1. Auflage 2012

 

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Umschlagsgestaltung und Fotos: Hans Dieter Ludwig

 

 

 

Hans Dieter Ludwig

 

 

 

Mein Weg nach

 

Santiago de Compostela

 

 

 

 

 

 Zusammenfassung der Vortragsreihe

 

 

 

Camino de Santiago

 

Vortragsreihe über den

 

Jakobsweg

 

Teil I

 

Zwischen Somport und Lorca

 

von

 

Hans Dieter Ludwig

 

 

„Europa ist auf der Pilgerschaft geboren und das Christentum ist seine gemeinsame Sprache.“

 

    Diesen Satz soll kein geringerer als Johann Wolfgang von Goethe ausgesprochen haben.

 

Ich begrüße Sie herzlich am heutigen Morgen zu meinem Vortrag über den Jakobsweg - zumindest einem Teil davon, denn es ist mir unmöglich, in einer Stunde einen Weg zu beschreiben, der so viele Dinge in mir bewegt hat.

Zunächst möchte ich Ihnen jedoch ein wenig über das Werden und Wachsen des Jakobsweges vermitteln. Zusammen mit seinem Bruder Johannes gehörte Jakobus der Ältere, neben Andreas und Simon Petrus, zu den erstberufenen Jüngern. Diese Jünger nahmen eine besondere Stellung im Kreis der Apostel ein, weil Jesus sie an bedeutenden Ereignissen seines Lebens teilhaben ließ. Jakobus und Johannes erhielten von Jesus den aramäischen Beinamen „Boanerges“ was soviel wie Donnersöhne bedeutete und einen Bezug zu der ungestümen Wesensart der Beiden hatte.  Jakobus wurde nach Quellen der Apostelgeschichte unter der Herrschaft von Herodes Argippa I. im Jahr 43 mit dem Schwert hingerichtet.

Zuvor soll er in Spanien, allerdings ohne großen Erfolg, missioniert und gepredigt haben. Es gibt viele Sagen, die darüber berichten, doch gibt es historisch gesehen dafür keinen Beleg.

So wird in einer dieser Legenden behauptet, dass er mutlos und verzweifelt am Ufer des Ebros, in der Nähe des heutigen Saragossa, gesessen sei und den Entschluss gefasst haben soll,  seine Mission aufzugeben. Dort soll ihm die Gottesmutter auf einer Säule erschienen sein und ihm Mut zugesprochen haben.

Eine andere Sage berichtet, dass er in Muxia verzweifelt am Ufer des Atlantiks stand, und mit seinem Schicksal haderte, das ihm nicht den gewünschten Missionserfolg bescherte. Die Gottesmutter erschien ihm auf einer steinernen Barke. Maria sprach ihm auch hier Trost zu und bestärkte ihn in seinem Bemühen. Danach löste sich die Gestalt der Gottesmutter im Nebel auf und  die Barke zerschellte am Ufer. Heck, Bug und Ruder des Bootes verwandelten sich zu drei riesigen Steinen, die man noch heute dort entdecken kann.

Eine Schrift aus dem 6. Jahrhundert behauptet, dass er in Spanien und in einigen Westlichen Orten gepredigt hätte. Diese Idee wurde im späten 8. Jahrhundert von verschiedenen Autoren wieder aufgegriffen.

Nach einer weiteren Legende, die wichtig für Santiago de Compostela ist, wurde der Leichnam des Jakobus nach seiner Enthauptung von seinen Jüngern Theodorus und Atanasius in ein Boot gelegt, mit dem sie dann nach langer Irrfahrt an den Küsten von Galizien, in Padrón,  im Nordwesten von Spanien, anlandeten. Seine Jünger setzten ihn im Landesinneren bei. Jedoch geriet das Grab sehr schnell in Vergessenheit.

Erst in Urkunden aus dem 9. Jahrhundert wird überhaupt von einem Grab gesprochen, das von König Alfons II. von Kastilien und Leon zwischen 818 und 834 wiederentdeckt worden sein soll. Dies wird allerdings von der Forschung als nicht glaubwürdig betrachtet.

Anfangs des 4. Jahrhunderts erwähnte der Kirchenhistoriker Eusebius von Cäsarea, mit Bezugnahme auf Klemens von Alexandrien, zum ersten Mal eine Bekehrungsgeschichte im Zusammenhang mit der Enthauptung Jakobus des Älteren.

Ende des 4. Jahrhunderts liefert Gregor von Nazians eine theologische Begründung für die Verehrung von Reliquien.

Am Anfang des 5. Jahrhunderts verwendet der Kirchenvater Aurelius Augustinus den Begriff „Peregrinus“ das heißt ansässiger Fremder für das auf Gott gerichtete Christenleben in der Welt.

Erst im 7. Jhd. berichtet eine lateinische Übersetzung griechischer Apostelakten von einer Missionstätigkeit des Apostels in Spanien.

Ab dem Jahr 711 begann die Eroberung der iberischen Halbinsel durch die Muslime die bis etwa 719 fast die gesamte iberische Halbinsel eingenommen hatten. Ab 718 etwa begann der Aufstand gegen die Besetzer die schließlich am 2. Januar 1492 von den Heeren von Ferdinand II. und Isabella I. zur Kapitulation gezwungen wurden. 

Bereits im Jahre 778 wurde das Grab des Apostels angeblich von dem fränkischen König und späteren Kaiser Karl dem Großen befreit. Er soll auch der Legende nach, der erste Pilger am Grab des Jakobus gewesen sein. So ranken sich viele dubiose Geschichten um die letzte Ruhestatt des Apostels.

Gesichert ist, dass nach der Entdeckung des Grabes die ersten Pilgerfahrten zum Apostel über den Camino Primitivo begannen. Der Wortstamm für primitivo stammt von „Primero“ was „der Erste“ bedeutet. Da fast ganz Spanien von den Mauren besetzt war, mussten die Pilger, meist Adelige und reiche Kaufleute, mit dem Schiff die noch nicht besetzte Nordküste Spaniens ansteuern, und von Oviedo aus über Lugo nach Santiago reisen.

Nachdem im Jahr 930 die Mauren aus Nordspanien vertrieben wurden, befand sich das Gebiet, durch das der heutige  Camino Francés läuft, in christlicher Hand. Nun konnten auch andere Pilger vom europäischen Festland aus Santiago de Compostela erreichen. Ab diesem Jahr sind erste Belege von Pilgerfahrten nach Santiago hinterlegt. Im Markusmirakel der Abtei Reichenau werden die ersten Pilger außerhalb der iberischen Halbinsel erwähnt. Die Jakobswege entstanden.

In Santiago wurde über dem Grab zuerst eine Kapelle, später eine Kirche errichtet. Schließlich wurde zwischen den Jahren 1075 bis 1078  unter Bischof Diego I. mit dem Neubau der Kathedrale von Santiago de Compostela begonnen, um die sich dann der Pilgerkult entwickeln konnte.

Sicher ist, dass die Kirche und der heilige Stuhl sowie die weltlichen Fürsten und Könige sich den Namen des Heiligen zunutze machten, um die Reconquista – die Rückeroberung Spaniens für das Christentum voranzutreiben.

Seit dem späten 9. Jahrhundert wurde dem Apostel, der sich zwischenzeitlich zum Nationalheiligen entwickelt hatte, zunehmend eine militärische Funktion zugeschrieben die sich dann in der Schlacht von Clavijo so zuspitzte, das Jakobus, der bei dieser Schlacht auf Seiten der Christen gegen die Besatzungsheere der Mauren kämpfte und dabei tausende Sarazenen erschlagen haben soll, mit dem Beinahmen „Matamorus“, das heißt, Maurentöter, ausgezeichnet wurde. Im Spätmittelalter wurde er als „Soldat Christi“ bezeichnet und als galoppierender Ritter  dargestellt. „Santiago y cierra, España“ - Sankt Jakobus und greift an, Spanien - wurde zum Schlachtruf der spanischen Heere.

Der Pilgerweg entwickelte sich im 11. und 12. Jahrhundert zu einem der größten Pilgertraditionen des christlichen Westens. So ist es nicht verwunderlich, dass bereits im Jahre 1130  alle 15 Kilometer auf dem spanischen Weg ein Hospitz oder eine Herberge stand.

Im Jahr 1120 wurde die Kathedrale von Santiago sogar Sitz eines Erzbischofs und im 15. Jahrhundert wurde dort ein besonderes Gnadenjahr, das „Santo Año, eingeführt.

Das heilige Jahr wird auch heute noch in Santiago de Compostela gefeiert, nämlich dann, wenn der Namenstag des Heiligen, der 25. Juli, auf einen Sonntag fällt. Jedem Pilger wird in dem Jahr ein Ablass gewährt, wenn er reumütig durch die Porta Santo, dem heiligen Tor, die Kathedrale betritt.

Im Zuge der Säkularisierung nach den napoleonischen Kriegen wurde die karitative Infrastruktur des Pilgerweges fast vollständig aufgelöst. 1589 wurden die Gebeine des Heiligen  aus Furcht vor den Seeangriffen der Engländer umgebettet und versteckt. Erst ab 1879, nach der Wiederentdeckung der Reliquie, pilgerten wieder Menschen nach Santiago. Als 1884 Papst Leo XIII. die Echtheit der Gebeine anerkannte, nahm der Strom der Pilger stetig zu. Schon im ersten heiligen Jahr des 20. Jahrhundert wurden 140.000 Compostelen ausgestellt.

In der Neuzeit des Pilgerwesens nach Santiago, ab etwa 1970, erfuhr der Weg eine bemerkenswerte Renaissance. So stiegen die Zahlen der Pilger von 68 im Jahr 1970 auf sage und schreibe 179.944 Pilger im heiligen Jahr 2004. Im heiligen Jahr 2010 steigerten sich die Pilgerzahlen weiter auf 270.811, nicht zuletzt deshalb, weil Papst Benedikt XVI. in diesem Jahr Santiago de Compostela besuchte.

Bei der Bezeichnung des Jakobweges denkt man meist an den 703 Kilometer langen Hauptweg in Nordspanien, den Camino Francé, von Puente la Reina (eigentlich Obanos) nach Santiago.

In Spanien gibt es allerdings noch zwei weitere, große Pilgerwege. Zum Einen den Camino del Northe, der am Atlantik vorbeiführt und den Camino via de la Plata, der von Süden her von Sevilla über Salamanka nach Santiago führt. Durch Frankreich führen vier große Zubringerwege in Richtung der Pyrenäen.

-         Die Niederstrasse von Köln über Aachen, Brüssel, Paris, Orléans, Tours, Bordeaux, Ostabat und Pamplona;

-         Die Oberstrasse von Einsiedeln über Bern, Genf und Le Puy.

-         Der Camino Podiensis und

-         Der Camino Tolousiensis.

In Obanos vereinen sie sich mit dem nordspanischen Hauptweg dem Camino Francés. Betrachtet man die Pilgerwege insgesamt, so ist das europäische Wegenetz dem Netz  einer Spinne nicht unähnlich.

Es gibt natürlich nicht den einen Jakobsweg, sondern nur traditionelle Wege, die sich im Laufe der Jahrhunderte auf Grund der Infrastruktur gebildet haben. Grundsätzlich jedoch gilt, überall da, wo sich ein Pilger aufmacht, nach Santiago zum heiligen Apostel zu pilgern, ist ein Jakobsweg.

Damit möchte ich überleiten auf das, was den Jakobsweg wirklich ausmacht. Sicher ist, dass es für jeden etwas anderes ist, was den Weg ausmacht. Es ist nicht nur die Religion, es ist nicht nur das Abenteuer, es ist nicht nur die große Freiheit die man spürt und es ist auch nicht nur der Spiritismus dieses Weges, sondern die Summe all dieser Dinge, die den Weg zu einem besonderen Weg machen. Ich werde oft gefragt, warum ich mir nicht einen anderen Wanderweg ausgesucht habe. Darauf kann ich nur antworten; Ich bin viele, sicherlich schönere Wege gegangen, jedoch war keiner dabei, der meine Seele mehr bewegt hat als dieser Pilgerweg durch Nordspanien.

Wie ich bereits sagte, kann ich in der Kürze der Zeit, die mir zur Verfügung steht, natürlich nicht über den gesamten Weg berichten, den ich gegangen bin. Die Geschehnisse auf einer Strecke  von mehr als 1000 Kilometern sind nicht in einer Stunde erzählt. Aber ich möchte ihnen etwas über die ersten 176 Kilometer erzählen, die im Nachhinein die wichtigsten Kilometer für mich auf meinem Weg waren. Sie haben mich tief berührt und vorbereitet auf dass, was danach noch folgen sollte. Aber hören Sie selbst.

 

Morgen - Morgen breche ich auf,

zum Jakobsweg breche ich auf.

Alle wünschen mir Glück.

Alle freuen sich mit mir.

Sie beneiden mich gar.

Nur du, Herr, weißt mehr.

 

Du kennst meine Angst,

die Angst vor der Fremde,

die Angst vor dem Weg,

die Angst zu versagen,

die Angst nie anzukommen

an meinem Ziel

 

Dabei bist Du doch der Weg,

dabei bist Du ja mein Ziel,

dabei bist Du meine Freude,

dabei bist Du all mein Trost!

Endlich kann ich mich freuen

und du? - Du freust Dich mit mir.

 

Dieses Gebet schenkte mir ein 64jähriger Mann, der nach einem schweren Arbeitsunfall zweieinhalb Jahre brauchte, um wieder laufen zu können. Nach einem weiteren Jahr des Trainings machte er sich von Straßburg aus auf den Weg zum Grab des Apostels Jakobus, seinem Namenspatron, um sich bei ihm für seine Genesung zu bedanken.

An diesem Tag war ich nach 176 Kilometern zum ersten Mal allein auf diesem Weg, der doch so ganz anders geplant war. 

Die Idee, den Camino de Santiago mit dem Wohnmobil zu bereisen, kam uns, das heißt, meinem Freund Manfred und mir, Mitte des Jahres 2007. Mit unseren Ehefrauen wollten wir die insgesamt fast 4000 Km über die „Niederstrasse“ nach Santiago de Compostela und über den Camino del Northe, der am Atlantik vorbeiführt, zurück nach Hause reisen.

Leider verstarb mein Freund am 13.11.2007 im Alter von 59 Jahren an einem Herzinfarkt. Ich fühlte mich elend und meine Trauer war unbeschreiblich.

Im Januar des darauf folgenden Jahres entschieden meine Frau und ich, den spanischen Pilgerweg zu Fuß zu bewältigen. Nach der Lektüre eines Bestsellers zum Thema Jakobsweg, kündigte mir meine Frau die Gefolgschaft, weil der Autor dieses Machwerkes die Herbergen als „nicht bewohnbar“ beschrieb.

Im März beschloss ich dann, diesen Weg alleine zu gehen und ihn meinem verstorbenen Freund zu widmen.

Am 6. Juni 2008 stand ich also im französischen Oloron Saint Marie, den Rucksack auf meinem Rücken, die Stöcke in meinen Händen, und wartete auf den Bus, der mich zum Somport-Pass bringen sollte. Er ist mit 1632m der höchste der Pyrenäenübergänge. Hier beginnt der aragonesische Pilgerweg, der sich in Obanos mit dem navarrischen Weg vereinigt.

Ein kleiner, grauhaariger Mann fiel mir auf, der, genauso ausgerüstet wie ich, ebenfalls wartete. Ich sprach ihn an und fragte ihn, ob er auf dem Weg nach Santiago wäre.

„Si, - Si Si antwortete der Mann.

„Er ist also Italiener“, dachte ich.

Nun versuchte ich es mit der englischen Sprache; doch leider war die Antwort ebenfalls italienisch, also für mich wenig verständlich.

Schweigend standen wir nebeneinander. Der Bus zum Somport stoppte kurze Zeit später an der Haltestelle und wir stiegen ein. Auf der Fahrt zum Somport begann der Italiener zu reden. Sergio, so hieß er, erzählte mir, dass er den Weg nach Santiago jetzt zum achten Mal ging. Zweimal war er von Mailand aus den gesamten Weg nach Santiago zu Fuß gegangen. Nicht genug damit: Er ging ihn auch noch zurück. Runde 6000 Km in einem Stück, und das zu Fuß! Bis zu diesem Zeitpunkt glaubte ich, dass das, was ich vorhatte, eine große Sache sein würde. Doch angesichts der Schilderung von Sergio fühlte ich mich verdammt klein. Dabei hatte ich bisher nicht einen einzigen Schritt auf dem Camino gemacht.

Das Wort „Unterhaltung“ ist natürlich nur im weitesten Sinne als solches zu werten. Wild gestikulierend und verzweifelt formulierend wäre wahrscheinlich besser ausgedrückt. Aber immerhin: Die Kommunikation kam in Gang und nach einer Zeit der Eingewöhnung klappte sie sogar famos.

Dieser Mensch, der da jetzt neben mir saß, war meine Begleitung – besser gesagt – ich war seine Begleitung für die nächsten Wochen. 72 Jahre alt und drahtig wie ein Terrier. Ich hätte gewarnt sein müssen.

Dann war das Ziel erreicht – der Somportpass. Wolkenverhangen präsentierte er sich eher abweisend. Es war trotzdem ein unbeschreibliches Gefühl, dass mich in diesem Moment erfasste. Ich befand mich wirklich und wahrhaftig auf diesem Weg, der mich schon seit Anfang der achtziger Jahre so faszinierte.

Die Nacht in der Herberge gab mir zum ersten Mal ein Gefühl dessen, was mich auf dem Weg erwarten sollte, enge Schlafräume, quietschende Betten, schnarchende Pilger. Aber was war das gegen diese Freude, auf dem Jakobsweg zu sein.

Der nächste Morgen war nicht besser als der vorhergehende Abend. Ein Nieselregen hatte eingesetzt und die Landschaft um mich herum verschwamm in einem dunklen Grau.

Das Frühstück war spanisch karg und bestand aus getoastetem Brot und Marmelade. Dann gingen wir los, das heißt, fast liefen wir los, so schnell war der Schritt, den Sergio vorlegte. Mein Ehrgeiz war geweckt, dieses Tempo unbedingt mithalten zu wollen.

Schon nach dem ersten Tag durch die herrliche Bergwelt der Pyrenäen rächte sich mein Ehrgeiz. Die erste Etappe nach Jaca war mit 32 km viel zu lang für mich und ich hatte viel zu viel Gepäck dabei, denn mit 17 Kg war mein Rucksack zu schwer. Schon nach etwa 20 km schmerzte die   Achillessehne des rechten Fußes. Spätestens hier hätte ich mir eingestehen müssen, dieses Tempo nicht weiter durchzustehen. - Aber Ehrgeiz macht bekanntlich blind.

Der zweite Tag begann wie der Erste endete. Hinkend versuchte ich, dem Tempo, das Sergio vorlegte, zu folgen. Wenigstens war das Wetter besser. Nach 28 Km erreichten wir Arres und ich war froh, auch diesen Tag überstanden zu haben.

Arres war eine Herberge, die im „Geiste von Grañon“ geführt wurde;  das heißt: Hier wurde gemeinsam gebetet, gekocht,  gegessen und gespült. Das alles, um ein „Wir-Gefühl“ zu vermitteln. Dies gelang den beiden Hospitaleros, einem Ehepaar aus Canada, sehr gut.

In Arres lernte ich Ana kennen. Sie war Baskin und ging diesen Weg zum siebten Mal. Ihr Weg begann ebenfalls auf dem Somport, allerdings einen Tag früher. Auch mit ihr war eine Verständigung schwierig da sie nur spanisch und baskisch sprach. Ich sollte ihr noch oft auf meinem Weg begegnen.

Der Weg nach Artieda war ein besonders Erlebnis, da er durch eine bizarre Landschaft führte. Diese war geprägt  von Lehmschiefer, der an vielen Stellen vollkommen frei von Bewuchs war. Nicht einmal Gras fand hier genügend Nährstoffe um zu wachsen. Manchmal hatte ich das Gefühl, durch eine Mondlandschaft zu wandern.

So vergingen die Tage wie im Flug. Meine Achillessehne schmerzte von Tag zu Tag mehr und zusätzlich sorgten ganz gemeine Blasen auf den Spitzen meiner kleinen Zehen dafür, die Schmerzen noch zu erhöhen. Ich lief von einer Herberge zur anderen in der Hoffnung, meine Füße würden sich irgendwann an die Belastung gewöhnen. Diesen Gefallen taten sie mir allerdings nicht.

Nach Undués de Lerda erreichten wir Sangüesa, die zweite kleine Stadt auf unserem Weg. Hier kam ich auf die Idee, mein Gepäck zu reduzieren. Ich sortierte alle Dinge aus, die ich meinte, nicht mehr zu benötigen. Immerhin konnte ich meinen Rucksack hierbei um 5 Kg erleichtern. In meinem unumstößlichen Optimismus schickte ich das Paket postlagernd nach Santiago, ohne zu wissen, ob ich jemals dort ankommen würde.

Carla, ebenfalls eine Italienerin, die ich bereits in Artieda kennen gelernt hatte, wurde von den gleichen  Problemen heimgesucht wie ich. Nur schmerzte ihr zusätzlich noch das linke Schienbein, allem Anschein nach  eine Knochenhautentzündung. Beim gemeinsamen Abendessen erzählte sie, dass sie noch durch die Schlucht von Lumbier gehen wollte um danach von Pamplona aus nach Hause zu fliegen, zu groß wären die Schmerzen um weiter zu gehen. Ich fand es sehr schade, dass sie ihren Traum aufgeben musste, in Santiago anzukommen.

Der nächste Morgen war ein trauriger Morgen. Wir gingen zu Dritt, Carla, Sergio und ich, in Richtung Lumbier. Doch schon nach wenigen Kilometern wurde Carla so langsam, das wir uns von ihr trennen mussten, wenn wir unser Ziel, an diesem Tag noch nach Monreal zu kommen, erreichen wollten. Mit Tränen in den Augen verabschiedeten wir uns voneinander. Ich ahnte in diesem Augenblick, dass dieser Weg ein einziges Abschied nehmen sein würde.

Die Schlucht von Lumbier entpuppte sich zu einem grandiosen Erlebnis. Dieser Cañon war früher zu Fuß nicht zu erreichen. Erst die beiden Tunnel, einer am Beginn der Schlucht und einer am Ende, machten diese Naturbühne auch für Wanderer zugänglich. Eine Mitpilgerin erzählte mir bereits in Artieda, dass besonders am frühen Abend der Aufenthalt in dieser Schlucht von besonderem Reiz sei. Dann nämlich würden die großen Greifvögel wie Gänsegeier, Rotmilane und Adler ihre Horste und Schlafplätze aufsuchen, die sich in dieser Schlucht befinden. Dieses Naturschauspiel erlebten wir  leider nicht, denn das Tagesziel, Monreal, war noch weit.

Die nächsten Kilometer, die nun folgten, waren für mich der absolute Super GAU. Der steile Aufstieg nach Izco brachte mich an den Rand der totalen Erschöpfung. Der gesamte Hang war vollkommen aufgeweicht und lehmig. Mit jedem Schritt den ich tat, meinte ich zu wachsen. Nicht an meiner Leistung sondern durch den Lehm, der sich unter meinen Sohlen sammelte. Sergio schien dies alles nichts auszumachen. Wie eine Bergziege marschierte er los und war schon bald aus meinen Augen verschwunden. Ich haderte mit mir, mit dem Weg, überhaupt mit der ganzen Idee, diesen Weg zu gehen. Meine Moral ging gegen Null und vor Wut und Angst darüber, dieser Aufgabe nicht gewachsen zu sein, hatte ich Tränen in den Augen.  Endlich, nach einer mir endlos erscheinenden Zeit, erblickte ich auf dem höchsten Punkt des Weges Sergio, der lässig auf seinem Krückstock gestützt meine Ankunft erwartete. Ich hätte ihn umbringen können.

Stattdessen reinigte ich nach meiner Ankunft in einer Pfütze meine Schuhe vom Lehm, nur um ihm nicht zu zeigen, wie fertig ich war. Natürlich hatte er  mitbekommen, dass es mir nicht besonders gut ging; schon nach wenigen hundert Metern auf dem Weg nach Izco, machte er an einem Baumstamm, der am Rande des Pfades lag, Halt. Er nahm in aller Ruhe Brot und Käse aus seinem Rucksack, schnitt von jedem ein Stück ab und reichte es mir. Ich verstand, dass er die Pause nur meinetwegen gemacht hatte. Er selbst hätte sie sicher nicht nötig gehabt. Es wurde mir immer bewusster, wie viel Glück ich hatte, auf diesen Mann getroffen zu sein.

Nach dem Mahl war der eine Kilometer bis Izco nur noch ein Katzensprung. Auf dem Weg dorthin überlegte ich mir, vielleicht doch nicht bis Monreal zu gehen, immerhin noch knapp 10 Km, sondern in der Herberge von Izco zu übernachten. Dort angekommen, war ich mir immer noch unschlüssig. Die Entscheidung war schwierig, denn; - einerseits könnte ich mich ausruhen, wenn ich in Izco bleiben würde – andererseits wäre ich dann ganz allein auf dem Weg.

Nach einer fürchterlich schmeckenden Tasse Kaffee con Leche und einem Salat, der vielleicht Tage vorher noch als ein solcher hätte durchgehen können, fiel mir die Entscheidung plötzlich leicht. Allein der Gedanke, dass das Bett so sein würde wie der Salat und die Tasse Kaffee, beflügelte meine Phantasie gewaltig. Das alles war sicher in Monreal besser.

Schon ein oder zwei Kilometer weiter bereute ich die Entscheidung schon wieder. Die schmerzenden Füße bereiteten mir bei jedem Schritt Höllenqualen. Ich versuchte, locker in den Knien zu gehen; dann wiederum ging ich mit nach außen gestellten Fußspitzen; ich versuchte es mit kleinen Schritten, ich versuchte es  mit großen Schritten. Nichts half! Die Schmerzen blieben und machten jeden Kilometer zur Qual. Zum ersten Mal stellte ich mir die Frage: „Was habe ich bloß verbrochen, dass ich solche Qualen erleiden muss?“ „Für welche Missetaten muss ich büßen auf diesem Weg?“ Natürlich habe ich keine Antworten erwartet, aber losgelassen haben mich die Fragen auch nicht mehr.

Nach zweieinhalb Stunden der Pein hatte ich zwei Ziele vor Augen. Das eine Ziel war erreicht - Monreal. Die Pilgerbrücke, über die ich gehen musste, war wie ein Sinnbild. Denn das andere Ziel war wie ein Brückenschlag; meine Heimreise am nächsten Morgen.

Ich hatte diesen Weg satt. Ich war fertig mit dem Mythos Camino de Santiago. Soll doch zum heiligen Jakob gehen wer will! Ich jedenfalls nicht!

Das Erste, was ich bei der Ankunft in der Herberge tat war, Sergio mein Vorhaben mitzuteilen. Es wunderte mich überhaupt nicht, dass er dazu mit keinem Wort Stellung bezog. Er hatte wohl schon damit gerechnet. Dann rief ich meine Frau an. Sie sollte mir für den nächsten oder übernächsten Tag einen Flug von Pamplona nach Deutschland buchen. Erbaut von meiner Entscheidung war sie nicht und sie versuchte mich umzustimmen. Jedoch stand mein Entschluss fest. Ich wollte hier weg!

Am Morgen des darauf folgenden Tages sah ich, im Bett liegend zu, wie alle anderen Pilger so nach und nach die Herberge verließen. Als endlich der Letzte gegangen war und Ruhe in der Herberge eingekehrt war, fand ich es an der Zeit ebenfalls aufzustehen und mich für die Busfahrt nach Pamplona fertig zu machen. Als ich dann mit meinem Rucksack in die Küche kam, um zu frühstücken, traute ich meinen Augen nicht. Sergio hatte den Tisch gedeckt, Tee gekocht und auch für mich Brote geschmiert. Eigentlich sollte er schon seit fast zwei Stunden auf dem Weg sein aber er hat auf mich gewartet – er hat wirklich auf mich gewartet! In diesem Augenblick konnte ich meine Gefühle nicht mehr kontrollieren. Ich habe geweint wie ein kleines Kind. Auch in diesem Moment hatte er keine Worte für mich, sondern er strich mir nur mit seiner Hand über den Rücken, als wolle er ein Kind trösten.

Nachdem wir gemeinsam gefrühstückt, das Geschirr gespült und weggeräumt hatten, nahm jeder seinen Rucksack und wir gingen hinaus auf die Straße. Dort schaute Sergio mich traurig an und meinte schulterzuckend, dass ich jetzt wohl mit dem Bus nach Pamplona fahre und er nach Santiago gehen würde.

 

In meinen Notizen  steht zu diesem Moment folgendes:

 

Es ist so, als ob sich vor meinen Augen  ein Tor öffnet, so groß wie das einer Scheune. Ich sehe plötzlich klar und deutlich mein Ziel vor Augen und das heißt nicht  „Nach Hause!“. Ich weiß jetzt, das ich weiter mit Sergio nach Santiago gehe, komme was will. Mir fällt ein Zitat ein, ich weiß nicht von wem, es lautet: „Egal wohin du gehst, geh mit deinem ganzen Herzen“. Heute Morgen ist mein Herz dabei, heute Morgen bin ich zum ersten Mal auf dem Camino de Santiago. Ich bin ein Peregrino. Jetzt kann ich mit Stolz meine Muschel tragen. Ich bin endlich auf meinem Weg, den ich mir doch schon so viele Jahre herbei geträumt habe.

Ich bin euphorisch und seltsam beschwingt. Ein großer Teil der Last, die ich bis hierher getragen habe, fällt ab. Ich bin frei für neue, noch unbekannte Dinge. Ich habe ein klares Ziel vor Augen.

"Ultreïa e sus eia, deus aia nos."

Zum ersten Mal begreife ich jetzt auch diesen alten Pilgerruf:

“Vorwärts, immer weiter und aufwärts, Gott helfe uns.“

Ein so starkes Gefühl wie in diesem Moment habe ich seit Jahrzehnten nicht mehr erlebt. Es regt sich in mir eine ungeahnte Kraft, die mich jetzt vorantreibt. Selbst die Schmerzen sind nicht mehr dieselben wie gestern. Sie sind da und doch nicht da. Ich habe keine Angst mehr.

 

Zitat Ende.

 

Warum erzähle ich über diese ersten Tage so ausführlich?

Diese Tage brachten mir die entscheidenden Impulse für meinen Weg nach Santiago de Compostela. Sie machten mich, mit Hilfe von Sergio, bereit für diesen Weg - ja sie waren der Grundstock für die tiefe Verwurzelung mit diesem Weg. Ohne das bis hierhin Erlebte wäre dieser Weg leer, ohne Tiefgang, ohne bleibenden Eindruck. Meine innere Einstellung zur Pilgerschaft wurde in diesen ersten Tagen geformt. So wurde aus dem Weg „zum Apostel“ der Weg „zu meinem Apostel“.

Die kommenden Tage waren hauptsächlich geprägt durch meine Schmerzen, die mich immer mehr behinderten. Ich wurde langsamer und langsamer und immer öfter musste Sergio auf mich warten. Dass er dazu überhaupt bereit war, bestätigte mein Urteil über diesen Mann. Er war ein verlässlicher Führer der mir nie einen Vorwurf machte, nicht so schnell gehen zu können, wie er es sicher getan hätte - wenn er alleine gewesen wäre.

Ich fühlte mich immer mehr wie ein Klotz an seinem Bein. Die Pausen, die ich einlegen musste, häuften sich. Dann erreichten wir endlich den Ort, an dem der Camino Arragonese endete und der Camino Francés begann; -  Puente la Reina.

Die Stadt mit der wohl schönsten Pilgerbrücke auf dem Camino, -  ein erstaunliches Bauwerk, erhaben und mit sechs kühnen Bögen den Rio Arga überspannend. Oft habe ich Fotos dieser Brücke gesehen. Aber der Eindruck, den sie hinterließ, als ich sie wirklich mit meinen eigenen Augen sah, war  umwerfend. Ich dachte darüber nach, wie viele Pilgerfüße diese fast tausend Jahre alte Brücke getragen und sicher ans andere Ufer gebracht hatte.

Während Sergio sich mit einem Landsmann lebhaft und in typisch italienischer Art unterhielt, nutzte ich die Zeit, einen Besuch in der nahen Kirche des Kreuzes zu machen. In einer der Apsiden stand das große Kreuz in Y-Form. Es stammt aus dem 14. Jahrhundert. und wurde im Rheinland gebaut.

Ich war der einzige Besucher. Der Raum lag in einem kühlen Halbdunkel. Ich setzte mich auf eine der Bänke und dachte darüber nach, wie der Weg wohl weitergehen würde. Eigentlich müsste ich eine Pause einlegen, damit sich mein Körper etwas von den Strapazen erholen kann. Vor allen Dingen bräuchten meine Füße dringend einen Ruhetag, aber Sergio wollte schon am nächsten Tag weiter nach Estella. Im Normalfall eine lösbare Aufgabe - aber mit meinen Füßen!?

Zurück im Refugio der kirchlichen Gemeinde traf ich Peter, einen Pilger aus Konstanz am Bodensee. Er war schon seit vielen Wochen unterwegs, da er von zu Hause aus gestartet war. Seine Geschichte war typisch für viele, die auf dem Camino unterwegs waren.

Verheiratet, keine Kinder, beide selbständig. Er besaß einen Drogeriemarkt, seine Frau war Unternehmens-beraterin. Beide hatten nur selten Zeit füreinander. Es ging immer nur ums Geschäft. Dann das Unglück! Seine Frau kam bei einem Verkehrsunfall mit 54 Jahren ums Leben. Er erzählte, dass seine Frau und er oft darüber gesprochen hatten, den Gewinn aus dem Verkauf der beiden Geschäfte dazu zu verwenden, mit sechzig Jahren in den wohlverdienten Ruhestand zu gehen. Sie wollten all die verlorene Zeit nachholen, die sie vorher nie füreinander hatten. - Vorbei! - Der Verlust stürzte ihn in eine tiefe Depression, aus der er sich selbst nicht befreien konnte. Erst eine Psychotherapie half ihm, die Dinge neu zu beurteilen. Letztlich führte diese dazu, dass er sein Geschäft verkaufte und als Einstieg in sein neues, anderes Leben, den Jakobsweg ging.

Die Nacht im Schlafsaal war eine kurze Nacht. Irgendwann zwischen dunkel und ganz dunkel machte ein Pilger auf sich aufmerksam, indem er fürchterlich schnarchend alle Schläfer aus ihren Träumen riss. Nicht genug des Schnarchens, plötzlich begann der Unhold lauthals zu singen. Ein schönes italienisches Lied - nur zur falschen Stunde. Ich hatte den Eindruck, dass alle Matratzen sich im Gleichtakt auf und ab bewegten – wahrscheinlich, weil jeder - so wie ich, sein Lachen unterdrücken wollte.  Nach einer kurzen Zeit erbarmte sich jemand und weckte den Übeltäter. Dann war Ruhe. Ein leises Rascheln verriet indes, dass der Schnarcher sich nach etwa 10 Minuten, samt seiner Habe, aus dem Staube machte. Wo der arme Kerl den Rest der Nacht verbrachte, weiß ich nicht.

Wir waren ein letztes Mal auf der Pilgerbrücke. Diesmal überschritten wir sie und wanderten in Richtung Estella. Der frühe Morgen versprach einen schönen Tag. Auch ich war guter Dinge, hatte ich mir doch in Puente la Reina neue, bequeme Sportschuhe gekauft. Für meine Zehen war es eine Wohltat, nicht mehr in den beengenden Wanderschuhen zu stecken. Nach 5 Km jedoch meldeten sich meine Fersen zu Wort. Kurz vor Cirauqui hätte ich am liebsten meine neuen Schuhe in die Mülltonne geschmissen. Sergio war schon wieder weit vor mir und erreichte bereits den Ortsrand. Dort setzte er sich auf einen Stein und wartete. Es belastete mich nun zunehmend, ständig der Letzte zu sein -  ständig hinterher zu rennen. Es reifte in mir der Entschluss, alleine den Weg weiterzugehen, auch wenn es mir in meiner Seele wehtat.

Hinter Cirauqui war es dann soweit. An einer Quelle, bei der sich ein Rastplatz befand, machten wir Pause. Nach einer halbstündigen Debatte über meinen Entschluss, alleine weitergehen zu wollen, konnte ich Sergio überzeugen, dass es für mich und auch für ihn das Beste sei. Der Abschied vollzog sich unter Tränen sowohl bei Sergio als auch bei mir. Die vielen Tage, die wir zusammen verbrachten, hatten uns eng aneinander geschweißt. Enger, als uns bewusst war, das wurde mir in diesem Augenblick klar. Als Sergio ging, rief ich ihm neben einem  „Buen Camino“ noch hinterher, dass wir uns in Santiago wieder sehen würden. Nie und nimmer hatte ich das wirklich geglaubt. Hier war der Wunsch der Vater des Gedankens.

Dann war er aus meinem Blickfeld verschwunden und die Tränen flossen ungehemmt aus mir heraus. Jetzt war ich tatsächlich allein – und genau so fühlte ich mich – Allein! Mein Herz schlug schneller bei dem Gedanken, niemanden mehr neben mir zu spüren, keine Stimme mehr zu hören die mir sagte, wohin der Weg führt.

Eine halbe Stunde saß ich so da und war wie erstarrt. Dann bekam ich Hunger. Essen und Trinken hält Leib und Seele zusammen und nach einem Stück Schafskäse und einem trockenen Baguette aus meinem Rucksack ging es mir besser. Ich  versorgte meine neuen Blasen an den Fersen,  klebte Gewebeband auf jede Stelle die aussah, als wäre sie blasenverdächtig und machte mich dann auf den Weg. Der Reiseführer, der sich in der Seitentasche meiner Hose befand und bisher nur wenig benutzt wurde, war nun mein Wegbegleiter.  Lorca war mein nächstes Ziel.

Und hier meine Zuhörerinnen und Zuhörer schließt sich der Kreis zum Anfang des Vortrages und sie können vielleicht ermessen, wie viel Wahrheit für mich in diesem Gebet steckte.

Es war die wichtigste Zeit meiner Pilgerfahrt nach Santiago, in ihr vollzog sich in mir eine Wandlung, die mich den weiteren Weg so erleben ließ, wie er sich in meinen Notizen widerspiegelte.

 

Streckenübersicht Teil I:

 

        Somport

                 Canfranc-Estation

 Canfranc

 Villanúa

Jaca                             32,2 Km

        Santa Cilia de Jaca

       Arrés                            25,7 Km

       Artieda                       17,9 Km

        Ruesta

       Undués de Lerda    22,7 Km

       Sangüesa                  10,6 Km

                Lumbier

                Izco

       Monreal                     31,8 Km

       Tiebas                        14,1 Km

                Eunate

                Obanos

       Puente la Reina     18,6 Km

                Cirauqui

       Lorca                           13,2 Km