschaft war beeindruckend. Weite Felder bis zum Horizont, der von einer dunklen Kette aus Bergspitzen gesäumt war. Und immer wieder Mohn. Die rote Farbe setzte Akzente in die Landschaft. Am Wegrand häufig hohe Distelinseln, die mit ihren dunkelroten Blütenständen Insekten zu Scharen anzogen.

Meine Achillessehne machte mir wieder Probleme. Die Schmerzen wurden so stark, das ich mir in einer Apotheke in Los Arcos ein Schmerzspray kaufte. Damit besprühte ich den schmerzenden Bereich um die Sehne herum und nach wenigen Minuten zeigte sich auch schon die Wirkung. Die Schmerzen waren wie weggeflogen. Ich war glücklich, ein solches Instrument in meinen Händen zu halten, konnte ich doch nun jederzeit den Schmerzen Einhalt gebieten. Selbst nach einer Stunde war die Wirkung des Medikamentes noch zu spüren. Es war so, als wenn meine Wade betäubt worden wäre. Ich wollte nicht wirklich wissen, welches Teufelszeug ich da benutzte – wahrscheinlich stand dies alles auf dem Beipackzettel, den ich aber samt Karton in einen Mülleimer geworfen hatte. Das war sicher gut so.  

Bald schon sah ich in der Ferne das Dorf Sansol liegen. Die Kennzeichnung des Camions führte mich durch den Ort auf einen großen Platz, der umrahmt war von großen, herrschaftlich aussehenden, Häusern. Ich war immer wieder überrascht von der Architektur in den Dörfern Nordspaniens. Niemals hätte ich vermutet, in einem solch kleinen Nest wie Sansol, mit etwas mehr als 100 Einwohnern, derart gestaltete Häuser zu finden. Sie waren beeindruckend. Von diesem Platz aus waren es nur wenige Meter bis zur Kirche.

Ich umrundete die Kirche und stand unvermittelt an der Steilkante des Hügels, auf dem das Gebäude stand. Nicht weit entfernt auf der anderen Seite dieses tiefen Geländeeinschnittes konnte ich Torres del Rio sehen. Die Häuser des Ortes scharten sich eng um die im Zentrum liegende Kirche San Sepulcro, die Kirche es heiligen Grabes.

Zwanzig Minuten später stand ich genau vor dieser Kirche, die als Oktogon konstruiert war. Das Gebäude war in drei Geschosse gegliedert, die jeweils von einem schmalen Gesims markiert wurden. Das dritte Geschoß wurde von reich verzierten, romanischen Doppelbögen über Säulen geschmückt und die Gebäudeecken durch Säulen hervorgehoben. Gekrönt wurde das Gotteshaus durch eine ebenfalls achteckige Laterne. Im Osten schloss sich eine halbrunde Apsis an, im Westen ein Rundturm, auf dessen Spitzdach sich eine kleine, bescheidene Glocke befand. Die Gründungsgeschichte der Kirche wurde wegen ihrer Bauweise in Zusammenhang mit dem Templerorden gebracht. Gesichert ist dies allerdings nicht.

Casa Mari hieß eine Herberge des Ortes, die in meinem Wegbegleiter hervorgehoben wurde, ein kleine private Herberge mit freundlicher Atmosphäre. Tatsächlich war der Empfang sehr freundlich, das Zimmer sehr eng aber sauber und mit einem Schließfach für jeden Pilger ausgestattet. Vier Pilger teilten sich den Raum.

Der Innenhof, indem sich auch die Duschen und die Toiletten befanden, war mit Sitzgelegenheiten ausgestattet. Es gab sogar einen schönen Aufenthaltsraum, in dem sich eine kleine Küche befand.

Kurz, nachdem ich mich geduscht hatte, wurde der Himmel schwarz wie die Nacht. Ein heftiges Gewitter entlud sich über Torres del Rio, begleitet von sintflutartigem Regen und peitschendem Wind. Wieder einmal hatte es Jakobus gut mit mir gemeint, indem er mich bisher vor solchen Wettern verschont hatte.

Es dauerte nur eine knappe Stunde und das Unwetter hatte sich verzogen. Über den Feldern und Wiesen, auf die ich vom Innenhof der Herberge blicken konnte, stiegen Schwaden von Wasserdampf empor und die letzten Strahlen der untergehenden Sonne tauchten die Landschaft in ein mystisches Licht.

Nach dem Regen füllte sich der Hof schnell wieder mit Peregrinos. Es waren erstaunlich viele deutsche Pilger darunter, die aber allesamt irgendwo im Alter von Achtzehn bis Fünfundzwanzig Jahren waren. Dagegen fühlte ich mich wie ein alter Mann, mehr noch – wie ein Methusalem, wie ein Dinosaurier. Ich hätte mich gerne mit den jungen Leuten unterhalten. Stattdessen saß ich abseits und hörte nur zu.

 

- Ich zitiere aus meinen Aufzeichnungen -

 

 „Ich sitze in einem Schneckenhaus und scheue den Versuch, mich daraus zu befreien. Mein Selbstvertrauen hat sich unbemerkt aus dem Staube gemacht. Ich empfinde im Moment nur Angst, Trauer und Scham. Ich fühle mich in eine Zeit transformiert, die in die Schulzeit zurückreicht. Ich sehe mich als einen verschüchterten Jungen, der nicht fähig ist, einen ganzen Satz zu sprechen, ohne sich zu verhaspeln oder zu stottern. Jeder Erwachsene macht mir Angst. Den Aufgaben,  die ich erfüllen soll, bin ich nicht gewachsen. Ich bin mir sicher, dumm zu sein. Ich sehe meinen Lehrer, der mich hämisch lächelnd ansieht und mit seinem Finger auf mich zeigt. „Setz dich und halte den Mund!“

 

- Zitat Ende  -

 

Am nächsten Morgen fühlte ich mich schon wieder wie auf der Flucht vor mir Selbst; und es gab kein Entrinnen. Unerbittlich bohrte es in meinem Kopf wie ein Geschwür, welches sich in Windeseile auszubreiten schien.

Der Regen des Vortages hatte die Wege aufgeweicht. Vereinzelte Pfützen spiegelten den wolkenverhangenen Himmel und es war noch recht kühl. Doch hatte der Regen auch etwas Gutes. Die Luft roch frisch und rein und die Sicht war klar. Felder voller Rebstöcke begleiteten mich auf meinem Weg. Ich näherte mich der wohl bekanntesten Weinbauregion Spaniens, der Rioja. Nach einigen Kilometern machte ein Wegzeichen auf sich aufmerksam. Pilger hatten auf einem Betonpfeiler, der den Jakobsweg markierte, Steine zu einer Wegmarke aufgehäuft. Zwischen den obersten Steinen steckten zwei Spielkarten. Ein König und ein Joker. Gedankenverloren blieb ich davor stehen. Welche Metapher steckte jetzt schon wieder hinter diesem Bild? Vielleicht glaubte ich aber auch nur, es könnte etwas Symbolisches, Sinnbildliches darin versteckt sein. Nicht jede Handlung hatte zwingend einen tieferen Sinn. Ich hätte gerne den Ausschalter betätigt, um das Grübeln zu beenden.

Viana lag vor mir und als ich die Stadt betrat traf ich auf eine Schar von Pilgern, die auf einem kleinen Platz mehrere Bänke und Tische in Beschlag genommen hatten. Die Tische waren voll gepackt mit leckeren Sachen, bei deren Anblick mir das Wasser im Munde zusammenlief. Bei diesem Frühstück wäre ich auch gerne dabei gewesen. Aber niemand lud mich dazu ein. Schade!

Hohe Häuser säumten die schmalen Gassen der Stadt und  spendeten Schatten. Auf der rechten Seite der Straße lag die Kirche Santa Maria, die auf einem überhöhten Platz stand, der von einem Gitter eingefasst war. Das gewaltige Portal faszinierte mich. Es war in ein Halbrund eingebunden, welches sich auf eine Höhe von nahezu zehn Metern ausdehnte und den Abschluss in einer Halbkugel fand, die wiederum von einem griechischen Giebel überbaut war. Viele stilistische Elemente der Antike und der Gotik vereinten sich hier zu einer atemberaubenden Architektur. In diesem Halbrund oberhalb der Eingangspforte sah ich eine monumentale Darstellung der Kreuzigung. Darunter hatte der Steinmetz in einem Fries die Grablegung  aus dem dunklen Stein geschnitten.

Leider war die Kirche verschlossen. Ich hätte gerne gesehen, wie das Innere dieses beeindruckenden Bauwerkes gestaltet war.

Wie ich auf einer Hinweistafel lesen konnte, gab es zu dieser Kirche folgende Geschichte:

Im Jahr 1507 fiel in einer Schlacht im Alter von 32 Jahren der Sohn des Papstes Alexander VI.. Sein Name war Cesare Borgia. Er war ein skrupelloser Renaissancefürst und bei der Bevölkerung nicht sehr beliebt. Als der Leichnam in der Kirche begraben werden sollte, holten die erbosten Einwohner des Dorfes ihn aus der Kirche heraus und bestatteten ihn auf dem Vorplatz genau vor dem Portal. Jeder sollte diesen Despoten beim Betreten der Kirche mit Füßen treten.

Das war auch eine Art von später Rache, dachte ich mir und ich hatte eine große Sympathie für diese mutigen Dorfbewohner. Erst 1990 wurde der so exkommunizierte Fürst nach einem Beschluss einer Kommission wieder im Inneren der Kirche bestattet. Welch eine Langmut!

In einer Bäckerei unweit der Kirche fand ich genau das, was mir auf dem Weg nach Viana dauernd im Kopf herumgespukt war. Eine Gebäckspezialität aus Blätterteig und Haselnusscreme, die es nur hier in Viana gab. Wie hatte ich mich darauf gefreut.

Nachdem ich drei dieser verführerisch aussehenden Gebäckstücke gekauft und in meinem Rucksack verstaut hatte, machte ich mich auf die Suche nach einem ruhigen Plätzchen, an dem ich meine Beute mit Genuss essen konnte. Gegenüber der Ruine der Klosteranlage San Pedro fand ich eine Stelle, die mir geeignet schien, mein Vorhaben in die Tat umzusetzen.

Ich war scheinbar nicht der Einzige, der seinen Gelüsten nachgegeben hatte denn schon kurze Zeit später, ich hatte gerade meine Zähne in die süße Backware gegraben, gesellte sich ein Franzose zu mir. Er begrüßte mich, stellte seinen Rucksack wie selbstverständlich neben meinen und packte, was soll ich sagen, ebenfalls eine Tüte mit drei Gebäckstücken aus. Sein Hefegebäck sah schon auf den ersten Blick genau so lecker aus, wie das, was ich in meiner Hand hielt.

Nachdem wir nun beide über die Beute herfielen, als wenn wir seit Wochen nichts in den Bauch bekommen hätten, wurde der Eine auf die Süßigkeit des Anderen neugierig. Als jeder sein erstes Stück gegessen hatte, machte der Franzose den Vorschlag, die nächsten Stücke zu tauschen. Also wechselten die vermeintlichen Spezialitäten nun ihre Besitzer und wurden mit lautem Wohlwollen, wobei jeder den Geschmack des Gebäckes des Anderen lobte, verspeist. Wir beide stellten aber nach dieser Fressorgie fest, dass unser beider Blick doch größer war, als unsere Mägen aufnehmen konnten. Also ließen wir das dritte Stück in der Tüte und verstauten es wieder im Rucksack. So machten wir uns nach diesem gemeinsamen Mal, und einem herzlichen „Buen Camino“ wieder auf den Weg - jeder für sich.

Ein Grenzstein zeigte an, dass ich Navarra verlassen, und die autonome Gemeinschaft „La Rioja“ erreicht hatte. Rioja war die dritte spanische Provinz, die ich im Laufe meiner Pilgerschaft durchwanderte. Der Name Rioja ist eine Zusammensetzung aus den Worten „Rio Oja“, und meint den Fluss, der sich durch diese Region windet. Er mündet in den größten Strom Spaniens, dem Ebro, der auf seinem Weg zwischen dem Iberischen Randgebirge und den Pyrenäen 912 Km zurücklegt und in Höhe der Costa Brave ins Mittelmeer fließt.

Nun war ich also im sagenhaften Weinbaugebiet Spaniens, der Rioja. Doch von Weinfeldern sah ich wenig. Stattdessen führte der Weg kurz vor Logroño an einem Stausee, dem Embalse de las Cañas vorbei. Dieser Stausee war Rückzugsgebiet für viele Vogelarten und deshalb als Naturschutzgebiet ausgewiesen.

Nachdem ich den See passiert hatte, erreichte ich einen asphaltierten Geh- und Radweg, der mich in vielen Bögen und Schwüngen an und unter einer viel befahrenen, mehrspurigen Straße vorbeiführte. Auf einer Bank am Rande dieses Weges saß eine junge, vielleicht zwanzigjährige, Pilgerin. Sie hatte sich beider Schuhe und Strümpfe entledigt und betrachtete ihre Blasen, die sich, prall gefüllt mit Wundflüssigkeit, dem Zuschauer nahezu aufdrängten. Fersen und Zehen waren in Mitleidenschaft gezogen. „Oh Gott“, dachte ich: „die kommt so nirgendwo mehr hin“ denn ich wusste ja aus eigener Erfahrung, welche Schmerzen sie in diesem Moment erleiden musste. Da ich selbst inzwischen einschlägige Kenntnisse in der Behandlung von Blasen hatte, ging ich hinüber zu ihr, um zu schauen, ob ich ihr in ihrer Not helfen konnte. Ich fragte sie, ob sie Medikamente zur Desinfektion und Wundbehandlung hätte.

Wieder hatte ich das Glück, mit jemandem reden zu wollen, den ich und der mich leider nicht verstehen konnte, denn ich hatte eine Italienerin vor mir. Ihre Sprache beherrschte ich trotz Sergio immer noch nicht, wie sollte ich auch? Trotzdem verstand sie wohl, was ich meinte und sie zeigte mir aus ihrem Rucksack eine kleine Tüte, in der Pflaster in den unterschiedlichsten Größen verstaut waren. Jedoch fand ich keine Hilfsmittel, die ich für die Behandlung der Blasen benötigt hätte.

Also packte ich meine Medikamentenbox aus und besprühte die Schere, mit der ich die Blasen öffnen wollte und die Blasen selbst mit einem Desinfektionsspray. Dann schnitt ich mit der Schere in jede Blase einen kleinen Spalt, so dass die Wundflüssigkeit auslaufen konnte. Danach rieb ich jodhaltige Salbe in die Wunden ein, die eine Entzündung der betroffenen Stellen verhindert sollte. Sie verzog ein wenig das Gesicht, als das Jod seine Wirkung durch ein heftiges Brennen offenbarte. Doch da musste sie jetzt durch! Die Blasen deckte ich mit Mull ab, den ich mit einem Tape fixierte. Ich war eigentlich zufrieden mit meinem Werk doch fragte ich mich, ob sie es schaffen würde, die Schuhe wieder anzuziehen. Meine Angst stellte sich aber als unbegründet heraus, sie stöhnte und ächzte zwar etwas vor Schmerz, als sie in ihre Schuhe schlüpfte, machte aber, nachdem sie ein paar Schritte probeweise gegangen war, ein zuversichtliches Gesicht.

Ich verstaute wieder alles in meinen Rucksack, denn mehr konnte ich nicht für sie tun. Nach einem herzlichen „Grazie“ ihrerseits verabschiedeten wir uns und ich ging meinen Weg weiter in Richtung Logroño.

Dann lag sie vor mir! Die Puente de Piedra, die „Steinerne Brücke“ über den Ebro, der seine Wassermassen braun und träge in Richtung Mittelmeer fließen ließ.

Logroño lag ehemals an einer Furt des Ebros und wurde schon im ersten Jahrhundert von den Kelten bewohnt. Die Römer nannten die Stadt   Lucrosus und die Mauren, die im achten Jahrhundert die Stadt eroberten nannten sie Albaida, die „Weiße“. In der Reconquista wurde sie von Alfons VI. wieder zurückerobert und mit der Fuero, der Autonomie und den Stadtrechten ausgestattet.  

Beim Überqueren der Brücke wurde ich von mehreren Spanierinnen mit einem freundlichen Buen Camino begrüßt. Ich fand es einfach toll, so nett aufgenommen zu werden. Ich fragte mich, warum in Deutschland die Menschen oft so verbissen waren.

Die Kirchliche Herberge in Logroño war mein Ziel. Sie sollte direkt neben der Iglesia Santiago liegen. Vorbei an der  städtischen Herberge überquerte ich die Plaza Santiago, auf dem in einem großen Bodenmosaik die Felder des Gänsespiels mit Stationen des Jakobsweges dargestellt waren. Dieses Spiel war das „Mensch ärgere dich nicht“ der Spanier.

Bald darauf erreichte ich die Kirche und starrte wie gebannt auf eine Szene oberhalb des hohen Portals. In einem Halbrund, gleichsam einer Grotte ähnelnd, saß hoch zu Ross Santiago, dargestellt als Matamoros, als Maurentöter, sein Schwert hoch erhoben. Der Boden unter den Hufen seines Pferdes war bedeckt mit den abgeschlagenen Köpfen von hingeschlachteten Mauren. Eine grausame, martialische Darstellung des Heiligen.

In der Sage der Auferstehung des Apostels Jakobus im Jahre 844 bei der Schlacht von Clavijo hier in  der Nähe von Logroño,  soll  er quasi als göttliche Hilfe im Kampf gegen den Islam eben als jener Matamorus erschienen sein. Er verhalf der christlichen Armee des Königs von Asturien, Ramiro I., zum Sieg, indem er unter den Mauren wie ein Rachegott wütete und unzählige von ihnen erschlug. Durch ihn wurde die Reconquista, die Rückeroberung Spaniens, für das christliche Einzugsgebiet, zum Selbstläufer.

Dies steigerte sich später noch einmal durch den Sinneswandel eines gewissen Rodrigo Diaz de Vivar, der ursprünglich unter dem Namen „As-sayyid“ für die Mauren kämpfte, sich aber Mitte des elften Jahrhunderts der  Reconquista anschloss. Sein Name ging als El Cid in die Geschichte ein.

Die Suche nach der Herberge gestaltete sich eher mühsam. Nirgends war ein Hinweis auf die kirchliche Unterkunft zu finden. Nach einer etwa halbstündigen Suche, wobei ich die Straße vor der Kirche mehrmals auf und ab gegangen war, resignierte ich und ging zurück zur städtischen Herberge. Hier warteten schon eine Menge anderer Pilger auf das Öffnen der Eingangstür der Herberge. Ich stellte meinen Rucksack mit in die Reihe anderer Rucksäcke und machte mich auf die Suche nach einem Supermarkt. Ich musste unbedingt meine Essensvorräte ergänzen; Käse, Brot und die von mir so geliebte Linsensuppe, Sopa de lentejas.

Beim Rückweg fiel mir auf, dass sich in einem kleinen Park in der Nähe der Herberge eine große Zahl von Menschen aufhielt, die offensichtlich zum Rand der Gesellschaft gehörten. Angetrunkene lagen oder saßen auf dem Rasen der Anlage oder belagerten die wenigen Bänke, die entlang der Wege aufgestellt waren.

Ich kam an einer Gruppe von jungen Berbern vorbei, die einen Joint herumreichten. Der Geruch von Marihuana lag in der Luft und erinnerte mich an meine Jugend. Ich war vielleicht sechzehn oder siebzehn Jahre alt, als ich zum ersten Mal in Kontakt mit „Gras“ kam. Es war damals „In“, diese Droge zu konsumieren. Die totale Ablehnung des Establishments war wohl der Grund dafür, sich der Gesellschaft mittels solcher „Realitätsbremsen“ zu entziehen. Wir waren damals wirklich der Meinung, anders zu sein, als die Generation unserer Eltern. Wir hatten den Kopf voller Ideen. Unser Vokabular bestand aus Schlagworten wie: „soziale Gerechtigkeit, Sieg des Proletariats, Emanzipation des Volkes oder ähnliche Begriffe. Unsere Bibel war Rot und ihr Verfasser hieß Mao, der große Vorsitzende.

Die Bewegung der achtundsechziger hinterließ auch bei mir ihre Spuren. Fritz Teufel und Dieter Kunzelmann, die Begründer der Kommune 1.; Ulrich Enzensberger und Rudi Dutschke, Vorbilder, deren Aktionismus mich beeindruckte. Ich wollte damals auch ein solcher Revolutionär sein und die Welt verändern.

Und nun stand ich hier auf einem Pilgerweg, und dachte darüber nach, wie sehr ich doch meine damaligen Prinzipien verraten hatte. Nun gehörte ich zum Establishment.

 

- Ich zitiere einen Satz aus meinen Aufzeichnungen -

 

„Erwachsen sein schmerzt immer dann, wenn man sich daran erinnert, wie viele seiner möglichen Wege man nicht gegangen ist. Trotz alledem steckt immer noch ein Querdenker in mir, er versteckt sich nur hinter der täglichen Verantwortung für viele kleine, scheinbar unwichtige Dinge“.

 

- Zitat Ende -

 

Zurück bei den wartenden Pilgern, öffnete schon kurze Zeit später die Herberge ihre Pforte. Geduldig formierten sich alle zu einer Warteschlange und einer nach dem anderen bekam, nachdem Name, Alter und Startort in eine Liste eingetragen und der Stempel in den Credential gedrückt war, mittels eines kleinen Zettels, auf dem die Raum- und Bettnummer stand, seinen Platz zugewiesen.

Nachdem ich mein Bett hergerichtet hatte und geduscht war, machte ich mich zu einer Stadtbesichtigung auf.

Logroño war eine überraschend mondäne Stadt und mit über 150.000 Einwohnern die Metropole von La Rioja. Großzügige Straßen und Plätze verliehen ihr einen Hauch von Luxus der noch verstärkt wurde durch die hohen, farbkräftigen Häuser in traditioneller Bauweise, die die Innenstadt schmückten. Das urbane Leben der Stadt unterschied sich nicht wesentlich von dem vergleichbarer Städte in Deutschland. Vielleicht ging es ein wenig gemütlicher zu als in unseren Städten. Die Geschäfte waren beliebig und in jeder deutschen Stadt zu finden. Es wunderte mich, dass ich dies bemerkenswert fand. Ich befand mich schließlich mitten in Europa und nicht irgendwo am Ende der Welt.

Trotzdem hatte sich irgendwie meine Wahrnehmung verändert. Die kleinen Orte, die ich bisher auf meinem Weg durchwanderte, hatten alle eins gemeinsam; sie besaßen so gut wie keine Infrastruktur. Keine Geschäfte, keine Industrie, keine Handwerksbetriebe allenfalls Landwirtschaft. Nur in wenigen größeren Orten wie Jaca, Sangüesa, Puente la Reina oder Estella gab es sie in bescheidenem Maße. Was aber viel entscheidender war und dass wurde mir in diesem Moment klar - in diesen kleinen Döfern gab es so gut wie keine Kinder. Und hier in Logroño wimmelte und wuselte es von Kindern auf den Straßen.

Auf dem Plaza Mercado, dem Marktplatz, stand die Kathedrale Santa Maria de la Redonda. Die Barocke dreischiffige Kirche aus dem  Sechzehnten bis Achtzehnten Jahrhundert war auf den Grundmauern einer romanischen Kirche aus dem zwölften Jahrhundert errichtet. Ich musste feststellen, dass die beiden Türme und das Portal mich zwar sehr beeindruckten, das Kirchenschiff jedoch irgendwie nicht so recht zur Fassade passen wollte. Das Gotteshaus erinnerte mich auf eine etwas despektierliche Weise an einen Basset. Das sind jene Hunde, deren großer Kopf und die kurzen Beine in einem unproportionalem Verhältnis zu ihrem überlangen Mittelteil standen.

Nachdem ich noch einige Stunden durch die Stadt gelaufen war, machte ich mich auf den Rückweg zur Herberge. Ich war müde vom Lärm und der Hektik dieser Stadt. Es war im Augenblick nicht meine Welt, die um mich herum pulsierte. Ich sehnte mich nach Ruhe und Einsamkeit. Ich verspürte nicht einmal Hunger oder Durst, ich wollte nur schlafen. So früh war ich noch nie im Bett wie an diesem Abend.

Ich dachte an Sergio. Wo mochte er jetzt sein? Hatte er eine neue Begleitung gefunden oder zog er alleine auf seinem Weg nach Santiago? Wie ging es Ana? Würde ich sie noch einmal wieder sehen? 

Durch die Puerta del Camino verließ ich die Altstadt von Logroño und wanderte vorbei an einer breiten, vierspurigen Straße, durch eine moderne Wohngegend. Es schien so, als wäre die Stadt noch im Schlaf. Die wenigen Menschen auf der Straße sahen eher so aus, als wären sie zufällig und ganz unbeabsichtigt so früh auf den Beinen. Nach etwa einer halben Stunde ließ ich die Stadt hinter mir und folgte dem Camino in Richtung Stadtpark. Auf einem Weg aus feinem, roten Schotter, der sich, gesäumt von Weiden, weitläufig dahin zog, sah es schon ganz anders aus. Als wenn die Stadtbewohner sich hier zu einem Stelldichein versammelt hätten, tummelten sich Jogger zwischen rüstigen Rentnern mit Hunden und netten alten Damen, die ihren Morgenspaziergang zelebrierten. Hier und dort standen Leute zu einem Schwätzchen zusammen und dazwischen immer wieder Pilger, die mit ihren Rucksäcken wie bunte Exoten das Bild abrundeten. Eine Idylle, die es gelohnt hätte, in Öl festgehalten zu werden.

Was beeindruckend war, das war die große Zahl der Pilger, die an diesem Morgen unterwegs waren. Gleichzeitig war das, was ich sah, aber auch für mich ein Warnsignal, welches mir sagte, dass ich in einem großen Strom von Bettsuchenden schwamm. Dem konnte ich nur entgehen, indem ich besonders weit ging und so dem Strom voraneilte oder besonders kurz, so dass ich ihm hinterher schlich. Ich beschloss die Entscheidung darüber zuerst einmal aufzuschieben, bis sich eine Gelegenheit ergab, mir in Ruhe darüber Gedanken zu machen.

Marcelino Lobato Castrillo, ein Name, der perfekt den Geist des Jakobweges veranschaulichte. Gekleidet in der traditionellen Tracht der Pilger, der Concheiro, bestehend aus Mantel, Hut, Tasche, Umhang, Stab, Kalebasse und Rosenkranz, war sein Abbild in jeder Herberge zu finden. Er bezeichnete sich selbst als ein „Handwerker des Gehens“. Menschen wie er waren es, die diesen Pilgerweg zu dem machten, der er heute war; ein internationaler, ökumenischer Wallfahrtsweg, der den Gedanken der friedlichen, freiheitlichen Koexistenz der Menschen auf dieser Welt darstellte. Ein Traum, der hier in voller Blüte stand und alle Lügen strafte, die behaupten, dass der Mensch zu einem solchen Leben nicht geschaffen sei.   

Sein Unterstand tauchte unvermittelt am Ende des Parkes vor mir auf. Er stand hinter einem Tisch, der fast die gesamte Länge der Hütte einnahm und las in einer Zeitung. Sein langer, grauer Bart machte es schwer, sein Alter zu schätzen.

Hier verteilte er täglich an vorbeiziehenden Pilgern Wasser, Brot, Obst und Pilgerstöcke und das alles kostenfrei. Wieder hatte ich das Glück, einer jener leuchtenden Figuren des Caminos zu begegnen, die durch ihr Vorbild dazu beitrugen, eine Idee, einen Gedanken, eine Vision in die Tat umzusetzen. Dieser Mann hatte auf jeden Fall seinen Platz in der Geschichte dieses Weges gefunden. Ich war mir sicher, dass man noch in Jahrhunderten in historischen Beschreibungen des Weges seinen Namen finden würde.

Ein Summen lag in der Luft. Ich kam der Autobahn, von der dieses monotone Geräusch ausging näher und erreichte sie nach kurzer Zeit. Ich wollte meinen Augen nicht trauten. Ein Zaun, der sich so weit ich schauen konnte an dieser Autobahntrasse entlang zog, war mit tausenden von eingeflochtenen Kreuzen versehen. Irgendjemand hatte damit einmal begonnen und einen Raum von meditativer Kraft geschaffen.

Auch ich flocht aus Stielen von Pflanzen, die ich am Wegrand pflückte ein Kreuz, und widmete es meiner Familie. Ein zweites Kreuz hinterließ ich zum Andenken an meinen Freund Manfred.

So saß ich noch eine ganze Weile vor diesem Zaun und ich konnte sehen, dass auch einige andere Pilger es mir gleich taten. Es war wie ein stilles Gebet und ich hatte das Gefühl, dass es mich von einem Teil meiner Last befreite.

Vorbei an den Ruinen des ehemaligen Hospital San Juan de Acre erreichte ich Navarette. Hier entschied ich mich bei einer Tasse Cafe con Leche und einem Croissant heute nur bis Ventosa zu gehen. Damit war die Frage geklärt, wie ich dem Strom der Pilger entgehen konnte. Ich ließ einfach alle an mir vorbei ziehen, da die meisten wohl bis Najera gehen würden, um sich dort das Kloster Santa Maria la Real anzusehen. Außerdem gab es zwei weitere gute Argumente für diese Entscheidung; zum einen waren zwanzig Kilometer ausreichend für heute und zum Anderen die Beschreibung der Herberge in Ventosa viel versprechend.

Nach einer Pause von knapp einer Stunde machte ich mich wieder auf den Weg. Tatsächlich war ich inzwischen fast wieder alleine unterwegs. Meine Rechnung schien aufzugehen.

Der Friedhof von Navarette hielt für mich noch etwas Sehenswertes bereit. Das Portal  und die Fensterfront der Ruine San Juan de Acre, an der ich noch vor gut zwei Stunden vorbeigegangen war, diente hier als Eingang zum Friedhof und schuf einen würdevollen Rahmen für die Toten.

Ich betrat den Friedhof, der im Inneren gesäumt war von Säulenzypressen, die angenehmen Schatten spendeten. Die Ruhe, die hier herrschte, wurde durch dass eintönige Gezirpe von Grashüpfern eher noch verstärkt. Erst allmählich hörte ich auch den Gesang der Vögel, die in den Bäumen um mich herum ihrem geschäftigen Treiben nachgingen.

 

- Ich zitiere aus meinen Aufzeichnungen -

 

Ich gehe durch die Grabreihen und denke darüber nach, ob das alles ist, was von uns bleiben wird. Eine Erinnerung manifestiert in Marmor. Ein Ort, an dem die im Diesseits gebliebenen etwas suchen, was längst nicht mehr da ist. Sind die Erinnerungen an jene Toten nicht sehr viel lebendiger in den Herzen derjenigen, die sie geliebt haben? Wozu dann dieser Ort? Ich möchte nicht begraben werden - eher in alle Winde verstreut, frei sein von Zwängen – von eingezwängt sein.

 

- Zitat Ende -

 

Endlich die Weinberge, die ich für diese Region erwartet hatte, Wohin das Auge reichte Rebstock an Rebstock. Bald schon, an einem großen Weingut vorbei, erreichte ich Ventosa. Ein kleiner Ort von vielleicht einhundertfünfzig Einwohnern, der sich auf der Südseite eines Hügels erstreckt. Vorbei an der oberhalb des Dorfes liegenden Kirche ging ich in den Ort hinein und stand schon nach wenigen Minuten vor der privaten Herberge  San Saturnino. Der Inhaber war der Präsident der Vereinigung der privaten Herbergen in Spanien, so stand es jedenfalls in meinem Reisebegleiter. Das konnte mich auch nicht darüber hinweg trösten, dass dieses Hostal noch geschlossen war, und erst um vierzehn Uhr geöffnet werden würde, so stand es auf einem Hinweisschild neben der Eingangstür zu lesen. Bis dahin hatte ich noch fast zwei Stunden Zeit. Ich suchte mir ein schattiges Plätzchen direkt neben der Herberge, stellte meinen Rucksack an die Hauswand und entledigte mich zuerst meiner Schuhe, die nach wie vor meine Zehen malträtierten. In meinen Latschen fühlte ich mich dann schon wohler. Dann legte ich mich auf den Boden, den Rucksack als Kopfkissen benutzend. Die Straße war menschenleer.

Eine Katze hatte auf der gegenüberliegenden Straßenseite, an einem Zaun liegend, wohl die gleiche Idee. Sie räkelte sich in der Sonne und nahm kaum Notiz von mir.

Es war ein wunderschönes Gefühl, einfach nur Zeit zu haben. Niemand drängte mich zu Irgendetwas.

Und schon wieder flossen Tränen. Jutta, die Hospitalera der Herberge, erzählte mir ihre Geschichte, eine Liebesgeschichte jedoch ohne Happy End.

Sie lebte in Hannover und lernte ihren Freund kennen. Er kam aus Brasilien und studiert an der Leibniz-Universität Agrarwissenschaft. Einige Jahre lebten beide zusammen, bis er sein Studium beendet hatte. Dann musste sie sich entscheiden, ihm in sein Heimatland zu folgen oder die Beziehung abzubrechen. Sie entschloss sich, mit nach Brasilien zu reisen.

Sie schilderte weiter, dass die nun folgenden Jahre die glücklichsten ihres ganzen Lebens waren. Sie wurde von seiner Familie wie eine Tochter aufgenommen und nach fast fünf Jahren, in denen sie sich beide eine Existenz aufgebaut hatten, sollte die Hochzeit sein. Vier Wochen vor dem Termin der Trauung stürzte ihr Freund mit einem Sportflugzeug über einem Waldgebiet ab und verunglückte tödlich.

Der Schmerz über den Tod ihres Freundes, sagte sie, sei so groß gewesen, dass sie nicht hätte weiter leben wollen. Letztlich sei es die Familie ihres Freundes gewesen, die ihr angeraten hätte, den Jakobsweg in Spanien zu gehen um einerseits Abstand von ihrem damaligen Leben zu gewinnen und andererseits Trost in der Besinnung zu suchen. Also wäre sie nach Spanien gereist und seit nunmehr sieben Jahren auf diesem Weg unterwegs. Ihren Lebensunterhalt würde sie sich als Hospitalera verdienen und wenn sie das Gefühl hätte, das ihr die Decke auf den Kopf fallen wolle, würde sie ihren Rucksack packen und weiterwandern. Ich fragte sie, ob sie nicht einsam sei.

„Manchmal“, sagte sie: „überkommt mich dieses Gefühl, vollkommen alleine zu sein. Dann denke ich an meinen Freund und unsere gemeinsame Zeit und ich weiß, dass jemand auf mich wartet. Dann bin ich nicht mehr alleine.“

Ich war blind, doch jetzt kann ich wieder sehen. Dieser Teil des Johannisevangeliums kam mir in den Sinn, als ich vor der Kirche von Ventosa stand. Die Mauern dieses Gebäudes waren genau so zerrissen wie meine Gedanken, die mich marterten. Ich sah immer deutlicher, wie viele Schubladen ich mit auf die Reise genommen hatte. In jeder Schublade lag versteckt ein Teil meines Lebens, das ich bis heute nicht aufgearbeitet hatte.

Ich war blind, weil ich in meinem Leben oft blind sein wollte; weil ich nicht sehen wollte, dass das, was ich machte nicht in Ordnung war. Ich war blind weil es einfacher war, sich blind zu stellen, anstatt sich mit der Wahrheit auseinander zu setzen. Ich war blind, weil es billig war, ein Leben ohne echte Anteilnahme zu führen.

Nun kam alles an die Oberfläche, breitete sich aus und zerrte an meinem Gewissen, das sich betrogen fühlte.

Ein Drittel des Weges benötigte man, sich von allem zu befreien; ein Drittel, seine Seele zu finden und das letzte Drittel, seine Zukunft neu zu definieren.

Das erste Drittel hatte gerade erst begonnen und ich konnte nicht absehen, was noch alles in meinem Inneren auf mich warten würde, bevor ich wirklich sehen konnte.

Es war Fünf Uhr Dreißig, als ich mit meinem Rucksack wieder auf dem Camino war. Es war noch stockdunkel und die wenigen Laternen warfen ihr Licht wie Inseln auf die Straße. Um jeden Lärm zu vermeiden und niemanden in seinem Schlaf zu stören, hielt ich meine Stöcke in der Hand und setzte meine Füße so vorsichtig wie möglich auf das Pflaster. Doch mein Versuch, unbemerkt zu bleiben, war vergeblich. Schon nach ein paar Schritten schlugen die ersten Hunde an und verwandelten das Dorf nach kurzer Zeit in ein Tollhaus. Von überall her meldete sich wütendes Gebell. Ich war froh, als ich die Grenzen des Dorfes passiert hatte, fand mich aber dem nächsten Dilemma gegenüber. Es war tiefschwarze Nacht, keine Laternen mehr, noch keine Morgendämmerung, einfach kein Licht. Also benutzte ich die Kopflampe, damit ich zumindest zwei oder drei Meter vor mir den Weg beleuchten konnte.

Meine Rechnung war im Übrigen aufgegangen. In der vergangenen Nacht hatten nicht mehr als sieben oder acht Pilger in der Herberge übernachtet. Das hieß, dass die meisten der vielen Pilger mich überholt, und im nächsten Ort die Nacht verbrachten hatten.

Vorbei an vielen Steinmännchen, die von eifrigen Pilgern aufgestellt worden waren, nahm die Sicht dank der beginnenden Morgenröte stetig zu. Bald schon stieg die Sonne über der Hügellandschaft auf. Die Reben der Weinfelder warfen einen langen Schatten auf den Boden. Alles auf dem Weg erschien mir jetzt unwirklich. Ich ging ihn ohne an sein Ende zu denken, einfach drauf los, den Pfeilen folgend. Ich atmete die Landschaft, die Menschen und das Leben. Eine tiefe Kraft hatte mich erfasst und brachte mich voran. Mein Leben könnte in diesem Moment so weiter fließen, ohne Ziel und Gedanken an Gestern oder Morgen. Alles trat in den Hintergrund und wurde unwichtig. Heute hatte ich ein ganz anderes Gefühl als Gestern, viel positiver, viel hoffnungsvoller, ich war wie ausgewechselt.

Ein Steinbau in Form eines riesigen Bienenkorbes stand auf einer Anhöhe am Rand eines Kliffs. Als ich im einzigen Zugang dieser Steinhütte stand, warf mein Körper einen grotesken Schatten auf den Boden und auf die gegenüber liegende Wand. Ich stand einem Riesen gegenüber der dem aus der Geschichte, die ich gelesen hatte, nicht unähnlich war. In dieser Geschichte ging es um den Riesen Feracut, einem syrischen Feldherrn, der den Sarazenen mit seinem Heer zur Hilfe geeilt war. Hier, kurz vor Najera, kam es zu einem Zweikampf von Feracut mit dem französischen Ritter Roland, einem der zwölf Paladine des späteren Kaisers Karl des Großen. Der Riese, er soll 10 Fuß hoch gewesen sein, hatte schon viele edle Ritter besiegt und als Gefangene in die Stadt Najera geschleppt. Voller Ingrimm tobte der Zweikampf tagelang bis es Roland gelang, Feracut mit seinem Schwert Durindart zu bezwingen und ihn schwer zu verwunden. Die Sarazenen trugen ihren Helden, gefolgt von dem Christenheer, in die Stadt hinein. Dort erkannte Feracut den Sieg der Christen an und übergab die Stadt kampflos. Roland selbst fiel am 15. August 778 mit tausend seiner Gefolgsleute in der Nähe von Saragossa durch Verrat – so die Geschichte.

 

Staub, Schlamm, Sonne und Regen,

das ist der Weg nach Santiago.

Tausende von Pilgern

und mehr als tausend Jahre.

 

Wer ruft dich Pilger?

Welche geheime Macht lockt dich an?

Weder ist es der Sternenhimmel,

noch sind es die großen Kathedralen,

 

weder die Tapferkeit Navarras,

noch der Rioja-Wein,

nicht die Meeresfrüchte Galiziens

und auch nicht die Felder Kastiliens.

 

Pilger, wer ruft dich?

Welch geheime Macht lockt dich an?

Weder sind es die Leute unterwegs

noch sind es die ländlichen Traditionen

 

weder Kultur und Geschichte

noch der Hahn Santo Domingos

nicht der Palast von Gaudi

und auch nicht das Schloß Ponferradas.

 

All dies sehe ich im Vorbeigehen

und dies zu sehen ist Genuß

doch die Stimme, die mich ruft

fühle ich viel tiefer in mir.

 

Die Kraft, die mich vorantreibt.

Die Macht, die mich anlockt

auch ich kann sie mir nicht erklären.

Dies kann allein nur Er dort oben! (E.G.B.) Najera

 

Dieses Gebet stand, kurz bevor ich Nájera erreichte, auf einer großen Mauer eines Industriegebietes, die aus einzelnen Betonplatten bestand. Ich bewunderte den Verfasser dieser Verse, der es verstanden hatte, alles auf einen Punkt zu bringen. Diese geheime Macht, von der in diesem Gebet die Rede war, hatte mich schon längst erfasst. Sie trieb mich voran und mit jedem Schritt, den ich tat, kam ich meinem Ziel näher. Wenn ich auch wirklich meine Zweifel hatte, jemals Santiago zu erreichen, so war von ihnen nichts mehr übrig geblieben, im Gegenteil, nun war ich mir sicher, ich würde Santiago erreichen.

Nájera präsentierte sich in landschaftlich besonders schöner Lage. Auf der südöstlichen Seite wurde der Ort von einem kleinen Fluss, dem Najerillo und auf der nord-westlichen Seite von einem Steilhang aus rotem Sandstein begrenzt, der sicher mehr als fünfzig Meter hoch war. Daher auch der Name der kleinen Stadt, der aus dem arabischen kam und soviel hieß wie „Ort zwi-schen den Felsen“.

Wie an vielen anderen Orten am Camino, rankte auch hier eine nette Geschichte um die Gründung des Klosters Santa Maria la Real in Nájera.

König Garcia III., war mit einer Gesellschaft in der Nähe von Nájera auf der Jagd. Als vor ihm ein Rebhuhn aufflog, ließ er seinen Falken frei, damit dieser die Beute schlagen konnte. Der Falke folgte dem Huhn doch verschwanden beide in einem  Wald nahe einer Felswand. Als der Falke auch nach längerem warten und rufen nicht zurückkehrte, machte sich die gesamte Jagdgesellschaft auf die Suche nach dem wertvollen Vogel. Schließlich fand man beide, den Falken und das Rebhuhn, in einer Grotte friedlich nebeneinander vor einer Madonnenstatue sitzend, wieder. Aufgrund dieses Marienwunders wurde an dieser Stelle eben jenes Kloster gestiftet, das später Bischofssitz und Königsgrabstätte wurde.

Durch einen stechenden Schmerz in meiner rechten Wade, wurde ich darauf aufmerksam gemacht, dass ich meinen Körper wieder einmal überlastete. Kein Tag ohne Schmerzen. Es wird wohl so sein wie Felicitas sagte: „Tröste dich, dein Schmerz wird dich bis Santiago begleiten!“ Ich ging etwas langsamer, und erreichte schließlich Azofra.

Die Herberge blieb mir in keiner guten Erinnernung. Es war die Art der  Unterbringung, die mir nicht zusagte. Die Schlafzellen waren mit je zwei Betten von sechzig Zentimeter Breite ausgestattet und nicht größer als eine Hundebox. Zudem schnarchte mein Zimmergenosse derart laut, dass an Schlaf nur im Entferntesten zu denken war. Entsprechend gerädert stand ich morgens bereits um fünf Uhr Früh auf dem Camino.

Wieder war die Kopflampe mein Licht in der Dunkelheit. Ihr Strahl durchschnitt die Schwärze wie ein Fingerzeig, wie ein Richtungsweiser.

Dem Lichte folgen - ins Licht gehen. Jesus sprach auch von einem Licht, in das wir eintauchen, wenn wir uns auf Gott einlassen. Ich war noch nicht so weit, mich darauf einzulassen.

Wie auf Zuruf schälte sich kurze Zeit später aus dem Zwielicht der Morgendämmerung eine jener Gerichtssäulen heraus, an denen im Mittelalter der Landvogt oder sogar der Fürst Recht sprach. All diejenigen, die anderen ein Unrecht zugefügt hatten, wurden hier abgeurteilt und mit oftmals drastischen Strafen bedacht.

Auf dem Sockel der Säule stand ein Paar Schuhe. Zurückgelassen weil sie nicht mehr taugten, den Pilger, der in ihnen steckte, zu tragen. Wie von selbst drängte sich mir die Frage auf, wie weit diese Schuhe wohl ihren Besitzer getragen hatten.

Wieder faszinierte mich die Landschaft. Das frische Grün der Getreidefelder und das intensive Rot der Mohnblumen mischten sich zu einem Fest der Sinne. Dazwischen zeigte sich das zarte Blau der Kornblumen, die hier noch in großer Zahl wuchsen. Ein Ort zum Verweilen. Ich setzte mich eine Zeitlang, abseits des Weges, ins weiche Gras und frühstückte ausgiebig. Brot und Käse, dazu das schmackhafte Wasser einer Quelle – was brauchte ich mehr, um diesen Augenblick zu genießen?

Vor mir lag Santo Domingo de la Calzada. In dieser kleinen Stadt trug sich folgendes zu:

Ein Ehepaar war mit ihrem Sohn auf Pilgerfahrt und übernachtete in einem Wirtshaus in Santo Domingo. Die Wirtstochter verliebte sich in den Sohn, aber der wollte nichts von ihr wissen und zog am nächsten Tag mit seinen Eltern weiter. Das beleidigte Mädchen hatte aus Rache heimlich einen silbernen Becher in das Gepäck des Jungen gesteckt und zeigte ihn des Diebstahls an. Der Becher wurde entdeckt und der Junge zum Tod durch Erhängen verurteilt. Als die Eltern nach Vollstreckung der Todesstrafe noch einmal zu dem Baum gingen, an dem ihr Sohn hing, stellten sie überrascht fest, dass der Junge lebend am Galgen hing denn Santo Domingo stützte ihn an den Beinen. Das Ehepaar begab  sich also zum Richter, um ihm von dem Wunder zu berichten, das ja die Unschuld ihres Sohnes bewies. Der Richter saß gerade am Mittagstisch und sagte, dass der Junge so lebendig sei, wie die zwei Hühnchen, die er gerade verspeisen wollte. Daraufhin flogen die beiden Tiere durchs offene Fenster davon.

Seit dieser Zeit werden in der Kathedrale ein weißer Hahn und eine weiße Henne in einem Käfig gehalten. Es heißt, dass das Krähen des Hahnes Glück demjenigen bringt, der es während des Kirchenbesuches hört.

Als ich das Gotteshaus betrat, standen bereits zwei Pilger vor dem Käfig. Ihr Blick war auf die Hühner gerichtet und ich konnte die Spannung spüren, mit der die Beiden darauf warteten, dass der Hahn endlich krähen würde. Ich begrüßte beide mit einem Buenos Dias und stellte mich zu ihnen. Dann tat der Hahn genau das, was man von ihm erwartet hatte – er krähte. Nicht nur einmal - nein - gleich dreimal ertönte seine Stimme.

 

Was nun geschah, ließ mich die vollkommene Verbundenheit der Pilger untereinander spüren. Wir umarmten uns jubelnd alle drei, als wäre in diesem Moment etwas Unglaubliches passiert, dabei hatte doch nur ein Hahn gekräht. Ein Franzose, ein Koreaner und ein Deutscher lagen sich in den Armen und freuten sich wie die Schneekönige. Wieder einmal erlebte ich, das Men-schen, egal welcher Nationaliät, Hautfarbe oder Religion aufeinander zugingen. Keinerlei Ressentiments störten ihren inneren Frieden. Der gemeinsame Weg war die Kraft, die alle Grenzen überwandt.

Ich überquerte den Rio Ojo und wanderte weiter in Richtung Grañon. Der Name des kleinen Ortes stand für das besondere Erleben gemeinsamen Handelns. Ich war schon gespannt darauf, den „Geist von Grañon“ zu erleben. Nach siebeneinhalb Kilometern war es dann soweit. Ich sah den Kirchturm von Grañon vor mir auftauchen. Auch er hatte, ähnlich wie der in Santo Domingo, als Spitze eine achteckige Laterne, wenn auch nicht annähernd so schön verziert. Die Herberge befand sich in der Kirche, oberhalb des Deckengewölbes. Eine schmale Treppe führte von der Südseite des Kirchenschiffes hinauf zu den Räumen. Anita, eine italiensche Hospitalera, empfing mich freundlich. Sie sprach ein gutes Deutsch. Es wunderte mich schon gar nicht mehr, dass ich in meiner Muttersprache angesprochen wurde. Viele der Hospitaleros hatten allem Anschein nach eine besondere Sprachbegabung, nicht selten sprachen sie drei oder vier, manche sogar fünf Sprachen. Ich beneidete sie dafür denn oftmals hätte ich mich gerne mit interessanten Menschen unterhalten, doch immer wieder hinderte mich die Sprachbarriere daran.

Nachdem ich mich ins Pilgerbuch eingetragen hatte, zeigte sie mir die Herberge. Im unteren Bereich befanden sich die sanitären Einrichtungen, die Küche und der Aufenthaltsraum, von dem aus eine Treppe hinauf zum Schlafbereich führte. Hier lagen, verteilt auf dem Fußboden des Raumes, einfache Matratzen, die mit einem braunen Kunststoffbezug überzogen waren. Nach der kurzen Führung durch die Herberge, ließ mich Anita in Ruhe. Sie meinte, ich sollte doch zuerst einmal ankommen. Nach der Dusche fühlte ich mich als neuer Mensch. Inzwischen trafen immer wieder andere Pilger ein und auch sie führte Anita mit der gleichen Freundlichkeit und Geduld durch die Herberge, wie zuvor mich.

Ich nutzte die Zeit bis zum Treffen im Gemeinschaftsraum, auf das mich Anita hingewiesen hatte, und besichtigte die Kirche. Der sicherlich einstmalige romanische Bau, war in einem katastrophalen Zustand. Der Schmutz in der Kirche war unbeschreiblich, stammte aber von den vielen Baustellen, die sich über den Raum verteilten. Überall wurde gewerkelt und renoviert. Die Apsis, die den Altarraum beherbergte, war offensichtlich gotischer Architektur, doch wurde die Rückseite fast ganz von einer barocken Retabel bedeckt, die bis unter die Decke reichte. Überfüllt mit den von Gold überzogenen Figurnischen, wurden hier Bibelgeschichten dargestellt. Der Boden bestand aus breiten Holzdielen, denen man ansah, das sie nicht erst seit gestern hier lagen. Trotz dieses Sammelsuriums an Stilrichtungen, vermittelte der Kirchenraum einen tiefen Frieden, der noch dadurch verstärkt wurde, dass das wenige Licht, das durch die Eingangtüre und dem einzigen, dem Altar gegenüberliegenden, Fenster fiel, den Raum in ein Zwielicht tauchte. 

Wieder zurück in der Herberge begannen die Vorbereitungen für das gemeinsame Abendessen. Jeder der Anwesenden bekam eine Aufgabe zugewiesen, die er, zusammen mit anderen, erledigen sollte. Gemeinsam mit zwei Französinnen bekam ich die Aufgabe, Eier zu schälen und den Salat herzurichten. Die Eier schnitten wir in Scheiben, die Salatblätter pflückten wir in mundgerechte Stücke und wuschen sie. Die beiden jungen Mädchen hatten viel Spaß damit, dass ich jede Frage von ihnen mit „pourquoi“, „warum?“ beantwortete. Das war so ziemlich das einzige Wort, das ich außer ja, nein, danke und bitte in der französischen Sprache kannte. Es machte mir Vergnügen, an diesem späten Nachmittag den Clown zu spielen und ich hatte dabei  nie das Gefühl, ausgelacht zu werden. Es war einfach nur schön, wieder einmal richtig befreiend zu lachen.    

Andere waren beschäftigt damit, die Saucen vorzubereiten, wieder andere schälten Kartoffel oder Möhren oder brieten Fleisch. Eine weitere Gruppe stellte Tische zu einer großen Tafel zusammen und deckte den Abendtisch. Das rege Treiben um mich herum war ansteckend und inspirierend. Als dann endlich das Essen auf den Tisch gestellt wurde und alle ihren Platz gefunden hatten, forderte uns Anita auf, dem Nachbarn die Hand zu reichen, so dass ein Kreis entstand. Dann sprach sie ein kurzes Dankgebet in den Sprachen der Pereginos an diesem Tisch.

Nun konnte ich mir etwas vorstellen unter dem „Geist von Grañon“. Dieses Gefühl der Gemeinschaft, dieses sich aufgehoben fühlen in einer Gruppe von Menschen, deren Sprachen nicht unterschiedlicher sein konnten, deren Herzen aber im Gleichtakt schlugen. 

Am nächsten Morgen weckte uns Anita um sieben Uhr. So spät war ich noch nie aufgestanden aber die Philosophie des Hauses war, das der Tag in Ruhe beginnen sollte. So gab es dann auch erst um acht Uhr das gemeinsame Frühstück.

Es war bereits neun Uhr dreißig, als ich mich wieder auf den Weg machte. Die Sonne stand schon hoch am Himmel und verschenkte ihre Wärme. Ein leichter, kühler Wind wehte mir ins Gesicht und mit dem Schatten vor mir war ich sicher, das ich auf dem Weg nach Westen war, wo in der Ferne der heilige Jakobus auf mich wartete. Kurz hinter Grañon verließ ich Rioja und betrat Kastilien, die vierte Provinz, die ich durchwandern würde.

Nachdem ich Castildelgado passiert hatte, folgte der Camino einer schmalen, asphaltierten Straße. An einem Abzweig war der Weg durch einen Baustellenzaun versperrt und mit einem Durchfahrverbot gekennzeichnet. Ich konnte die Absperrung allerdings ohne Schwierigkeiten umgehen, denn die Markierung des Weges durch einen Flecha amarilla, einem gelben Pfeil,  führte mich genau in Richtung der Straße, die von diesem Verbot betroffen war. Anfangs fragte ich mich, wieso diese Straße gesperrt war, denn selbst nach mehreren Hundert Metern war kein Grund dafür zu erkennen.

Ein Mountainbiker fuhr mit einem hohen Tempo an mir vorbei. Ich dachte noch, dass er das Durchfahrverbot auch nicht beachtet hätte. Dann verschwand er auch schon hinter der nächsten Kurve aus meinem Blickfeld. Sofort, als ich ebenfalls die Biegung passierte, sah ich, warum die Straße gesperrt war. Auf einer Länge von gut zwanzig Metern war der Asphalt auf der rechten Seite des abschüssigen Weges um einen halben Meter abgesackt. Dabei hatten sich tiefe Risse gebildet. Allem Anschein nach war der Radfahrer genau in einen dieser Risse mit dem Vorderrad hinein gefahren und  hatte sich dabei überschlagen. Das Fahrrad lag mit verbogener Felge am Feldrain und der Biker lief mit schmerzverzerrtem Gesicht auf und ab. Dabei hielt er sich den rechten Arm. In der Zwischenzeit waren auch schon seine Kumpel herangeradelt und umstanden mit ratlosen Gesichtern ihren Mitfahrer. Als ich an der Unfallstelle vorbeiging, konnte ich einen Blick auf den Arm des Verletzten werfen. Das was ich sah, ließ nichts Gutes erkennen. Der Oberarm war seltsam verbogen und ließ auf einen Bruch schließen. Das war wohl das Ende seines Weges nach Santiago. Er tat mir leid, wurde doch sein Vorhaben durch so einen dummen Unfall zunichte gemacht.

Eine ganze Zeit lang ließ mich der Gedanke an den Radfahrer nicht los. Ich sah immer noch den gebrochenen Oberarm und das schmerzverzerrte Gesicht vor mir.

Erst als ich Belorado erreichte wurde ich abgelenkt von etwas, das ich bisher noch nicht beobachten konnte. Mindestens ein Dutzend Störche belagerten eine Kirchturmfassade. Diese schönen Vögel standen in ihren Nestern, die überall auf dem Glockenturm verteilt waren. So viele Störche hatte ich noch nie auf einem Fleck gesehen. Das Geklapper ihrer Schnäbel war deutlich zu hören und beim Näher kommen sah ich, dass es meist Jungvögel waren. Ich war begeistert.

Nachdem ich eine Weile das Treiben beobachtet hatte, machte ich mich wieder auf den Weg und folgte, nachdem ich den Rio Tirón überquert hatte, einem grünen Tal, das mich nach weiteren vier Kilometern nach Tosantos brachte.

Ein gelb getünchtes Fachwerkhaus war mein heutiges Ziel. In meinem Reisebegleiter war vermerkt, das der „großherzig sorgende Herbergsvater“ abendlich im hauseigenen Meditationsraum Taizé-Andachten anbieten würde. Außerdem würde in dieser Herberge zu allen möglichen Gelegenheiten gesungen. Das war ein Grund für mich, diese Herberge unbedingt kennen zu lernen.

Als ich das Haus betrat, war kein Mensch zu sehen, erst nachdem ich ein paar Mal gerufen hatte, hörte ich jemanden eine Treppe herab steigen. Ein Mann im Alter von vielleicht vierzig Jahren kam mir entgegen und begrüßte mich, nahm mir den Rucksack vom Rücken und führte mich in einen kleinen Raum direkt am Eingang. Er hieß Detlef und kam aus Berlin. Für ein paar Wochen machte er hier Herbergsdienst. So saßen wir eine ganze Zeit zusammen und erzählten über den Weg, den er auch schon ein paar Mal gegangen war.  So erfuhr ich auch, dass er Polizist war, und diese Wochen dazu nutze, seine Erlebnisse während der Dienstzeit zu verarbeiten.

Dann forderte er mich auf, ihm in die Küche zu folgen, dort gäbe es noch etwas zu essen. Hier begegnete ich zum ersten Mal José Luis, dem singenden Hospitalero. Ein Mann im Alter von etwa fünfundsechzig Jahren mit Stirnglatze. Seine Ausstrahlung war ruhig und freundlich. Er bot mir einen Teller an und forderte mich auf, mir aus der Schüssel, die noch auf dem Tisch stand, Salat zu nehmen. Dazu gab es ein Stück Tortilla. Detlef schob mir einen Salzstreuer zu und meinte, dass das Essen ungesalzen wäre, weil José-Luis eine Herzerkrankung hätte und ihm der Arzt nur salzfreie Kost gestatten würde.

Während ich noch beim Essen saß, erreichten auch andere Pilger die Herberge. Ohne sie zu sehen, erkannte ich an ihren Stimmen, dass es sich nur um Manuel und seine Freunde handeln konnte. Die vier waren schon seit Frankreich zusammen. Ein großes Hallo folgte, als sie ebenfalls in die Küche kamen.

Doch wie freute ich mich, dass plötzlich Ana in der Tür stand. Mit ihr hatte ich nun wirklich nicht gerechnet. Sie erzählte mir auf meine Frage, dass sie ihren Freund in Logroño tatsächlich gefunden hätte und dass er, ihr zu Ehren, eine kleine Party organisiert hätte.

Am späten Nachmittag waren wir dann zu insgesamt acht Pilgern, die an diesem Tag in Tosantos übernachten würden. Wie in Grañon, wurde auch hier gemeinsam das Essen bereitet. José-Luis hatte die Zutaten für eine Paella eingekauft, die dann nach und nach, in einer großen Pfanne unter ständigem rühren, verarbeitet wurden. Das Kochen wurde untermalt von dem Gesang José Luis, der wirklich über eine schöne, sanfte Stimme verfügte und Taizé-Lieder zum Besten gab.

Dann war es soweit, der Tisch war gedeckt und alle trafen zusammen, dass gemeinsame Mahl einzunehmen. Gebete und Lieder bildeten den Rahmen für ein harmonisches Abendessen. Nach dem Essen wurde gemeinsam gespült und aufgeräumt. Als wir die Arbeit erledigt hatten, lud uns José Luis zur Meditation ein. Alle nahmen die Einladung an.

Wir betraten einen kleinen Raum im Dachgeschoss der Herberge, der Meditationszwecken diente. Auf der rechten Seite des Raumes befand sich eine Sitzbank, die von Wand zu Wand reichte. Die Balkendecke war sehr niedrig und das Gefach, genau so wie die Wände, weiß getüncht. In der gegenüberliegenden Raumecke war ein kleiner Altar aufgebaut, vor dem sieben kleine gläserne Schatullen in Form eines Kreuzes aufgebaut waren. In den Schatullen waren Zettel zu erkennen, auf denen etwas geschrieben stand. Wir nahmen alle Platz auf der Sitzbank und José Luis begann die Meditation mit einem Lied aus Taizé. Nachdem er uns gefragt hatte, welcher Nationalität wir alle waren, verteilte er kleine Hefte in den entsprechenden Sprachen an die Teilnehmer. Jeder las einen der Texte in seiner Sprache. Nach weiteren Liedern folgte eine Zeit der Stille, in der sich jeder auf sein Innerstes konzentrieren konnte. In meinen Gedanken floss der Tag noch einmal an mir vorüber. Welche Freude hatte ich empfunden, ihn mit den anderen zu teilen.

Dann nahm José-Luis einen dieser gläsernen Schatullen auf, und forderte die Spanier unter den Pilgern auf, sich je einen beliebigen Zettel daraus zu nehmen. Danach nahm er ein anders Kästchen, und forderte alle deutschsprachigen Pilger auf, sich ebenfalls einen Zettel herauszunehmen. Als so alle Anwesenden einen Zettel in ihrer Sprache in Händen hielten, forderte er den ersten auf, seinen Text vorzulesen.

Was dann geschah, kam vollkommen unerwartet und traf mich unvorbereitet. Ich hielt den Zettel in meiner Hand und las die zwei Zeilen. Wie bei einer Zeitreise wurde ich von einem Moment zum anderen um mehr als dreißig Jahre in die Vergangenheit katapultiert, in eine Zeit, in der meine Frau mit unserem zweiten Kind schwanger war. Wie freuten wir uns auf dieses neue Wesen. Eine Fehlgeburt ließ den Traum von diesem Kind wie eine Seifenblase zerplatzen.

Die Emotion, die mich erfasste, war so stark, dass ich in einen Weinkrampf fiel. Alles um mich herum versank in Schmerz und Tränen.

Obwohl ich den Text auf diesem Zettel nur ein einziges Mal lesen konnte, brannte er sich wie ein Feuermal in meine Seele ein.

 

„Für mein Kind das nicht leben wollte; möge Gott ihm ein weiches Ruhekissen bereiten“

 

Die Reaktion auf diesen Text ließ mich klar erkennen, dass ich zu keinem Zeitpunkt der darauf folgenden Jahre, auch nur ansatzweise, die Notwendigkeit gesehen hätte, das Geschehene aufzuarbeiten. Wieder war eine jener Schubladen ein probates Mittel, alles, was mich an dieses Kind erinnert hätte, in ihr zu verstecken. Nur keine Schwäche zeigen, nur nicht zeigen, dass mich der Verlust tief getroffen hatte. Einfach nur Ausblenden - darin war ich groß. Doch nun hatte sich mit diesem Satz jene Schublade geöffnet.

Als ich aus diesem Alptraum erwachte, standen alle anderen um mich herum und weinten mit mir. Selbst über die Wangen von José-Luis sah ich Tränen fließen. Eine tiefe Vertrautheit breitete sich über uns aus wie ein Schild.

Ich war mir sicher, dass dieser Augenblick in den Herzen aller seinen Platz gefunden hatte.

Obwohl normalerweise die Bettruhe für zweiundzwanzig Uhr vorgegeben war, saßen wir alle in dieser Nacht noch bis früh in den Morgen auf dem Bürgersteig vor der Herberge, sangen miteinander und erzählten uns Geschichten.

José Luis, der singende Hospitalero; Gerhard, der Pilger aus Frankreich; Beate, die Studentin aus Madrid; Jeanin und Bianca, die beiden Freundinnen aus Ulm; Albert, der Arbeitssuchende aus Augsburg; Manuel, der Aussteiger aus München; Detlef, der Polizist aus Berlin und Ana, die Baskin aus Vitoria. Sie alle schenkten mir mit ihrem Mitgefühl ein Stück ihrer Kraft für meinen weiteren Weg nach Santiago de Compostela.

 

Streckenübersicht Teil II:

 

Lorca

    Estella

Villamayor de Monjardin   18,5 Km

    Los Arcos

    Sansol

Torres del Rio                           20,9 Km

    Viana

Lorgroño                                    21,0 Km

   Navarette

Ventosa                                      20,3 Km

    Najera

Azofra                                         16,7 Km

    Cirueña

    Santo Domingo de la Calzada

Grañón                                       23,0 Km

    Viloria

    Villamajor

    Belorado

Tosantos                                    21,0 Km